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Feuilleton

Das große Geplapper

1945 1960 1980 2000 2020
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Verena Rossbachers Debütroman "Verlangen nach Drachen" wurde 2009 ein Überraschungserfolg. Proportional zur Distanz von Wien stieg die Bereitschaft, die großzügigen Anleihen bei Friedrich Torberg oder Heimito von Doderer als originell zu lesen und "gut abgehangene Klischees"(Falter) für "Züge eines angeschrägten Wiener Originals"(Süddeutsche Zeitung) zu halten. Das "Dauerfeuer einer plauderseligen Komik" (Neue Zürcher Zeitung) ließ allenfalls auf ein wenig mehr Disziplin beim nächsten Buch hoffen. Vorsichtshalber hat die Autorin Einwände in Richtung Verschwurbeltheit, die sie gehäuft in Österreich vermutet, in ihren neuen Roman "Schwätzen und Schlachten" gleich hineingeschrieben.

Darin erzählt eine Autorin namens Verena Rossbacher von drei Freunden im Berlin unserer Tage, trifft sich regelmäßig mit ihrem Lektor, der Tipps gibt, wie Spannung in das Ganze zu bringen "seie" - so lautet die durchgängige Sprachregelung in den Druckfahnen, die im Buch dann verschwunden ist. Allerdings versteht der Lektor vom Fortgang der Handlung nicht viel, weil er den entscheidenden Bezugstext mit dem Titel "Schlachten, ein Alphabet der Indizien" nicht liest und auch uns nicht lesen lässt. Er untersagt der Autorin, das Konvolut in den Roman einzubauen. Irgendwie verständlich, 630 Seiten zu bewältigen ist schon so eine Leseherausforderung.

Neues Rollenbild der Männer gesucht

Wenn das "Schlachten" des Titels wegfällt, bleibt das "Schwätzen", das die Seiten füllt. Überwiegende Urheber sind der Cellist David Stanjic, der in Roman Nummer eins in Wien schweres Liebesleid erfuhr und nun in Berlin als Fastfood-Zusteller einen Neustart versucht. Und Frederik Sydow, Spross aus reicher Familie, der auf die Freigabe seines Erbes wartet. Das wird laut Opas Legat erst herausgerückt, wenn er etwas Sinnvolles mit seinem Leben anfängt, dass er aktuell die "Allerneueste neue deutsche Literatur" studiert, ist dafür zu wenig. Familienkontakt hält er über das kleine Lokal seiner Tante, wo sich die Freunde gern - wohl gratis -eine gute Suppe schmecken lassen. Der dritte im Bunde ist Simon Glaser, er ist sprechtechnisch etwas zurückhaltender und daraus entwickelt sich die Krimi-Handlung.

Die drei verbindet die "traurige Tatsache Hausmusik", klassisch zunächst, dann auf Anregung Glasers, der "in Kunst und Neue Medien macht", Richtung "Weltmusik". Was seine beiden Partner nicht wissen, aber bald am eigenen Leib erfahren, ist Glasers Neigung, die Menschen seines Umfelds per live-Kamera seinen Kunstprojekten einzuverleiben.

Davon abgesehen sind alle drei lebenspraktisch von höchster Harmlosigkeit. Sie schätzen Kräutertee und Hildegard-Kekse, erlauben sich allenfalls kleine Schokolade-Exzesse, sorgen für Sauberkeit in ihren Single-Wohnungen, interessieren sich in unterschiedlichem Ausmaß für Feng Shui und Horoskope -auch in Form von Kinderüberraschungseiern -, zwei von ihnen besuchen denselben Analytiker, machen Keksback-bzw. Nähkurse für ihre persönliche Weiterentwicklung und haben, Sydow zumal, letztlich nur den einen Wunsch, endlich ein Mädel "zu nehmen", möglichst eines, "das einfach gut im Saft steht, wenn man ihr auf den Hintern klopft, schallts". Es ist eine der eigenwilligsten Erscheinungen der "allerneuesten neuen deutschen Literatur", dass nach gut zwei Jahrzehnten Männer-Selbstfindungsromanen von Matthias Politycki bis Thomas Glavinic, nun junge Autorinnen nach einem neuen Rollenbild der Männer zwischen Softie und Welteneroberer fahnden.

Wer Fritz Langs "M. Eine Stadt sucht einen Mörder" noch in Erinnerung hat, bekommt für die Krimihandlung des Romans ein paar hundert Seiten vor Sydow einen entscheidenden Hinweis. Ja, den Krimi-Plot gibt's tatsächlich, insofern eine weitere Kunstaktion mit einer Art Showdown zwischen zwei Erzengeln ein Todesopfer fordert -dem österreichischen Jägersmann Onkel Jodok sei undank. Das passiert just beim großen Familienfest am alten Gut der Sydows, wo sich ansonsten eigentlich alle urig wohl fühlen.

Die literarischen Anspielungen sind auch diesmal zahlreich und reichen bis in die Romantik. Gregor von Rezzori aber dürfte mit der "Freud-Kachel" aus seinem Roman "Oedipus siegt bei Stalingrad" die Idee der Recherchemethode nach dem Muster der Aperiodik geliefert haben. Mit ihr arbeiten die beiden Hobbydetektive Stanjic und Sydow -gegen den verdächtigen Glaser -, und die unterschiedlichen Kachelformen des Musters liefern die initialen Grafikelemente der 138 Kapitel. Das Wissen über aperiodische Muster kommt von Glasers Klopapierrolle, ebenso wie das über Pumploris, deren träge Bewegungen das Erzählprinzip erklären.

Wiederholt eingespielt aber nicht aufgelöst wird auch ein Mustersatz der Erzählforschung. "Morgen war Weihnachten" als Beispiel für das epische Präteritum zitiert Käte Hamburger 1957 zum ersten Mal und ordnungsgemäß mit Quellennachweis, den spätere Bezugnahmen bis hin zu Wikipedia unterschlagen. Der Satz steht in Alice Berends wirklich ironiegesättigtem Berlin-Roman "Die Bräutigame der Babette Bomberling", der 1998 wieder aufgelegt wurde.

Zu wenig Stringenz

"Schwätzen und Schlachten" ist ein Anti-Moderne-Roman in ultramodernem Gewand. Dazu gehört die Verschränkung von Zeitgeist-Slang mit antiquierten Wörtern, auch wenn die "inert" und "bänglich" dabei ein wenig verloren wirken. Stanjic, der dem Wiener "Krisengebiet" entflohen ist, beliefert die gerade beliebten Österreich/Deutschland-Scharmützel, die ebenso für Running gags sorgen wie Standardfloskeln in den Dialogen, etwa: "Das sagt heute kein Mensch mehr" oder: "Was?""Das heißt wie bitte" - man hält auf Manieren in diesem Milieu.

Nicht nur beim Lesen ist ein langer Atem gefragt, auch die Autorin kämpft mit der Organisation der pubertären Schwätzereien ihrer Figuren und muss sich mit der Floskel "Nun aber zurück zu ..." immer wieder zur Ordnung rufen. Manchmal freilich gelingen wirklich ironische -nicht humorige -Passagen. Dass sie häufig das Treiben in großfamiliären Zusammenhängen betreffen, hat mit der Biografie der Autorin zu tun, wie sie freimütig mitteilt. Das Problem des Romans jedenfalls ist nicht, wie der Lektor befürchtet, übermäßige Ironie, Klamauk oder fehlende Chronologie, eher etwas zu wenig Stringenz.

Sydows Tante wirft den drei Freunden vor, sie wären unreif, weil nur "diskursiv", statt sich für "Job und Familie" zu interessieren. Diskursiv sind sie freilich nie, sie produzieren sich nur vor einander mit unterschiedlich amüsanten Redeschleifen. Ob sie am Ende erwachsen geworden sind, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Dass sich im natürlich ironisch unterwanderten Happy End ordentliche Paare heraussortieren, das Erbe angetreten wird und eine Erfindung das große Geld und Germanisten viele Jobs bringt, hat vielleicht einfach den Kurzzeiteffekt, dass sie aus Zeitgründen weniger plappern.

Schwätzen und Schlachten Von Verena Rossbacher, Kiepenheuer & Witsch 2014.640 Seiten, gebunden, € 25,70

Verena Rossbachers Debütroman "Verlangen nach Drachen" wurde 2009 ein Überraschungserfolg. Proportional zur Distanz von Wien stieg die Bereitschaft, die großzügigen Anleihen bei Friedrich Torberg oder Heimito von Doderer als originell zu lesen und "gut abgehangene Klischees"(Falter) für "Züge eines angeschrägten Wiener Originals"(Süddeutsche Zeitung) zu halten. Das "Dauerfeuer einer plauderseligen Komik" (Neue Zürcher Zeitung) ließ allenfalls auf ein wenig mehr Disziplin beim nächsten Buch hoffen. Vorsichtshalber hat die Autorin Einwände in Richtung Verschwurbeltheit, die sie gehäuft in Österreich vermutet, in ihren neuen Roman "Schwätzen und Schlachten" gleich hineingeschrieben.

Darin erzählt eine Autorin namens Verena Rossbacher von drei Freunden im Berlin unserer Tage, trifft sich regelmäßig mit ihrem Lektor, der Tipps gibt, wie Spannung in das Ganze zu bringen "seie" - so lautet die durchgängige Sprachregelung in den Druckfahnen, die im Buch dann verschwunden ist. Allerdings versteht der Lektor vom Fortgang der Handlung nicht viel, weil er den entscheidenden Bezugstext mit dem Titel "Schlachten, ein Alphabet der Indizien" nicht liest und auch uns nicht lesen lässt. Er untersagt der Autorin, das Konvolut in den Roman einzubauen. Irgendwie verständlich, 630 Seiten zu bewältigen ist schon so eine Leseherausforderung.

Neues Rollenbild der Männer gesucht

Wenn das "Schlachten" des Titels wegfällt, bleibt das "Schwätzen", das die Seiten füllt. Überwiegende Urheber sind der Cellist David Stanjic, der in Roman Nummer eins in Wien schweres Liebesleid erfuhr und nun in Berlin als Fastfood-Zusteller einen Neustart versucht. Und Frederik Sydow, Spross aus reicher Familie, der auf die Freigabe seines Erbes wartet. Das wird laut Opas Legat erst herausgerückt, wenn er etwas Sinnvolles mit seinem Leben anfängt, dass er aktuell die "Allerneueste neue deutsche Literatur" studiert, ist dafür zu wenig. Familienkontakt hält er über das kleine Lokal seiner Tante, wo sich die Freunde gern - wohl gratis -eine gute Suppe schmecken lassen. Der dritte im Bunde ist Simon Glaser, er ist sprechtechnisch etwas zurückhaltender und daraus entwickelt sich die Krimi-Handlung.

Die drei verbindet die "traurige Tatsache Hausmusik", klassisch zunächst, dann auf Anregung Glasers, der "in Kunst und Neue Medien macht", Richtung "Weltmusik". Was seine beiden Partner nicht wissen, aber bald am eigenen Leib erfahren, ist Glasers Neigung, die Menschen seines Umfelds per live-Kamera seinen Kunstprojekten einzuverleiben.

Davon abgesehen sind alle drei lebenspraktisch von höchster Harmlosigkeit. Sie schätzen Kräutertee und Hildegard-Kekse, erlauben sich allenfalls kleine Schokolade-Exzesse, sorgen für Sauberkeit in ihren Single-Wohnungen, interessieren sich in unterschiedlichem Ausmaß für Feng Shui und Horoskope -auch in Form von Kinderüberraschungseiern -, zwei von ihnen besuchen denselben Analytiker, machen Keksback-bzw. Nähkurse für ihre persönliche Weiterentwicklung und haben, Sydow zumal, letztlich nur den einen Wunsch, endlich ein Mädel "zu nehmen", möglichst eines, "das einfach gut im Saft steht, wenn man ihr auf den Hintern klopft, schallts". Es ist eine der eigenwilligsten Erscheinungen der "allerneuesten neuen deutschen Literatur", dass nach gut zwei Jahrzehnten Männer-Selbstfindungsromanen von Matthias Politycki bis Thomas Glavinic, nun junge Autorinnen nach einem neuen Rollenbild der Männer zwischen Softie und Welteneroberer fahnden.

Wer Fritz Langs "M. Eine Stadt sucht einen Mörder" noch in Erinnerung hat, bekommt für die Krimihandlung des Romans ein paar hundert Seiten vor Sydow einen entscheidenden Hinweis. Ja, den Krimi-Plot gibt's tatsächlich, insofern eine weitere Kunstaktion mit einer Art Showdown zwischen zwei Erzengeln ein Todesopfer fordert -dem österreichischen Jägersmann Onkel Jodok sei undank. Das passiert just beim großen Familienfest am alten Gut der Sydows, wo sich ansonsten eigentlich alle urig wohl fühlen.

Die literarischen Anspielungen sind auch diesmal zahlreich und reichen bis in die Romantik. Gregor von Rezzori aber dürfte mit der "Freud-Kachel" aus seinem Roman "Oedipus siegt bei Stalingrad" die Idee der Recherchemethode nach dem Muster der Aperiodik geliefert haben. Mit ihr arbeiten die beiden Hobbydetektive Stanjic und Sydow -gegen den verdächtigen Glaser -, und die unterschiedlichen Kachelformen des Musters liefern die initialen Grafikelemente der 138 Kapitel. Das Wissen über aperiodische Muster kommt von Glasers Klopapierrolle, ebenso wie das über Pumploris, deren träge Bewegungen das Erzählprinzip erklären.

Wiederholt eingespielt aber nicht aufgelöst wird auch ein Mustersatz der Erzählforschung. "Morgen war Weihnachten" als Beispiel für das epische Präteritum zitiert Käte Hamburger 1957 zum ersten Mal und ordnungsgemäß mit Quellennachweis, den spätere Bezugnahmen bis hin zu Wikipedia unterschlagen. Der Satz steht in Alice Berends wirklich ironiegesättigtem Berlin-Roman "Die Bräutigame der Babette Bomberling", der 1998 wieder aufgelegt wurde.

Zu wenig Stringenz

"Schwätzen und Schlachten" ist ein Anti-Moderne-Roman in ultramodernem Gewand. Dazu gehört die Verschränkung von Zeitgeist-Slang mit antiquierten Wörtern, auch wenn die "inert" und "bänglich" dabei ein wenig verloren wirken. Stanjic, der dem Wiener "Krisengebiet" entflohen ist, beliefert die gerade beliebten Österreich/Deutschland-Scharmützel, die ebenso für Running gags sorgen wie Standardfloskeln in den Dialogen, etwa: "Das sagt heute kein Mensch mehr" oder: "Was?""Das heißt wie bitte" - man hält auf Manieren in diesem Milieu.

Nicht nur beim Lesen ist ein langer Atem gefragt, auch die Autorin kämpft mit der Organisation der pubertären Schwätzereien ihrer Figuren und muss sich mit der Floskel "Nun aber zurück zu ..." immer wieder zur Ordnung rufen. Manchmal freilich gelingen wirklich ironische -nicht humorige -Passagen. Dass sie häufig das Treiben in großfamiliären Zusammenhängen betreffen, hat mit der Biografie der Autorin zu tun, wie sie freimütig mitteilt. Das Problem des Romans jedenfalls ist nicht, wie der Lektor befürchtet, übermäßige Ironie, Klamauk oder fehlende Chronologie, eher etwas zu wenig Stringenz.

Sydows Tante wirft den drei Freunden vor, sie wären unreif, weil nur "diskursiv", statt sich für "Job und Familie" zu interessieren. Diskursiv sind sie freilich nie, sie produzieren sich nur vor einander mit unterschiedlich amüsanten Redeschleifen. Ob sie am Ende erwachsen geworden sind, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Dass sich im natürlich ironisch unterwanderten Happy End ordentliche Paare heraussortieren, das Erbe angetreten wird und eine Erfindung das große Geld und Germanisten viele Jobs bringt, hat vielleicht einfach den Kurzzeiteffekt, dass sie aus Zeitgründen weniger plappern.

Schwätzen und Schlachten Von Verena Rossbacher, Kiepenheuer & Witsch 2014.640 Seiten, gebunden, € 25,70