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Feuilleton

Das Bild als gläserne Wand

1945 1960 1980 2000 2020

Patrick Modiano schrieb ein funkelndes kleines Meisterwerk der psychologischen Literatur.

1945 1960 1980 2000 2020

Patrick Modiano schrieb ein funkelndes kleines Meisterwerk der psychologischen Literatur.

Patrick Modiano zeichnet die Hauptfigur seines sechzehnten Romans mit einer solchen Intensität, schildert die viele Jahre zurückliegende Begegnung des Ich-Erzählers mit Francis Jansen so eindringlich, dass sich der Leser nur widerstrebend mit der Vorstellung abfindet, es handle sich um eine fiktive Person. Freilich seien, erfährt man, autobiographische Elemente in die Erzählung eingeflossen.

Einige Kunstgriffe führen zu einer beeindruckenden Plastizität dieses Jansen. Einer davon ist die Verknappung, die kondensierte Darstellung. Der "Roman" (das Etikett "Erzählung" würde der Sache besser gerecht) ist wenig mehr als hundert Seiten stark. Die freilich haben es in sich. Da ist kein Satz zu viel. Modiano berichtet, wie er im Jahre 1992 auf eine alte, von Jansen gemachte Photographie stößt. Unversehens versetzt sie ihn zurück in das Jahr 1964. Der Ich-Erzähler war damals, fand Jansen, und dies ist ja auch der Titel der Geschichte, "ein so junger Hund".

Jansens spurloses Entschwinden und die Trauer des Erzählers über dieses Entschwinden ist ein weiterer Kunstgriff, der uns den geheimnisvollen Photographen näherbringt, unsere Anteilnahme intensiviert, uns in die Rätsel dieser Existenz einspinnt. Außerdem legt der Autor geschickt falsche Fährten. Er lässt Jansen einen Schüler von Robert Capa sein, also einer realen Kultfigur des zwanzigsten Jahrhunderts, und bringt am Rande auch noch eine Reihe anderer Leute ins Spiel, die tatsächlich gelebt haben, wie man weiß oder erfährt, sobald man der Entstehungsgeschichte von "Ein so junger Hund" nachgeht.

Eines der beiden Fotos, die bei Jansen an der Wand hängen, zeigt ihn 1945 mit Robert Capa in einer Badewanne auf einer Trümmerstätte sitzend im zerstörten Berlin. Erzählungen, die sich um Bilder ranken: Auch dies ein altes, immer wieder wirkungsvolles Erzählmotiv. Das Foto spielt die Rolle der gläsernen Wand zwischen Gegenwart und unwiderruflich verlorener Vergangenheit.

Modiano schrieb also eine jener Erzählungen, in denen fast nichts geschieht, und die sich gerade darum so stark einprägen. Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, dieses Buch zu verfilmen. Es könnte leicht zu einer Literaturvernichtung wie "Gripsholm" führen (siehe Seite 19).

Zwei junge Leute, Modiano und eine gleichaltrige Freundin, sitzen an einem Frühlingstag des Jahres 1964 früh am Morgen in einem Pariser Cafe. Nicht weit von ihnen sitzt ein Mann. "Er beobachtete uns und lächelte dabei", holt aus einer Kunstledertasche eine Rolleiflex und macht "schnell und lässig zugleich" ein Bild der beiden. Dann lädt er die jungen Leute auf einen Kaffee ein und bittet, auf der Straße weitere Bilder von ihnen machen zu dürfen. Er arbeitet für eine amerikanische Illustrierte an einer Reportage über die Pariser Jugend und nimmt sie in sein Atelier mit, "das ganz in der Nähe, in der Rue Froidevaux, gelegen war. Ich spürte, dass er es scheute, allein zu sein." Neben dem gemauerten Kamin "stapelten sich drei Koffer aus kastanienbraunem Leder übereinander". Sie enthalten, wie wir bald erfahren werden, Jansens Bilder.

Ein Teil der Faszination, die von diesem schmalen Büchlein ausgeht, ist selbstverständlich der Sprache gutzuschreiben. Anderenfalls hätten wir es nicht mit Literatur zu tun. Modiano schreibt eine knappe, präzise, dabei suggestive Sprache. Viele Menschen erinnern sich an mehr oder weniger flüchtige Beziehungen, die sich erst im Rückblick, mitunter nach vielen Jahren, als einflussreich erweisen. Auch dies spielt mit.

Jansen ist wochenlang auf dem Sprung, abzureisen. Er gestattet dem Ich-Erzähler auf dessen Wunsch, die ungeordnet in die drei Koffer gestopften Bilder zu ordnen und zu katalogisieren. Aber es gelingt dem Ich-Erzähler nicht, in das Geheimnis dieser Existenz einzudringen. Jansen ist einsam, lässt sich aber gegenüber einer beharrlichen Anruferin, deren Porträt an der Wand hängt, verleugnen. Er bereitet nicht nur seine Abreise vor, offenbar nach Mexiko, sondern hat längst auch alle menschlichen Brücken abgebrochen. "Man hätte meinen können, Jansen wohne hier schon nicht mehr." Er hat eine Art "Manie, den Toten zu spielen".

Modiano war 48 Jahre alt, als dieses Buch in Frankreich erschien. Dicht, fast zum Greifen plastisch, erzählt er, wie ein Mann, der damals vielleicht so alt war wie er jetzt, in sein Leben eingriff - auf eine sehr zurückhaltende, indirekte Weise, einfach mit dem, was er sagte, damit, wie er war. Ein Buch ohne große Ereignisse, der kleinen Episoden, darunter manche witzige, doch von einer traurigen Grundstimmung durchzogen. Ein Buch, an das man noch nach Wochen gerne denkt. Ein funkelndes kleines Meisterwerk der psychologischen Literatur.

Einer von Patrick Modianos früheren Übersetzern ins Deutsche war übrigens Peter Handke. "Ein so junger Hund" wurde von Jörg Aufenanger in ein einfaches, klares, atmosphärisch dichtes Deutsch übersetzt. Weshalb es wie eine Ohrfeige wirkt, wenn er sich in der Wortwahl vergreift. Ein junger Mann an einem Kamin "in einem zu abgekarteten Licht", Straßen, "die heute in mir eine studiose Provinz heraufbeschwören": Solche Sätze dürfte kein Lektorat durchlassen. Trotzdem Dank dem kleinen Berliner Kowalke-Verlag mit seiner "Französischen Bibliothek", dass er uns dieses kostbare Stück Prosa zugänglich macht.

Ein so junger Hund Roman von Patrick Modiano, Kowalke & Co Verlag, Berlin 2000, 115 Seiten, Ln., öS 263,-/e 19,10

Patrick Modiano zeichnet die Hauptfigur seines sechzehnten Romans mit einer solchen Intensität, schildert die viele Jahre zurückliegende Begegnung des Ich-Erzählers mit Francis Jansen so eindringlich, dass sich der Leser nur widerstrebend mit der Vorstellung abfindet, es handle sich um eine fiktive Person. Freilich seien, erfährt man, autobiographische Elemente in die Erzählung eingeflossen.

Einige Kunstgriffe führen zu einer beeindruckenden Plastizität dieses Jansen. Einer davon ist die Verknappung, die kondensierte Darstellung. Der "Roman" (das Etikett "Erzählung" würde der Sache besser gerecht) ist wenig mehr als hundert Seiten stark. Die freilich haben es in sich. Da ist kein Satz zu viel. Modiano berichtet, wie er im Jahre 1992 auf eine alte, von Jansen gemachte Photographie stößt. Unversehens versetzt sie ihn zurück in das Jahr 1964. Der Ich-Erzähler war damals, fand Jansen, und dies ist ja auch der Titel der Geschichte, "ein so junger Hund".

Jansens spurloses Entschwinden und die Trauer des Erzählers über dieses Entschwinden ist ein weiterer Kunstgriff, der uns den geheimnisvollen Photographen näherbringt, unsere Anteilnahme intensiviert, uns in die Rätsel dieser Existenz einspinnt. Außerdem legt der Autor geschickt falsche Fährten. Er lässt Jansen einen Schüler von Robert Capa sein, also einer realen Kultfigur des zwanzigsten Jahrhunderts, und bringt am Rande auch noch eine Reihe anderer Leute ins Spiel, die tatsächlich gelebt haben, wie man weiß oder erfährt, sobald man der Entstehungsgeschichte von "Ein so junger Hund" nachgeht.

Eines der beiden Fotos, die bei Jansen an der Wand hängen, zeigt ihn 1945 mit Robert Capa in einer Badewanne auf einer Trümmerstätte sitzend im zerstörten Berlin. Erzählungen, die sich um Bilder ranken: Auch dies ein altes, immer wieder wirkungsvolles Erzählmotiv. Das Foto spielt die Rolle der gläsernen Wand zwischen Gegenwart und unwiderruflich verlorener Vergangenheit.

Modiano schrieb also eine jener Erzählungen, in denen fast nichts geschieht, und die sich gerade darum so stark einprägen. Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, dieses Buch zu verfilmen. Es könnte leicht zu einer Literaturvernichtung wie "Gripsholm" führen (siehe Seite 19).

Zwei junge Leute, Modiano und eine gleichaltrige Freundin, sitzen an einem Frühlingstag des Jahres 1964 früh am Morgen in einem Pariser Cafe. Nicht weit von ihnen sitzt ein Mann. "Er beobachtete uns und lächelte dabei", holt aus einer Kunstledertasche eine Rolleiflex und macht "schnell und lässig zugleich" ein Bild der beiden. Dann lädt er die jungen Leute auf einen Kaffee ein und bittet, auf der Straße weitere Bilder von ihnen machen zu dürfen. Er arbeitet für eine amerikanische Illustrierte an einer Reportage über die Pariser Jugend und nimmt sie in sein Atelier mit, "das ganz in der Nähe, in der Rue Froidevaux, gelegen war. Ich spürte, dass er es scheute, allein zu sein." Neben dem gemauerten Kamin "stapelten sich drei Koffer aus kastanienbraunem Leder übereinander". Sie enthalten, wie wir bald erfahren werden, Jansens Bilder.

Ein Teil der Faszination, die von diesem schmalen Büchlein ausgeht, ist selbstverständlich der Sprache gutzuschreiben. Anderenfalls hätten wir es nicht mit Literatur zu tun. Modiano schreibt eine knappe, präzise, dabei suggestive Sprache. Viele Menschen erinnern sich an mehr oder weniger flüchtige Beziehungen, die sich erst im Rückblick, mitunter nach vielen Jahren, als einflussreich erweisen. Auch dies spielt mit.

Jansen ist wochenlang auf dem Sprung, abzureisen. Er gestattet dem Ich-Erzähler auf dessen Wunsch, die ungeordnet in die drei Koffer gestopften Bilder zu ordnen und zu katalogisieren. Aber es gelingt dem Ich-Erzähler nicht, in das Geheimnis dieser Existenz einzudringen. Jansen ist einsam, lässt sich aber gegenüber einer beharrlichen Anruferin, deren Porträt an der Wand hängt, verleugnen. Er bereitet nicht nur seine Abreise vor, offenbar nach Mexiko, sondern hat längst auch alle menschlichen Brücken abgebrochen. "Man hätte meinen können, Jansen wohne hier schon nicht mehr." Er hat eine Art "Manie, den Toten zu spielen".

Modiano war 48 Jahre alt, als dieses Buch in Frankreich erschien. Dicht, fast zum Greifen plastisch, erzählt er, wie ein Mann, der damals vielleicht so alt war wie er jetzt, in sein Leben eingriff - auf eine sehr zurückhaltende, indirekte Weise, einfach mit dem, was er sagte, damit, wie er war. Ein Buch ohne große Ereignisse, der kleinen Episoden, darunter manche witzige, doch von einer traurigen Grundstimmung durchzogen. Ein Buch, an das man noch nach Wochen gerne denkt. Ein funkelndes kleines Meisterwerk der psychologischen Literatur.

Einer von Patrick Modianos früheren Übersetzern ins Deutsche war übrigens Peter Handke. "Ein so junger Hund" wurde von Jörg Aufenanger in ein einfaches, klares, atmosphärisch dichtes Deutsch übersetzt. Weshalb es wie eine Ohrfeige wirkt, wenn er sich in der Wortwahl vergreift. Ein junger Mann an einem Kamin "in einem zu abgekarteten Licht", Straßen, "die heute in mir eine studiose Provinz heraufbeschwören": Solche Sätze dürfte kein Lektorat durchlassen. Trotzdem Dank dem kleinen Berliner Kowalke-Verlag mit seiner "Französischen Bibliothek", dass er uns dieses kostbare Stück Prosa zugänglich macht.

Ein so junger Hund Roman von Patrick Modiano, Kowalke & Co Verlag, Berlin 2000, 115 Seiten, Ln., öS 263,-/e 19,10