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Das ewige Leiden an der Perfektion

Jan Bosse inszeniert am Burgtheater Thomas Bernhards Drama "Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Seiner Inszenierung mangelt es an Abgründigem.

Thomas Bernhards Stücke lassen Regisseuren meist wenig Raum zur Interpretation. Sie sind im besten Sinne Schauspielerstücke, deren Wortkaskaden und verschachtelten Windungen und Wendungen vor allem von den Leistungen der Schauspieler abhängen. So auch das 1972 bei den Salzburger Festspielen durch Claus Peymann zur Uraufführung gebrachte (und durch den sogenannten "Notlichtskandal“ zur Berühmtheit gelangte) Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Jan Bosse setzt bei seiner Inszenierung am Wiener Burgtheater - die kurzfristig als Ersatz für das auf einen späteren Zeitpunkt verschobene neue Stück des Dänen Thomas Vinterberg angesetzt wurde - ganz auf Joachim Meyerhoff, Peter Simonischek, Sunnyi Melles und Stefan Wieland.

Im erst zweiten abendfüllenden Bühnenwerk von Thomas Bernhard geht es um die Kunst, genauer um die Deformation durch Kunst und die Unmenschlichkeit eines Theaterbetriebs, der all-abendlich Höchstleistungen verlangt. Dabei stehen die Kunst, der Künstler stellvertretend für das Leben. So ist nicht nur das zu Veräußerlichung bestimmte Leben unweigerlich zum Scheitern verurteilt, sondern jeder Versuch mit diesem irgendwie fertig zu werden. Bernhard versteht darunter ein Scheitern auch der Herstellung von Identität (auch gesellschaftlicher) - vielleicht die einzige Interpretation, die sich Bosse hier jenseits von Bernhard erlaubt hat, indem er einen die ganze Breite der Burgtheaterbühne einnehmenden Spiegel bauen ließ (Bühne Stéphane Laimé), in dem das Publikum sich selbst den ganzen Abend über sehen konnte.

Bernhard‘sche Situationen

Das Stück spielt am Rande der Oper. Im ersten Akt in der Garderobe einer virtuosen Operndiva (Sunnyi Melles), deren Konterfei unter zahlreichen Perückenpuppen unschwer zu erkennen ist. Dort warten vor einem überdimensionierten, mit unzähligen Glühbirnen beleuchteten Schminkspiegel auf die Virtuosin ihr Bewunderer und unablässig schwadronierender Arzt (Joachim Meyerhoff) und sein meist stummes Gegen-über, der heruntergekommene Vater, ein halbblinder Säufer von beträchtlicher Körperfülle (Peter Simonischek). Es ist dies eine typisch Bernhard’sche Situation: Zwischen den Wartenden kommt es zu keinem eigentlichen Dialog. Der wahnsinnige Doktor ergießt sich zuerst in einer typisch Bernhard’schen Suada über den Theaterbetrieb, gegen die Schauspieler und gegen das Publikum, dann gegen das Feuilleton (nichts als "Organe der Unzuständigkeit“), bevor er manisch von der fachgerechten Sezierung des menschlichen Körpers zu schwadronieren beginnt, während der ignorante Vater das Stakkato medizinischer Fachbegriffe meist mit dem Griff zur Schnapsflasche oder gelegentlich gehässig mit dem Wort "Rücksichtslosigkeit“ quittiert. Die Vorstellung von Mozarts "Zauberflöte“ hat längst begonnen, wie wir über Lautsprecher vernehmen, als die "Königin der Nacht“ endlich durch den Kleiderschrank auftritt, beseelt von der Hoffnung, die berühmte Arie erneut zur höchsten Perfektion zu bringen.

Mangel an Abgründigem

Sunnyi Melles spielt die Koloratursängerin als oft irre lächelnde Diva am Rande des Nervenzusammenbruchs. Als die wiederholt aufgeplatzten Achselnähte durch die stoische Garderobiere Frau Vargo (Stefan Wieland) genäht wurden, hängt sie hoch oben, frei schwebend am Schnürboden, während "Der Hölle Rache“ ertönt und die Bühne sich zum zweiten Akt dreht. Im Nobelrestaurant "Zu den drei Husaren“ trägt der Doktor zu Beefsteak-Tatar weiter sein Sektionsprotokoll vor, während der servile Kellner (ebenfalls Stefan Wieland) wiederholt dezent den Feierabend ausruft.

Jan Bosses Regie ist sehr am Text, die Schauspieler glänzen, aber insgesamt mangelt es dem Abend etwas an Abgründigem. Bosse zelebriert zwar Bernhards böse Wendungen, treibt aber die Farce eher dem Boulevardesken zu als der existenziellen Schwärze.

Weitere Termine

3., 5., 8., 26. Jänner

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