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Das Elend von nebenan

Das Thema erinnert an die "Buddenbrooks", die epische Breite an die russischen Klassiker:

Die Kritiker sind sich einig: Wir haben es hier mit Weltliteratur zu tun. Ein großes Wort. Aber Jonathan Franzen ist das Kunststück gelungen, die Probleme unserer Zeit in zeitlose Worte zu fassen. Und das ausgerechnet in einem Familienroman, einem Genre, das in der Gegenwartsliteratur eher wenig Furore macht. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. So etwa Péter Esterhazy, Péter Nádas oder eben Jonathan Franzens Erfolgsroman "Die Korrekturen". Der Text ist einerseits so zeittypisch, wie er nur sein kann, und hat andererseits beispielsweise mit den "Buddenbrooks" viel mehr zu tun, als man zunächst annehmen würde.

Das Hauptthema des Romans, das in verschiedenen Variationen wiederkehrt, ist die Frage, wie man sein Schicksal in die Hand nehmen und wie man daran scheitern kann. Eine Studie über das Streben zum Glück und über teilweise genau daraus resultierendes Unglücklichsein. Unglücklich sind die fünf Hauptpersonen allesamt, die alternden Eltern ebenso wie ihre drei erwachsenen Kinder, die sich um jeden Preis von ihren Wurzeln lösen wollen - und nicht können.

Während Enid und Alfred in einem einsamen Nest im Westen ihren Lebensnachmittag bis -abend verbringen, hat es die Sprösslinge an die Ostküste verschlagen, um in ihrem Leben "Korrekturen" anzubringen, nicht zuletzt an den gutbürgerlichen Werten, die man ihnen nach bestem Wissen und Gewissen in die Wiege legen wollte.

Gary, der Älteste, ist verheiratet, hat drei Kinder, einen guten Job und lebt in Philadelphia. Denise, die Jüngste, ebenfalls in Philadelphia, ist gesuchte Starköchin inklusive Medienpräsenz; und Chip, der Mittlere, hat seinen Job als Literaturdozent zwar aufgegeben, arbeitet aber jetzt bei einer Zeitung.

So weit die prächtige Fassade, die bei den Eltern Anklang findet, vor allem bei der Mutter, die bestrebt ist, sich selbst und ihre Freundinnen davon zu überzeugen, dass sie durchaus wohlgeratene Kinder großgezogen habe. Denn sonst hat sie nicht mehr viel auf dieser Welt. Der Alltag besteht nämlich in erster Linie darin, mit den geistigen und körperlichen Verfallserscheinungen ihres Ehemannes zurecht zu kommen, der sie zu allem Überfluss schon in der Blüte ihrer Jugendzeit weder emotionell noch sexuell verwöhnen konnte oder wollte.

Denn der mittlerweile pensionierte Eisenbahningenieur kümmerte sich auch damals bereits mehr um seinen eigenen Kram als um das Wohlergehen seiner Angetrauten - Kram als solcher war übrigens nie im Haus geduldet. Penible Ordnung regiert das kleine Reich der Mittelstandsfamilie, daran gibt's nichts zu rütteln, darüber fährt die (Modell-)Eisenbahn.

Doch auch Vater Alfred hat es nicht leicht, Parkinson und zunehmende Demenz machen ihm das Leben langsam aber sicher zur Hölle. Dazu kommen immer wiederkehrende Halluzinationen, die einfachste Alltagshandlungen als unüberwindliche Herausforderungen erscheinen lassen. Doch sein Stolz macht es ihm schwer, die Wahrheit zuzugeben: Er ist ein inkontinenter, vergesslicher alter Mann, in seiner Hilflosigkeit ständig auf andere angewiesen.

Den Kindern ist all dies gar nicht so bewusst. Sie leben ihr eigenes problematisches Ostküstenleben und sehen ihre Eltern - ein notwendiges, biederes Übel - nicht viel öfter als einmal im Jahr.

Die Ehefrau des Sohnes Gary konfrontiert diesen regelmäßig mit der (von ihr) selbst erstellten Diagnose einer Depression seinerseits und hetzt die Kinder gegen ihn und ihre Schwiegereltern auf. Denise hat ihren Job verloren, indem sie ein Verhältnis mit der Frau ihres Arbeitgebers unterhielt, und Chip flog von der Uni, weil er gegen ein Tabu verstieß: jenes, mit einer Studentin zu schlafen.

Alle drei sind sie in der Freiheit der eigenen Lebensentwürfe ebenso unglücklich wie einst in ihrem Elternhaus. Die Auflehnung gegen ihre Erzeuger hat sie gerade nur so weit gebracht, sich so weit von zu Hause zu lösen, um ihre eigene Verzweiflung zu erleben und ihre eigenen Fehler zu machen.

Die Wege der Eltern und Kinder kreuzen sich im Schnittpunkt eines lang ersehnten Traums der Mutter, einem letzten gemeinsamen Weihnachtsfest. Und darin bündeln sich Enids Hoffnungen und die Abneigung ihrer Kinder gegen pseudoidyllisches Familienglück gleichermaßen. Und so wird Weihnachten zum Sinnbild von Zwängen, Rücksichtnahme und einer Orgie des Kitsches.

Garys Ehefrau weigert sich von vornherein, die Schwiegereltern zu besuchen, Denise ist zwar willig, aber eingedeckt mit privatem und beruflichem Chaos gleichermaßen, und Chip hat es nach Litauen verschlagen, um dort leichtgläubige amerikanische Investoren übers Ohr zu hauen und damit endlich einmal genug Geld zu verdienen, um die Schulden bei der Schwester zahlen und sich in Ruhe seinem Drehbuch-Projekt widmen zu können.

Mehr vom Inhalt sei auch nicht verraten, außer vielleicht noch, dass der Roman für vier der fünf Hauptpersonen wider Erwarten einen doch irgendwie erfreulichen Ausgang nimmt, dass das gefürchtet-verhasste Familienfest einen späten Wendepunkt beschert und echte Zuneigung gerade dann und dort auftritt, wo man sie am wenigsten vermuten würde.

Die Tyrannis einer Elterngeneration, die den Kindern ihre Werten aufdrängen will, weicht schließlich einem Ansatz gegenseitigen Verstehens, als die Nachkommen es endlich gelernt haben, zu ihrer eigenen Persönlichkeit und Weltanschauung zu stehen und diese auch zu vertreten, und die Eltern aufhören, denen, die sie in die Welt gesetzt haben, die eigene Lebenseinstellung aufzudrängen.

Die Beklemmung schwindet in dem Maße, als die Beteiligten beginnen, Verletzungen nicht mehr so wichtig zu nehmen und ihre Familie weniger als Familie denn als Menschen wahrzunehmen, die einfach ihre eigenen persönlichen Fehler begehen, ebenso wie sie selbst. Doch mehr als Hoffnungsschimmer sind nicht drin. Insgesamt bleibt die Stimmung doch eher trostlos, und das Buch wäre sicher schwer zu ertragen, hätte Franzen das Familienunglück nicht mehr als Farce denn als Tragödie geschildert.

Der Roman hat auch zuweilen seine Längen. Aber Franzen kommt dann doch immer wieder auf den Punkt, auch wenn er dafür manchmal ebenso lange braucht wie die russischen Klassiker, mit denen ihn weit mehr verbindet als gelegentliche Langatmigkeit. Denn Franzen steht tatsächlich in der großen Tradition epischen Erzählens, die wir vor allem mit Tolstoi oder Dostojewskij verbinden - ausgerechnet ein amerikanischer zeitgenössischer Autor schreibt sie fort. Und das virtuos.

Franzen ist aber auch mit Haut und Haar ein Zeitgenosse und "Die Korrekturen" sind keineswegs anachronistisch. Auf den knapp 800 Seiten wird einerseits sehr wenig, eben der Status quo einer amerikanischen Durchschnittsfamilie, andererseits aber sehr viel geschildert: ein repräsentativer Ausschnitt unserer Gesellschaft. Und das alles in allem recht kurzweilig.

DIE KORREKTUREN

Roman von Jonathan Franzen

Übersetzung: Bettina Abarbanell

Rowohlt Verlag, Hamburg 2002

781 Seiten, geb., e 26,9

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