Das Faszinierende an der Figur

Die Ausstellung „raum_körper einsatz. Positionen der Skulptur“ in Wien rückt die Skulptur nach einer längeren Pause wieder ins Zentrum des Kunstbetriebs. Die Exponate spiegeln die leidenschaftliche Auseinandersetzung der Künstler mit dem Körper wieder.

Hundert Paar weiße Gummistiefel mit bunten Sohlen. Eine lebensgroße schmelzende Schokoladenfigur. Fotos von Menschen in unterschiedlichen Körperstellungen. Alles Skulpturen der Gegenwart. Schwer zu sagen also, was der Begriff Skulptur heute eigentlich noch genau meint. Skulptur sei das, worüber man stolpere, wenn man zurücktrete, um ein Bild anzusehen – so der französische Schriftsteller Charles Baudelaire. Ein Statement, das Klassiker des Bildhauergenres sicher zur Weißglut gebracht hätte, schließlich war die Skulptur für Renaissance-Stars wie Michelangelo das Medium schlechthin.

Im internationalen Trend

Seit Beginn der Moderne, seit Künstlern wie Marcel Duchamp und seinen Readymades hat die Skulptur einen radikalen Wandel durchlaufen – sowohl die Materialien als auch die Art der Präsentation betreffend. Wie vielfältig und spannend die Bildhauerdisziplin sich heute gestaltet, zeigt jetzt eine sensibel gestaltete Ausstellung des MUSA – Museum auf Abruf. Die Schau befindet sich im internationalen Trend, der nach einer Phase der Stille rund um das Thema Skulptur in den letzten Jahren wieder großes Interesse an der Plastik erkennen lässt.

Kuratorin Silvie Aigner hat aus der Stadtsammlung Skulpturen österreichischer Künstler und Künstlerinnen nach 1945 ausgewählt, die sich mit dem Körper befassen. Gelungen ist dabei die Zusammenführung höchst unterschiedlicher Werke. Durch die Konzentration auf farblich reduzierte, häufig weiße Skulpturen und überdachte Gruppierungen gehen die heterogenen Skulpturen im räumlichen Nebeneinander einen spannenden Dialog ein. Egal ob aus Stein gemeißelt, aus Strohhalmen gebastelt oder aus Wolle gestrickt – alle Plastiken spiegeln die Faszination der menschlichen Figur.

Die frühesten Arbeiten stammen von „Klassikern“ der österreichischen Bildhauerkunst wie Fritz Wotruba, Josef Pillhofer, Hilde Uray und Alfred Hrdlicka – von Künstlern, die mit traditionellen Werkstoffen wie Stein, Holz, Bronze versuchen, eine zeitgemäße Formensprache für die Darstellung der menschlichen Gestalt zu finden. Einprägsam ist hier besonders die „Große liegende Figur“ (1960) des jung verstorbenen Wotruba-Schülers Andreas Urteil. Zu sehen ist ein nahezu abstraktes Bronze-Gebilde aus knochenähnlichen Teilen – bei genauerem Hinsehen wird erkennbar, dass es sich um eine liegende, mit dem Arm aufgestützte Gestalt handelt. Urteil, der vom „Steinfleisch“ seiner Skulpturen sprach, hat hier einen herausragend bewegten Stil gefunden, der dem Material Bronze jegliche Schwere nimmt. Ganz anders die amorphen Kunststoffobjekte des oberösterreichischen Avantgarde-Pioniers Josef Bauer, der Ende der 60er Jahre eine „Taktile Poesie“ in Form von Skulpturen kreierte, die erst durch aktives „Begreifen“ und „Befühlen“ ihre Wirkung entfalten.

Fotografie und Skulptur

Um die Verbindung von Fotografie und Skulptur geht es in vielen Arbeiten der Gegenwartskunst. Etwa in den „Körperkonfigurationen“ VALIE EXPORTS, in denen sich die Künstlerin als lebende, weiche Skulptur in den Stadtraum „einschreibt“ und diese Miniperformances in großformatigen Schwarzweißfotos festhält. Erwin Wurm interessiert ebenso weniger das Objekt an sich, sondern das Verhältnis zwischen den Dingen und den Menschen. So auch in den legendären „One Minute Sculptures“, bei denen der Künstler Personen auffordert, sich auf spielerische Weise für einen kurzen Moment in akrobatische Positionen zu begeben und mit einem lapidaren Alltagsgegenstand zu hantieren.

raum_körper einsatz. Positionen der Skulptur

MUSA – Museum auf Abruf

1010 Wien, Felderstraße 6-8

bis 9. Oktober, Di-Fr 11-18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa 11-16 Uhr (Eintritt frei)

Katalog hg. S. Aigner, J. Karel, 206 Seiten, e 29

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