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Das Gegenwartstheater und seine Genres

1945 1960 1980 2000 2020

Am kommenden Sonntag enden die Wiener Festwochen 2016. Nach sechs Wochen und 36 Produktionen aus 25 Ländern bietet sich die Gelegenheit, einmal vorsichtig auf einige Besonderheiten des zeitgenössischen internationalen Theaterschaffens hinzuweisen.

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Am kommenden Sonntag enden die Wiener Festwochen 2016. Nach sechs Wochen und 36 Produktionen aus 25 Ländern bietet sich die Gelegenheit, einmal vorsichtig auf einige Besonderheiten des zeitgenössischen internationalen Theaterschaffens hinzuweisen.

Die für das diesjährige Schauspielprogramm engagierte Russin Marina Davydova hat mit den von ihr verantworteten 26 Produktionen dem interessierten Wiener Theaterpublikum viel abverlangt. Damit ist zunächst einmal weniger nur der Sachverhalt angesprochen, dass ungewöhnlich viele Produktionen die Aufführungsdauer von vier Stunden überschritten haben, manche sogar erheblich, wie etwa (aber kaum überraschend) Frank Castorf mit "Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen", ganz zu schweigen von Jan Fabre, der für seine Erkundung des Tragischen in "Mount Olympus" gleich 24 Stunden veranschlagt hat, wobei die ungeheure Wirkung gerade mit Dauer zu tun hat und durchaus als Teil von Fabres Konzept zu verstehen ist.

Auch die Vielsprachigkeit ist nicht der Punkt, mit welchem die 1966 in Baku (heute Aserbaidschan) geborene Kuratorin das Publikum übermäßig gefordert und damit überfordert hätte. Denn damit ist das Festwochenpublikum schon seit Jahren vertraut. Auch wenn es in dieser Hinsicht die eine oder andere Aufführung gab, bei der die Übertitelung die Aufmerksamkeit des Zuschauers derart gebunden hat, dass für das Szenische kaum Raum blieb. So war das etwa in dem Gastspiel aus Teheran.

"Die Anpassung" erzählt von den gescheiterten Lebensentwürfen, Träumen und Schicksalen dreier iranischer Frauen, die inmitten der iranischen Revolution ein selbstbestimmtes Leben einfordern. Während sie jede für sich an einem Kochherd stehen und kochen, erzählen die drei auf Farsi frontal zum Publikum in einem wahnsinnigen Tempo ihre Leidensgeschichten.

Schönheit des Klangs

Die drei Geschichten werden so nicht nur mit-und ineinander verwoben, sondern darüber hinaus immer wieder mit Ereignissen aus 36 Jahren iranischer Geschichte. Die Inszenierung ist so textlastig -oder anders herum gesagt, die szenischen Vorgänge so minim -und darüber hinaus für westeuropäische Augen kaum zu entschlüsseln. Selbst dem geneigten Zuschauer, möchte er oder sie nicht bloß ein gehetzter Leser sein, bleibt einzig, sich an der Anmut der Schauspielerinnen sowie an der Fremdheit und Schönheit des Klangs von Farsi zu erfreuen.

Am augenscheinlichsten aber wurde die Aufnahmebereitschaft des Publikums von Davydova durch die ganz ungewohnten und unterschiedlichsten Theaterformate (heraus-)gefordert. Das bedurfte vonseiten des Publikums zunächst einmal einer gehörigen Portion Neugierde. Denn wie kaum einmal zuvor wartete das Programm der Festwochen nicht nur mit so vielen unbekannten, für hiesige Zungen kaum auszusprechenden Namen auf, sondern eben auch mit - zumindest im Zusammenhang mit einem Schauspielprogramm -ungewohnten Formen mit ebensolchen Bezeichnungen: Von Führung, Theater-Marathon, Tanz, Performance über Freak-Kabarett, Figuren-,Objekt-und Bildertheater bis hin zur performativen Installation reichen im Programmbuch die Genres.

Überwältigend: "The Encounter"

Dass derweil so mancher Hybrid dabei ist und die eine oder andere Bezeichnung gar einer Irreführung gleichkommt, ist der Mehrsprachigkeit wie auch der Logik eines Festivals geschuldet, das nicht wenige Produktionen (mit-)produziert und/oder sie zu einem Zeitpunkt einkauft, wo diese selbst noch in der Probenphase stecken. Darüber hinaus ist das ja auch nicht weiter schlimm, gewährleistet das "Naming" doch nicht nur eine gespannte Erwartung auf völlig neue Theatererfahrungen, sondern sorgt dabei auch für so manche Überraschung. Für beides zugleich sorgte Simon McBurneys "The Encounter". Ganz konventionell als Schauspiel bezeichnet, offenbarte sich sein zweistündiges Solo, das von einer Reise eines zivilisationsmüden Fotojournalisten zu den Mayoruna-Indianern an den Amazonas handelt, sich aber immer mehr zu einer Reise in die entlegenen Bezirke des Unbewussten entwickelt, als spektakuläres Hör-oder besser Kopftheater. Zu sehen gab es bei diesem überwältigenden Schauspiel nämlich recht wenig. Auf der fast leeren Bühne imitierte McBurney verschiedene Stimmen und erzeugte mit unterschiedlichen Utensilien Geräusche, die mit vorher aufgenommenem Sound dem Zuseher technisch virtuos, direkt in seine kopfhörerverpackten Ohren übertragen wurden. So erinnert dieses poetische Schauspiel auf eindrückliche Weise daran, dass Schauen ein ganz anders geartetes, nämlich tiefer gehendes Sehen meint, das eine Schau auch da ermöglicht, wo es gar nichts zu sehen gibt.

Interessant, ja mutig war in einem ähnlichen Zusammenhang die Einladung von Timofej Kuljabins Inszenierung von Tschechows Schauspiel "Drei Schwestern" aus Nowosibirsk, die das weltberühmte Stück ganz ohne Worte in russische Gebärdensprache übersetzte. Aber hier mochte möglicherweise die Neuheit, der fast dreiste Mut, ausgerechnet den so voller versteckter Anspielungen und mit mal sarkastischen, mal lakonischen Zwischentönen schreibenden Tschechow ohne gesprochene Sprache zu spielen, schon der alleinige Grund für die Einladung gewesen sein. Nach der bescheidenen Meinung des Verfassers dieser Zeilen vermochte der gekünstelte Einfall, außer etwas Handwerk, den Interpretationen des Werks keine neue Möglichkeit zu eröffnen.

Missraten: "Solaris"

Missraten in jedem Wortsinn war dagegen das ambitioniert als Bildertheater angeschriebene "Solaris", das der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak nach dem gleichnamigen Roman von Stanisław Lem für das mazedonische Nationaltheater Skopje erarbeitet hat. Diesem langen und überaus langatmigen Projekt ist aber vermutlich weniger Lems Vorlage zu Grunde gelegen, als vielmehr Andrej Tarkowskijs Film aus dem Jahre 1972 im Wege gestanden.

Trotz verlangsamter Bewegungen, blendendweißer Raumanzüge vor unendlichem Schwarz, dem stets lauten, schweren Atmen des Helden durch das Sauerstoffgerät, einer überhaupt "vergrößerten" Geräuschkulisse und einer insgesamt entschleunigten Narration, geht Science-Fiction auf der Bühne kaum. Und so schon gar nicht, weil die Art und Weise, wie Zholdak Lems protoreligiöse Tendenz zuspitzt, so platt und gestelzt auf Verrätselung setzt, dass nur leeres Pathos übrig bleibt. Dabei ist die Zeichnung des Helden Kris Kelvin so bleiern schwer, so unbeholfen geraten, dass man sich als Zuschauer des öfteren fragt, ob das Leben nicht zu kurz ist, um sich das anzusehen. Anders gesagt ist Kris ein solch unerträglicher Macho, dass jede Erdenbewohnerin froh sein kann, dass man ihn endlich zum Mars geschossen hat.

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