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Das Geschenk des Sommers

Er war, wie André Heller sagte, "ein begnadeter Rhetoriker, ein König der Wörter, der geschliffenen Reden und der funkelnden undiplomatischen Debatten". Als Gerd Bacher, der Schöpfer des unabhängigen ORF, in der Vorwoche seinen letzten Weg antreten musste, da waren auch die Nachrufe an seiner Bahre von einer raren intellektuellen, sprachlichen, ja spirituellen Qualität.

Und doch: Der berührendste Moment war jener, als niemand am Wort war und niemand sang oder musizierte. Es waren jene Minuten, in denen der dunkle Schlag der "Pummerin" eine ungewohnte Stille über die Wiener Innenstadt und über die im Stephansdom versammelte Trauergemeinde legte.

In dieses mächtige Schweigen hinein ist mir eine schon viele Jahre zurückliegende Erinnerung in den Sinn gekommen: Ein befreundeter, prominenter Priester hatte einen noch prominenteren Theatermann zu sich geladen -zum Besuch der von ihm gefeierten Sonntagsmesse und einem gemeinsamen Essen danach. Sorgfältig hatte der Geistliche deshalb seine Predigt entworfen, um den Ansprüchen seines Gastes nur ja zu entsprechen.

Als dann der Gottesdienst vorbei war und beide den Mittagstisch teilten, erhoffte der Priester eine Reaktion auf seine Predigt, möglichst ein Wort der Anerkennung -aber vergeblich. Dezent wollte er ein Urteil über seinen theologischen Exkurs herbeizwingen -und fragte: "Und wie sind Sie mit der Messe heute zurecht gekommen?" Da sagte der Gast: "Das Schönste war für mich die Stille bei der Wandlung "

Innehalten und Schweigen

Warum ich das erzähle? Weil wir in diesen Sommerwochen, in denen für viele von uns die Alltags-und Arbeitsverpflichtungen ruhen, vermutlich mehr Gelegenheiten haben, dem unablässig auf uns einströmenden Wort zu entkommen. Weil sich jetzt manche Chance bietet, in unser Reden auch bewusste Pausen einzulegen. Und weil sich die Wiederentdeckung der Stille als Moment des Seelenfriedens, ja des Glücks erweisen könnte.

"Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille", hat Friedrich Nietzsche einmal geschrieben.

Keine so leichte Sache, wie auch ich bei jedem Besuch in Klöstern lerne dort, wo die Propheten des Innehaltens und Schweigens wohnen. An ihnen werden wir uns nie messen können. Aber allein der Versuch hat seinen Segen.

Es war irgendwann im vergangenen Sommer. Mitten im Gespräch hat mich ein Freund unterbrochen: "Die Mittagsglocken läuten!" Mir wäre es vermutlich gar nicht aufgefallen.

Ich habe mich gefragt: "Will er jetzt mit mir zu beten anfangen?" Wollte er nicht. Aber einfach still sein, das hat er für sinnvoll und segensreich gehalten. Wenigstens in diesen paar Minuten. Den Glocken nachhören, Atemholen, den Alltag abschütteln.

Es war ein goldener Tipp. Inzwischen freue ich mich, wenn ich die Glocken höre -morgens, mittags oder abends. Es sind geschenkte Augenblicke.

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