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Das Betriebssystem als echte Geliebte

1945 1960 1980 2000 2020
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"Her“: Joaquin Phoenix liebt in Spike Jonzes Film ein Computerprogramm, dem - in der Originalfassung - Scarlett Johansson die Stimme verleiht.

"Die Liebe ist doch nur eine Form sozial akzeptabler Geistesgestörtheit“, sagt Theodores langjährige Freundin Amy im Film einmal, und wir wissen, sie hat Recht. Wir wissen das, weil wir schon einmal verliebt waren, dauergelächelt haben wie belämmert, die Wiesen plötzlich grüner fanden als sonst und wir uns aufgehoben fühlten, wenn wir nur in denselben Sternenhimmel blickten wie die Person, die wir liebten.

Wen wir lieben, wenn wir lieben, ist immer auch eine Variante von uns selbst, die wir vielleicht erst dann entfalten. Ein Ego-Trip bleibt es trotzdem, zumindest in vielen Fällen, und zumindest auch in Spike Jonzes Film "Her“, angesiedelt in einer nahen und von fortschrittlicher Technologie geprägten Zukunft, die kurioserweise mit modischen Rückschritten einhergeht: Theodore Twombly (Joaquín Phoenix), trägt wie alle Männer die braune oder beige Hose bis zur Brust gezogen, das immer pastellfarbene Hemd tief hineingesteckt, und er bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch eine Welt voll blitzender und blinkender Technik-Gimmicks. Fast so, als wollten sich die Menschen "erdverbundener“ kleiden. Je virtueller ihre Realitäten werden, desto mehr boomen Service-Dienste wie jene bei denen Theodore arbeitet: Er verfasst handschriftlich Liebesbriefe für andere. In die Träume Fremder fühlt er sich ein, hier kreiert er Utopien.

Zwischen Vorstellung und Realität

Ansonsten aber ist Theodore seit einem Jahr depressiv: Die Scheidung von seiner Jugendliebe (Rooney Mara) hat ihn so mitgenommen, dass er sich nur noch zwischen Büro und Bett bewegt und ihn auch seine besten Freunde Amy (der Name eine weitere Andeutung der Dichotomie von Vorstellung und Realität: Amy Adams) und ihr Verlobter nicht aus der Lethargie reißen können. Bis zu dem Tag, an dem ein neues Organisationssystem in Theodores Mobiltelefon und damit in sein Leben tritt: Samantha ist ein "OS“, ein "operating system“, das nur aus einer Stimme und den unzähligen Informationen vieler, vieler Programmierer besteht.

Scarlett Johansson spricht - in der Originalfassung - Samantha, was seinen Reiz hat; im Falle Theodores dringt die Stimme direkt in sein Herz vor: unumwunden verliebt Theodore sich allmählich in sie - und sie sich in ihn. Ein "OS“ ohne Körper, aber mit Gefühlen? Ist Samanthas Bewusstsein nicht nur ein Hybrid ihrer Programmierer? Können virtuelle Kreationen ein Eigenleben entwickeln, etwa intelligenter "werden“ als die Menschen, die sie geschaffen haben? Samantha entdeckt nach und nach andere OS-es und sie wächst über Theodore hinaus. Nicht erst dann zeigt sich die Zweideutigkeit auch im Filmtitel: "Sie“ - das meint nicht nur Samantha, durch die er himmelhoch jauchzt und die ihn schließlich wieder zu Tode betrübt. Samantha macht ihn auch wieder sehend für andere, als er sich letztlich selbst besser erkennt.

Jonze interessiert sich nicht für die negativen Seiten technischen Fortschritts, weil der Mensch sich für ihn nicht ändert: ein Herdentier auf der Suche nach Mitteln, die ihm das Zusammensein erleichtern und die ihn seinen Träumen näher bringen. Theodore ist das physische Zentrum, der Körper für die Emotionen, die hier fast nur noch durch Datenkabel fließen. Ein Film, der wohl besser ist, je schlechter es einem selbst schon einmal ergangen ist, worauf Jonze sich voll und ganz verlässt.

Her

USA 2013. Regie: Spike Jonze. Mit Joaquín Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara. Warner. 126 Min.

"Her“: Joaquin Phoenix liebt in Spike Jonzes Film ein Computerprogramm, dem - in der Originalfassung - Scarlett Johansson die Stimme verleiht.

"Die Liebe ist doch nur eine Form sozial akzeptabler Geistesgestörtheit“, sagt Theodores langjährige Freundin Amy im Film einmal, und wir wissen, sie hat Recht. Wir wissen das, weil wir schon einmal verliebt waren, dauergelächelt haben wie belämmert, die Wiesen plötzlich grüner fanden als sonst und wir uns aufgehoben fühlten, wenn wir nur in denselben Sternenhimmel blickten wie die Person, die wir liebten.

Wen wir lieben, wenn wir lieben, ist immer auch eine Variante von uns selbst, die wir vielleicht erst dann entfalten. Ein Ego-Trip bleibt es trotzdem, zumindest in vielen Fällen, und zumindest auch in Spike Jonzes Film "Her“, angesiedelt in einer nahen und von fortschrittlicher Technologie geprägten Zukunft, die kurioserweise mit modischen Rückschritten einhergeht: Theodore Twombly (Joaquín Phoenix), trägt wie alle Männer die braune oder beige Hose bis zur Brust gezogen, das immer pastellfarbene Hemd tief hineingesteckt, und er bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch eine Welt voll blitzender und blinkender Technik-Gimmicks. Fast so, als wollten sich die Menschen "erdverbundener“ kleiden. Je virtueller ihre Realitäten werden, desto mehr boomen Service-Dienste wie jene bei denen Theodore arbeitet: Er verfasst handschriftlich Liebesbriefe für andere. In die Träume Fremder fühlt er sich ein, hier kreiert er Utopien.

Zwischen Vorstellung und Realität

Ansonsten aber ist Theodore seit einem Jahr depressiv: Die Scheidung von seiner Jugendliebe (Rooney Mara) hat ihn so mitgenommen, dass er sich nur noch zwischen Büro und Bett bewegt und ihn auch seine besten Freunde Amy (der Name eine weitere Andeutung der Dichotomie von Vorstellung und Realität: Amy Adams) und ihr Verlobter nicht aus der Lethargie reißen können. Bis zu dem Tag, an dem ein neues Organisationssystem in Theodores Mobiltelefon und damit in sein Leben tritt: Samantha ist ein "OS“, ein "operating system“, das nur aus einer Stimme und den unzähligen Informationen vieler, vieler Programmierer besteht.

Scarlett Johansson spricht - in der Originalfassung - Samantha, was seinen Reiz hat; im Falle Theodores dringt die Stimme direkt in sein Herz vor: unumwunden verliebt Theodore sich allmählich in sie - und sie sich in ihn. Ein "OS“ ohne Körper, aber mit Gefühlen? Ist Samanthas Bewusstsein nicht nur ein Hybrid ihrer Programmierer? Können virtuelle Kreationen ein Eigenleben entwickeln, etwa intelligenter "werden“ als die Menschen, die sie geschaffen haben? Samantha entdeckt nach und nach andere OS-es und sie wächst über Theodore hinaus. Nicht erst dann zeigt sich die Zweideutigkeit auch im Filmtitel: "Sie“ - das meint nicht nur Samantha, durch die er himmelhoch jauchzt und die ihn schließlich wieder zu Tode betrübt. Samantha macht ihn auch wieder sehend für andere, als er sich letztlich selbst besser erkennt.

Jonze interessiert sich nicht für die negativen Seiten technischen Fortschritts, weil der Mensch sich für ihn nicht ändert: ein Herdentier auf der Suche nach Mitteln, die ihm das Zusammensein erleichtern und die ihn seinen Träumen näher bringen. Theodore ist das physische Zentrum, der Körper für die Emotionen, die hier fast nur noch durch Datenkabel fließen. Ein Film, der wohl besser ist, je schlechter es einem selbst schon einmal ergangen ist, worauf Jonze sich voll und ganz verlässt.

Her

USA 2013. Regie: Spike Jonze. Mit Joaquín Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara. Warner. 126 Min.