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Feuilleton

Das gute Geschäft mit dem Krieg

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Eine Spurensuche

Hermann Broch beginnt 1928, nach dem abgewickelten Verkauf der elterlichen Spinnwarenfabrik in Teesdorf, mit der Konzeption seiner "Schlafwandler“-Trilogie, 1932 erschien der dritte Teil "Huguenau oder die Sachlichkeit“.

Die Handlung setzt 1917 ein. Auch der junge Huguenau, Textilfabrikantensohn aus Colmar, wird eingezogen. Allerdings nutzt er die erste Möglichkeit zur Desertion, schlägt sich irgendwie durch und landet in Kurtrier, ohne konkrete Pläne und ohne Geld. Er horcht sich ein wenig um und schon ist beides zur Hand. Huguenau redet den Honoratioren des Ortes ein, für einen Industriekonzern, Krupp wahrscheinlich, die Übernahme der regionalen Zeitung vorzubereiten und fordert sie auf, Anteilscheine zu zeichnen. Das Ganze geschehe im übergeordneten patriotischen Interesse, schließlich habe sich der Wirrkopf Esch als leitender Redakteur wiederholt verdächtig gemacht. Huguenau, der ohne jeden Hintergrund agiert, macht sich keine Sorgen, "wie er selber die Raten der legendären Industriegruppe aufbringen würde ... bis dahin hatte es gute Weile und vielerlei konnte sich ereignen; Kriegsverhältnisse bringen allerhand Unordnung“.

Huguenau kann so erfolgreich in seine "fraudulös geöffnete Tasche“ arbeiten, weil er das nötige Rüstzeug mitbringt: Skrupellosigkeit, gutes Auftreten, Überzeugungskraft. Keiner kommt auf die Idee, die Verbindung mit dem Industriekonsortium könnte erfunden sein, keiner will einen Beweis sehen.

Unmögliche Wiedereingliederung ins Zivilleben

Erst gegen Ende des Romans taucht sein Name in einer Liste von Deserteuren auf, aber Huguenau hat richtig kalkuliert, die Dinge beginnen der alten Macht zu entgleiten. In den Wirren vom November 1918 bringt er Esch um. Sobald sich die Dinge beruhigt haben, kehrt er nach Colmar zurück, übernimmt die väterliche Firma und erpresst von Eschs Witwe in einem sorgfältig aufgesetzten Geschäftsbrief eine größere Summe als Entschädigung für sein "aufgewendetes“ Kapital. Huguenau, so Broch, "war ein gewissenhafter und umsichtiger Kaufmann ... Daß er Esch umgebracht hatte, fiel zwar nicht in den kaufmännischen Pflichtenkreis, widersprach aber auch nicht dessen Usancen.“

Daneben zeigt Broch an einer Reihe von physisch wie psychisch zerstörten Figuren die Unmöglichkeit einer Wiedereingliederung ins Zivilleben. Da ist der schwer verletzte Landwehrmann Ludwig Gödicke, dessen erstes Lachen in einer schauerlich-grotesken Szene beschrieben wird, oder Ingenieur Jaretzki, der einen Arm verloren hat. Er reicht "ein Offert bei der A.E.G.“ ein; "ein sentimentaler Versuch, ins Bürgerliche zurückzufinden, eine Karriere vor sich haben, nicht mehr Herumvögeln, Heiraten … aber daran glauben Sie ebensowenig wie ich“, sagt er zum Lazarettarzt Flurschütz, der seinerseits in Zynismus flieht. "Was wollen Sie, es war das Jahrhundert der Chirurgie, gekrönt von einem Weltkrieg mit Kanonen“, zudem sei Diabetes "erwiesenermaßen auf ein Minimum zurückgegangen“, genauso wie Krebs, und auch die Prothetik habe durch die vom Krieg geschaffene Nachfrage einen wunderbaren Aufschwung genommen.

Eine Spurensuche

Hermann Broch beginnt 1928, nach dem abgewickelten Verkauf der elterlichen Spinnwarenfabrik in Teesdorf, mit der Konzeption seiner "Schlafwandler“-Trilogie, 1932 erschien der dritte Teil "Huguenau oder die Sachlichkeit“.

Die Handlung setzt 1917 ein. Auch der junge Huguenau, Textilfabrikantensohn aus Colmar, wird eingezogen. Allerdings nutzt er die erste Möglichkeit zur Desertion, schlägt sich irgendwie durch und landet in Kurtrier, ohne konkrete Pläne und ohne Geld. Er horcht sich ein wenig um und schon ist beides zur Hand. Huguenau redet den Honoratioren des Ortes ein, für einen Industriekonzern, Krupp wahrscheinlich, die Übernahme der regionalen Zeitung vorzubereiten und fordert sie auf, Anteilscheine zu zeichnen. Das Ganze geschehe im übergeordneten patriotischen Interesse, schließlich habe sich der Wirrkopf Esch als leitender Redakteur wiederholt verdächtig gemacht. Huguenau, der ohne jeden Hintergrund agiert, macht sich keine Sorgen, "wie er selber die Raten der legendären Industriegruppe aufbringen würde ... bis dahin hatte es gute Weile und vielerlei konnte sich ereignen; Kriegsverhältnisse bringen allerhand Unordnung“.

Huguenau kann so erfolgreich in seine "fraudulös geöffnete Tasche“ arbeiten, weil er das nötige Rüstzeug mitbringt: Skrupellosigkeit, gutes Auftreten, Überzeugungskraft. Keiner kommt auf die Idee, die Verbindung mit dem Industriekonsortium könnte erfunden sein, keiner will einen Beweis sehen.

Unmögliche Wiedereingliederung ins Zivilleben

Erst gegen Ende des Romans taucht sein Name in einer Liste von Deserteuren auf, aber Huguenau hat richtig kalkuliert, die Dinge beginnen der alten Macht zu entgleiten. In den Wirren vom November 1918 bringt er Esch um. Sobald sich die Dinge beruhigt haben, kehrt er nach Colmar zurück, übernimmt die väterliche Firma und erpresst von Eschs Witwe in einem sorgfältig aufgesetzten Geschäftsbrief eine größere Summe als Entschädigung für sein "aufgewendetes“ Kapital. Huguenau, so Broch, "war ein gewissenhafter und umsichtiger Kaufmann ... Daß er Esch umgebracht hatte, fiel zwar nicht in den kaufmännischen Pflichtenkreis, widersprach aber auch nicht dessen Usancen.“

Daneben zeigt Broch an einer Reihe von physisch wie psychisch zerstörten Figuren die Unmöglichkeit einer Wiedereingliederung ins Zivilleben. Da ist der schwer verletzte Landwehrmann Ludwig Gödicke, dessen erstes Lachen in einer schauerlich-grotesken Szene beschrieben wird, oder Ingenieur Jaretzki, der einen Arm verloren hat. Er reicht "ein Offert bei der A.E.G.“ ein; "ein sentimentaler Versuch, ins Bürgerliche zurückzufinden, eine Karriere vor sich haben, nicht mehr Herumvögeln, Heiraten … aber daran glauben Sie ebensowenig wie ich“, sagt er zum Lazarettarzt Flurschütz, der seinerseits in Zynismus flieht. "Was wollen Sie, es war das Jahrhundert der Chirurgie, gekrönt von einem Weltkrieg mit Kanonen“, zudem sei Diabetes "erwiesenermaßen auf ein Minimum zurückgegangen“, genauso wie Krebs, und auch die Prothetik habe durch die vom Krieg geschaffene Nachfrage einen wunderbaren Aufschwung genommen.