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Feuilleton

Das annus mirabilis des Wunderteams?

1945 1960 1980 2000 2020

2016 könnte das Jahr des österreichischen Fussballs werden. Erstmals hat die rot-weiss-rote Nationalmannschaft die realistische Chance, Europameister zu werden. Man wird ja noch träumen dürfen.

1945 1960 1980 2000 2020

2016 könnte das Jahr des österreichischen Fussballs werden. Erstmals hat die rot-weiss-rote Nationalmannschaft die realistische Chance, Europameister zu werden. Man wird ja noch träumen dürfen.

Das ganze Land steht Kopf, Herbert Prohaska und Rainer Pariasek stoßen im Fernsehstudio mit Champagner an: Österreich ist Fußball-Europameister - zumindest in einem fiktionalen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2008. "Das Wunder von Wien" hieß die von David Schalko ersonnene Mockumentary, und es wäre tatsächlich ein Wunder gewesen, wenn Österreich vor acht Jahren bei der Heim-EM den Titel gewonnen hätte: Auf sportlichem Weg hätte sich das Team aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal qualifizieren können, seine Teilnahme verdankte es allein der Tatsache, dass Österreich Gastgeber und die Mannschaft somit automatisch mit dabei war.

2016 - konkret von 10. Juni bis 10. Juli - findet abermals eine Fußball-Europameisterschaft statt. Und diesmal wäre es kein Wunder mehr, wenn Österreich gewinnen würde. Erstmals seit 62 Jahren hat eine österreichische Nationalmannschaft eine realistische Chance auf einen internationalen Titel. Die Mannschaft liegt in der FIFA-Weltrangliste auf Platz zehn und ist die sechstbeste europäische Elf. Da darf man schon von einem Titel träumen, denn bei einem solchen Turnier können auch die auf dem Papier Schwächeren obsiegen. Man denke nur an die Nationalmannschaften von Dänemark und Griechenland, die 1992 beziehungsweise 2004 überraschend Europameister wurden - und die waren damals beide viel größere Außenseiter als das österreichische Team heute.

Die lange sportliche Durststrecke seit der letzten Weltmeisterschafts-Teilnahme in Frankreich 1998 kann leicht vergessen machen, dass Österreich in der Vergangenheit durchaus eine große Fußballnation war. 1934 gelangte das "Wunderteam" um Kapitän Matthias Sindelar bei der WM in Italien bis ins Halbfinale, wo es unter dubiosen Bedingungen am Gastgeber scheiterte. Bei der Weltmeisterschaft 1954 belegte das Nationalteam (unter anderen mit dem legendären Gerhard Hanappi) den dritten Platz - der bislang größte Erfolg in seiner Geschichte. Nicht unerwähnt darf das Team der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre mit den Weltklasse-Spielern Herbert Prohaska und Hans Krankl bleiben, dessen sportliche Bilanz jedoch mager ausfiel. Der größte Erfolg von Schneckerl & Co. ist das "Wunder von Córdoba" bei der WM 1978 in Argentinien - ein zum Mythos gewordener Sieg über Deutschland, Balsam auf die österreichische Seele, aber sportlich bedeutungslos.

"ALABA IST UNSER GOTT"

Heute gibt es wieder eine "goldene Generation" von Spielern, was sich auch daran ablesen lässt, dass zahlreiche Österreicher im Ausland reüssieren, vor allem in der deutschen Bundesliga, aber auch in der englischen Premier League. David Alaba ist einer der Schlüsselspieler des deutschen Rekordmeisters Bayern München und wird von seinem Trainer Pep Guardiola im wahrsten Sinne des Wortes in den Himmel gelobt: "Alaba ist unser Gott". Dass Alaba auch in Österreich unantastbar geworden ist, bekam Andreas Mölzer zu spüren: Als der FPÖ-Ideologe und notorische Provokateur sich abfällig über den Migrantensohn äußerte, war seine lange politische Karriere im Handumdrehen beendet. Dann ist da noch Marko Arnautovic, der einstige Bad Boy der österreichischen Nationalspieler, der aber mittlerweile menschlich und als Spieler erwachsen geworden ist. Kürzlich hat der Stürmer von Stoke City mit zwei Toren den Champions-League-Teilnehmer Manchester City quasi im Alleingang versenkt. Schier unglaublich klingt auch diese Momentaufnahme: Christian Fuchs, der Kapitän des Nationalteams, steht mit dem Überraschungsteam Leicester City derzeit an der Spitze der englischen Liga. Und Weltenbummler Marc Janko, seit Kurzem unter Vertrag beim FC Basel, führt die Schweizer Torschützenliste an.

Als österreichischer Fußballbeobachter, der den bitteren Geschmack der Niederlage gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen hat, kann man sich angesichts einer solchen Zustandsbeschreibung nur die Augen reiben.

"TAKTIK WIRD ÜBERBEWERTET"

Der Aufschwung lässt sich auch an zwei weiteren Namen festmachen. Der eine lautet klarerweise Marcel Koller. Mit dem Schweizer Tüftler hat 2011 endlich moderne taktische Finesse Einzug ins Nationalteam gehalten. Viele Trainer vor ihm verstanden sich ja eher als Galionsfiguren, deren konstruktivste Anweisung lautete: "Spielts, Burschen!"; es herrschte das zweifelhafte Motto "Taktik wird überbewertet" (© Ex-Nationaltrainer Dietmar Constantini). Die zweite Person, die in Zusammenhang mit dem Aufschwung des österreichischen Nationalteams genannt werden muss, ist Willi Ruttensteiner, der seit 15 Jahren als Sportdirektor des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB) die Nachwuchsförderung auf internationales Niveau gehievt hat.

Diese Arbeit hat sich ausgezahlt, wie die Erfolge der Nachwuchsnationalmannschaften in den letzten Jahren belegen. Im Jahr 2015 etwa konnten sich sowohl die U-17-, die U-19- und die U-20-Nationalmannschaften für die jeweiligen Weltmeisterschaften in diesen Altersklassen qualifizieren. Auch wenn solche Veranstaltungen unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle liegen: Von einigen, die da mit dabei sind, wird man in Zukunft wohl noch mehr hören. Zum Beispiel vom 19-jährigen Nachwuchstalent Philipp Lienhart, der kürzlich als allererster Österreicher in der ersten Mannschaft von Real Madrid gespielt hat. Das muss man sich einmal vorstellen: ein Österreicher bei den Königlichen!

All das lässt hoffen, dass der derzeitige Höhenflug des Nationalteams nicht nur ein kurzes Strohfeuer darstellt, sondern auch in den nächsten Jahren anhalten wird. Natürlich ist es genauso gut möglich, dass das ÖFB-Team bei der Europameisterschaft in Frankreich bereits in der Gruppenphase ausscheidet. Die Portugiesen mit ihrem Superstar Cristiano Ronaldo sind eine starke Mannschaft, die Isländer haben in der Qualifikation für Furore gesorgt und auch Ungarn ist nicht zu unterschätzen. Aber allein der Gedanke an einen möglichen Titelgewinn sorgt wohl bei jedem Fußballfan für ungeheuren Nervenkitzel. In "Fever Pitch", dem Klassiker der modernen Fußball-Literatur, versucht der britische Schriftsteller Nick Hornby einen Vergleich für jenes überwältigende Erlebnis zu finden, als seine Mannschaft - Arsenal London - durch ein Tor in letzter Minute die englische Meisterschaft zum ersten Mal seit 18 Jahren wieder für sich entschied: "Keiner der Augenblicke, die Menschen als die schönsten in ihrem Leben beschreiben, scheint mir vergleichbar zu sein", schreibt Hornby: nicht Sex (über den er immerhin festhält: "kein 0:0-Unentschieden, keine Abseitsfalle, keine Pokalüberraschungen und dir ist warm"), ja nicht einmal die Geburt eines Kindes, weil dieser das Element der Überraschung fehle.

Man kann angesichts dieser Worte das mitleidige Kopfschütteln mancher Leser förmlich sehen. All jenen, die jetzt der Meinung sind, dass man schon eine ziemlich armselige Existenz fristen müsse, um sich derart über einen fußballerischen Erfolg zu freuen, hält Hornby im Namen aller Fußballfans prophylaktisch entgegen: "Uns fehlt weder die Phantasie, noch haben wir traurige leere Leben; es ist nur so, dass das wirkliche Leben blasser, glanzloser ist und weniger Potential für unerwartete Raserei enthält."

Das ganze Land steht Kopf, Herbert Prohaska und Rainer Pariasek stoßen im Fernsehstudio mit Champagner an: Österreich ist Fußball-Europameister - zumindest in einem fiktionalen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2008. "Das Wunder von Wien" hieß die von David Schalko ersonnene Mockumentary, und es wäre tatsächlich ein Wunder gewesen, wenn Österreich vor acht Jahren bei der Heim-EM den Titel gewonnen hätte: Auf sportlichem Weg hätte sich das Team aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal qualifizieren können, seine Teilnahme verdankte es allein der Tatsache, dass Österreich Gastgeber und die Mannschaft somit automatisch mit dabei war.

2016 - konkret von 10. Juni bis 10. Juli - findet abermals eine Fußball-Europameisterschaft statt. Und diesmal wäre es kein Wunder mehr, wenn Österreich gewinnen würde. Erstmals seit 62 Jahren hat eine österreichische Nationalmannschaft eine realistische Chance auf einen internationalen Titel. Die Mannschaft liegt in der FIFA-Weltrangliste auf Platz zehn und ist die sechstbeste europäische Elf. Da darf man schon von einem Titel träumen, denn bei einem solchen Turnier können auch die auf dem Papier Schwächeren obsiegen. Man denke nur an die Nationalmannschaften von Dänemark und Griechenland, die 1992 beziehungsweise 2004 überraschend Europameister wurden - und die waren damals beide viel größere Außenseiter als das österreichische Team heute.

Die lange sportliche Durststrecke seit der letzten Weltmeisterschafts-Teilnahme in Frankreich 1998 kann leicht vergessen machen, dass Österreich in der Vergangenheit durchaus eine große Fußballnation war. 1934 gelangte das "Wunderteam" um Kapitän Matthias Sindelar bei der WM in Italien bis ins Halbfinale, wo es unter dubiosen Bedingungen am Gastgeber scheiterte. Bei der Weltmeisterschaft 1954 belegte das Nationalteam (unter anderen mit dem legendären Gerhard Hanappi) den dritten Platz - der bislang größte Erfolg in seiner Geschichte. Nicht unerwähnt darf das Team der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre mit den Weltklasse-Spielern Herbert Prohaska und Hans Krankl bleiben, dessen sportliche Bilanz jedoch mager ausfiel. Der größte Erfolg von Schneckerl & Co. ist das "Wunder von Córdoba" bei der WM 1978 in Argentinien - ein zum Mythos gewordener Sieg über Deutschland, Balsam auf die österreichische Seele, aber sportlich bedeutungslos.

"ALABA IST UNSER GOTT"

Heute gibt es wieder eine "goldene Generation" von Spielern, was sich auch daran ablesen lässt, dass zahlreiche Österreicher im Ausland reüssieren, vor allem in der deutschen Bundesliga, aber auch in der englischen Premier League. David Alaba ist einer der Schlüsselspieler des deutschen Rekordmeisters Bayern München und wird von seinem Trainer Pep Guardiola im wahrsten Sinne des Wortes in den Himmel gelobt: "Alaba ist unser Gott". Dass Alaba auch in Österreich unantastbar geworden ist, bekam Andreas Mölzer zu spüren: Als der FPÖ-Ideologe und notorische Provokateur sich abfällig über den Migrantensohn äußerte, war seine lange politische Karriere im Handumdrehen beendet. Dann ist da noch Marko Arnautovic, der einstige Bad Boy der österreichischen Nationalspieler, der aber mittlerweile menschlich und als Spieler erwachsen geworden ist. Kürzlich hat der Stürmer von Stoke City mit zwei Toren den Champions-League-Teilnehmer Manchester City quasi im Alleingang versenkt. Schier unglaublich klingt auch diese Momentaufnahme: Christian Fuchs, der Kapitän des Nationalteams, steht mit dem Überraschungsteam Leicester City derzeit an der Spitze der englischen Liga. Und Weltenbummler Marc Janko, seit Kurzem unter Vertrag beim FC Basel, führt die Schweizer Torschützenliste an.

Als österreichischer Fußballbeobachter, der den bitteren Geschmack der Niederlage gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen hat, kann man sich angesichts einer solchen Zustandsbeschreibung nur die Augen reiben.

"TAKTIK WIRD ÜBERBEWERTET"

Der Aufschwung lässt sich auch an zwei weiteren Namen festmachen. Der eine lautet klarerweise Marcel Koller. Mit dem Schweizer Tüftler hat 2011 endlich moderne taktische Finesse Einzug ins Nationalteam gehalten. Viele Trainer vor ihm verstanden sich ja eher als Galionsfiguren, deren konstruktivste Anweisung lautete: "Spielts, Burschen!"; es herrschte das zweifelhafte Motto "Taktik wird überbewertet" (© Ex-Nationaltrainer Dietmar Constantini). Die zweite Person, die in Zusammenhang mit dem Aufschwung des österreichischen Nationalteams genannt werden muss, ist Willi Ruttensteiner, der seit 15 Jahren als Sportdirektor des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB) die Nachwuchsförderung auf internationales Niveau gehievt hat.

Diese Arbeit hat sich ausgezahlt, wie die Erfolge der Nachwuchsnationalmannschaften in den letzten Jahren belegen. Im Jahr 2015 etwa konnten sich sowohl die U-17-, die U-19- und die U-20-Nationalmannschaften für die jeweiligen Weltmeisterschaften in diesen Altersklassen qualifizieren. Auch wenn solche Veranstaltungen unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle liegen: Von einigen, die da mit dabei sind, wird man in Zukunft wohl noch mehr hören. Zum Beispiel vom 19-jährigen Nachwuchstalent Philipp Lienhart, der kürzlich als allererster Österreicher in der ersten Mannschaft von Real Madrid gespielt hat. Das muss man sich einmal vorstellen: ein Österreicher bei den Königlichen!

All das lässt hoffen, dass der derzeitige Höhenflug des Nationalteams nicht nur ein kurzes Strohfeuer darstellt, sondern auch in den nächsten Jahren anhalten wird. Natürlich ist es genauso gut möglich, dass das ÖFB-Team bei der Europameisterschaft in Frankreich bereits in der Gruppenphase ausscheidet. Die Portugiesen mit ihrem Superstar Cristiano Ronaldo sind eine starke Mannschaft, die Isländer haben in der Qualifikation für Furore gesorgt und auch Ungarn ist nicht zu unterschätzen. Aber allein der Gedanke an einen möglichen Titelgewinn sorgt wohl bei jedem Fußballfan für ungeheuren Nervenkitzel. In "Fever Pitch", dem Klassiker der modernen Fußball-Literatur, versucht der britische Schriftsteller Nick Hornby einen Vergleich für jenes überwältigende Erlebnis zu finden, als seine Mannschaft - Arsenal London - durch ein Tor in letzter Minute die englische Meisterschaft zum ersten Mal seit 18 Jahren wieder für sich entschied: "Keiner der Augenblicke, die Menschen als die schönsten in ihrem Leben beschreiben, scheint mir vergleichbar zu sein", schreibt Hornby: nicht Sex (über den er immerhin festhält: "kein 0:0-Unentschieden, keine Abseitsfalle, keine Pokalüberraschungen und dir ist warm"), ja nicht einmal die Geburt eines Kindes, weil dieser das Element der Überraschung fehle.

Man kann angesichts dieser Worte das mitleidige Kopfschütteln mancher Leser förmlich sehen. All jenen, die jetzt der Meinung sind, dass man schon eine ziemlich armselige Existenz fristen müsse, um sich derart über einen fußballerischen Erfolg zu freuen, hält Hornby im Namen aller Fußballfans prophylaktisch entgegen: "Uns fehlt weder die Phantasie, noch haben wir traurige leere Leben; es ist nur so, dass das wirkliche Leben blasser, glanzloser ist und weniger Potential für unerwartete Raserei enthält."