Digital In Arbeit

Das digitale Prekariat

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Ganze 4,2 Milliarden Menschen sind noch immer offline - sie sind die Abgehängten der Informationsgesellschaft. Facebook wittert hier ein riesiges Marktpotenzial.

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Ganze 4,2 Milliarden Menschen sind noch immer offline - sie sind die Abgehängten der Informationsgesellschaft. Facebook wittert hier ein riesiges Marktpotenzial.

Im Jahr 1999 startete der indische Bildungsforscher Sugata Mitra sein berühmtes "Hole-in-the-Wall"-Experiment: Er installierte in einem Slum in Neu-Delhi einen Computer in einer Mauer, verband es mit High-Speed-Internet und filmte das Geschehen mit versteckter Kamera. Das Ergebnis war erstaunlich: Spielerisch und ohne Anleitung lernten die Kinder, wie man den Computer zum Malen, Schreiben und Chatten benutzt. Und das ohne Englischkenntnisse. Das Experiment wurde in mehreren Großstädten wiederholt. Mitra wollte damit den Beweis antreten, dass Bildung auch ohne Anleitung durch einen Lehrer im Selbstunterricht erfolgen kann. Zwar herrscht in Indien eine allgemeine Schulpflicht, doch viele Kinder erhalten nur einen kümmerlichen Primarschulunterricht. Lediglich 25 Prozent besuchen eine weiterführende Schule. Entwicklungsorganisationen kommen kaum voran.

Internet kilometerweit entfernt

Das Problem ist, dass man für diese Bildung Internet benötigt und Indien eine einzige Offline-Wüste ist. Nach Angaben der Weltbank haben eine Milliarde Inder keinen Internetanschluss - es sind die Abgehängten der Informationsgesellschaft. Laut einem Bericht der United Nations Broadband Commission sind 4,2 Milliarden Menschen auf der Welt noch immer offline. In Afrika sind ganze Landstriche ohne Internetverbindung, die Menschen müssen oft mehrere Kilometer bis ins nächste Internetcafé zurücklegen. In Guinea, Somalia und Burundi verfügen gerade einmal zwei Prozent der Bevölkerung über einen Internetzugang.

Unter den Internetkonzernen ist ein Wettkampf entbrannt, die "nächste Milliarde" ans Netz zu nehmen. Denn die Offline-Community ist eine riesige Marktlücke. Wenn Mark Zuckerberg erklären will, warum er ein guter Mensch ist, erzählt er gern die Geschichte von Ganesh Nimbalkar. Ganesh, so geht die Erzählung, sei ein armer Bauer im indischen Bundesstaat Maharashtra, der mit seiner Frau Bharati seit Jahrzehnten auf seinem Acker gegen Dürren kämpft. Doch seitdem er mit der Facebook-App Free Basics kostenlos ins Internet kann, sei er bestens über die Monsunregenzeit und Saatpreise informiert. Dank Facebook konnte Ganesh seine Ernte verdoppeln und sogar in Nutztiere investieren. Mit seinem Projekt Internet.org will Facebook Schwellen-und Entwicklungsländer mit kostenlosem Internet versorgen.

Das Modell funktioniert so: Dort, wo Leitungen vorhanden sind, die Endverbraucher aber kein Geld haben, übernimmt Facebook die Kosten für den Internetanschluss, indem es lokale Internetprovider dafür bezahlt. Allein, die Nutzer bekommen nicht das vollständige Angebot des Netzes, sondern lediglich einen Teil davon: Wikipedia, Wetterberichte, ein paar regionale Seiten sowie Facebook. Es ist eine Art Schmalspur-Internet. Wer innerhalb der App einen Link anklickt, der zu den restlichen Seiten im Netz führt, muss draufzahlen. Das Geschenk kam daher bei den Menschen nicht gut an. In Indien protestierten 750.000 Menschen per Mail gegen die Pläne von Mark Zuckerberg. Netzaktivisten sehen die Initiative als Verstoß gegen die Netzneutralität, also den Grundsatz, dass alle Daten gleich behandelt werden müssen. "Internet.org ist nicht neutral, nicht sicher und nicht das Internet", kritisierte die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation auf ihrer Webseite. Die indische Internet-Regulierungsbehörde TRAI ordnete dem Provider Reliance Communications im Dezember 2015 schließlich an, den Dienst einzustellen. Doch damit ging die Debatte erst richtig los.

Digitale Kolonialherrschaft

Der Wagniskapitalgeber Marc Andreessen, der im Aufsichtsrat von Facebook sitzt, schrieb auf Twitter: "Anti-Kolonialismus ist schon seit Jahrzehnten wirtschaftlich katastrophal für die Menschen in die Indien. Warum jetzt aufhören?" Die Aussage löste im Netz einen Sturm der Entrüstung aus. Facebook führe sich auf wie ein Kolonialherr, von "Rassismus" und "Imperialismus" war die Rede. Andreessen löschte daraufhin den Tweet und entschuldigte sich. Facebook-Chef Mark Zuckerberg sah sich zu einer Intervention genötigt und versuchte, die Wogen zu glätten. "Ich fand die Kommentare zutiefst beunruhigend, sie spiegeln nicht die Art und Weise, wie Facebook oder ich denken, wider", schrieb er in einem Post auf Facebook. Gleichwohl: Der Flurschaden war nicht mehr zu bereinigen. Andreessen erweckte mit seinem Statement den Eindruck, dass Kolonialismus hilfreich bei der Entwicklung sein könnte. Der Tweet war eine Replik auf den Entrepreneur Vivek Chachra, der sagte, das Argument "Etwas Internet ist besser als gar keines" klinge wie eine "Rechtfertigung für Internetkolonialismus".

Es ist ein ambivalentes Modell: Einerseits stellen Internetkonzerne wie Facebook kostenloses Internet zur Verfügung und gewährleisten damit eine Grundversorgung. Andererseits verfolgen sie Geschäftsinteressen und übernehmen staatliche Aufgaben, woraus wiederum Abhängigkeiten entstehen. Facebook ist nicht gemeinwohl-, sondern profitorientiert - und kann die Versorgung wieder einstellen, wenn sie nicht rentabel ist. Was ist besser? Ein eingeschränkter Internetzugang für alle? Oder ein neutrales Netz für eine Elite?

Der Wissenschaftler Ramesh Srinivasan, der an der UCLA zur Beziehung von Technik und Gesellschaft forscht, argumentiert in seinem neuen Buch "Whose Global Village? Rethinking How Technology Shapes Our World", dass Plattformen wie Twitter oder Facebook in und für die westliche Welt entwickelt wurden. Die Technologie, so sein postkolonial begründeter Vorwurf, sei letztlich nur ein Vehikel, den Nutzern westliche Werte aufzuoktroyieren und sie zu liberalen Subjekten zu erziehen. In diesem Lichte ist Free Basics keine Bildungsexpansion, sondern reine Kundenakquise, um junge Nutzer frühzeitig Facebook-gerecht zu formatieren -und Markenloyalität aufzubauen. Nach dem Motto: Wer mit Facebook groß wird, nutzt auch später Facebook. Der Computervisionär Nicholas Negroponte erzählte 2006 bei einem TED-Talk von einem Besuch in einem kambodschanischen Dorf, wo es weder Wasser noch Telefon, dafür aber einen Breitbandzugang ins Internet gab: "Das erste Wort der Kinder ist Google. Sie kennen nur Skype. Sie haben nie von Telefonie gehört, sie nutzen nur Skype." Für die Kinder sind Marken konvergent mit Kommunikationsmitteln. Man "spricht" Skype.

Datenautobahn und Kriechspur

Doch gibt es irgendwann eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Internet? Eine Datenautobahn für diejenigen, die zahlen, und eine Kriechspur für diejenigen, die kein Geld haben? Der Videostreamingdienst Netflix bezahlt bereits eine zusätzliche Gebühr an den Netzanbieter Comcast für priorisierten Zugang zur schnellen Breitband-Verbindung. Je vernetzter unser Alltag wird, desto größer wird die Kluft zu denjenigen, die kein oder nur eingeschränktes Internet haben - und desto größer werden die informationellen Ungleichheiten. Es wird eine der größten entwicklungspolitischen Herausforderungen sein, das "digitale Prekariat" ans Netz zu nehmen - wenngleich diese Integrationsleistung ohne die Hilfe der Tech-Giganten wohl kaum zu leisten sein dürfte. Mit allen politischen Risiken, die damit einhergehen.

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