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Feuilleton

Das Hautkleid, ein KunstwerK

1945 1960 1980 2000 2020

Der Sommer legt stets Tattoo-Kunst aller Stilrichtungen frei. Woher kommt die lust am Hautstich, für die millionen den Schmerz heißer nadeln ertragen?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Sommer legt stets Tattoo-Kunst aller Stilrichtungen frei. Woher kommt die lust am Hautstich, für die millionen den Schmerz heißer nadeln ertragen?

Zu jedem neuen Bild auf Sonja Anders' Hautkleid gehört jedes Mal das gleiche Ritual: Davor ist sie "immer noch super aufgeregt". Ist das Tattoo gestochen, denkt sie "oh mein Gott, das war zu viel", und 48 Stunden später ist sie "total happy" über das neue Motiv. The same procedure as every time! Dazu gehören auch ihre Eltern, "die sich jedes Mal wieder aufregen". Sonja Anders ist 40 Jahre alt, hat Kind und Partner, Karrierefrau im Beruf, Extremsportlerin in der Freizeit -und mehr als die Hälfte ihrer 1,6 Quadratmeter Hautfläche ist tätowiert. Das ist der Grund, warum Sonja Anders im richtigen Leben anders heißt als in diesem Artikel. Eine tätowierte Frau hat es beruflich nicht immer leicht, sagt sie. Sie will nicht allen im Büro immer gleich alles zeigen. Und bei Präsentationen vor Konzernvorständen trägt sie auch im Hochsommer die Bluse bis oben zugeknöpft, und ihr Sakko behält sie selbst bei Hitze an: "Auf meinem Unterarm habe ich eine Geisha tätowiert - warum und wieso, das ist meine Sache. Meine Tattoos sind privat, die sind für mich wichtig, die muss ich nicht im Beruf jedem ins Gesicht halten."

"Ästhetische Revolution"

In der Öffentlichkeit, noch dazu im Sommer, sind Tätowierungen jedoch mittlerweile zur Alltagserscheinung geworden. In Österreich ist jede und jeder Fünfte tätowiert, und 20 Prozent Tätowierte gilt auch als europäischer Durchschnitt - Tendenz steigend. Für die Generation zwischen 18 und 30 Jahren ist es mittlerweile völlig normal, eine Tätowierung zu tragen. Das Geschäft mit dem gestochenen Körperschmuck brummt. Tattoo-Studios ziehen aus ihren früheren Kellerlokalen weg in die 1a-Lagen der Städte und präsentieren sich als nachgefragte Dienstleistungsbetriebe mit künstlerischem Auftrag und Anspruch. "Da sind wir Zeugen einer ästhetischen Revolution geworden", beschreibt das der Essener Soziologe Oliver Bidlo, der über Bedeutung und Botschaft von Tätowierungen forscht, in einem Interview mit der Welt. Bidlo erzählt darin auch von einem Gedankenblitz neulich im Freibad, als er sich fragte: Wird es eines Tages Aufmerksamkeit erregen, wenn man untätowiert ein Schwimmbad betritt?

Das Interesse am tätowierten Prinz Omai aus Tahiti gilt jedenfalls als die Geburtsstunde des Tattoos in Europa. 1774 hatte Captain Cook den Eingeborenen aus der Südsee von seiner Weltumsegelung mit nach England gebracht, um ihn zur Schau zu stellen. Cook war nicht der erste Seefahrer, der auf die lukrative Geschäftsidee mit exotischen Menschenexponaten gekommen war, und Omai war nicht der erste einem zahlenden Publikum präsentierte tätowierte Prinz. Doch Cook brachte neben seinem lebendigen Ausstellungsstück auch das Wort "Tattoo" - von tahitianisch tatau, die Haut ritzen -mit, das Omais Aufsehen erregenden Körperschmuck bezeichnete. So konnte in den Salons und bei (pseudo-)wissenschaftlichen Untersuchungen der nackte, farbige Körper nicht nur bestaunt und angegriffen, sondern auch besprochen werden. In seinem Standardwerk zur Geschichte der Tätowierung in Europa "Zeichen auf der Haut" schreibt der deutsche Kulturhistoriker Stephan Oettermann: "Tattoo war ein schönes, geheimnisvolles Wort, das sich beinah wie von selbst in die graue Großhirnrinde des Europäers tätowierte und bis heute nicht ausgelöscht ist."

Eine große Schürfwunde

Sonja Anders überlegt sich jedes neue Tattoo sehr gut. Die Haut ist zwar das größte menschliche Organ, aber sie ist nicht unbegrenzt. Sonja muss mit ihrer Körperleinwand sparen. Bei der Motivwahl geht sie anders vor als ihr ebenfalls großflächig tätowierter Partner. Während er mit genauen Vorlagen zum Tätowierer geht und einen professionellen "Abmaler" sucht, braucht sie einen "Künstler, dem ich viel Freiheit lasse und mit dem ich gemeinsam das Bild entwerfe". Weh tut es trotzdem immer, ein Tattoo ist, Kunst hin oder her, zunächst einmal eine große Schürfwunde. "Aber der Schmerz gehört dazu", sagt sie, "er macht, dass ich in mich kehre, beim Tätowieren ganz bei mir bin."

Aussagen wie diese bringen Psychologen dazu, in den Tattoos mehr als nur den Wunsch nach Schönheit zu sehen. Das schmerzhafte Ritual des Tätowierens wird gerne mit den Initiationsriten in Stammesgesellschaften verglichen. Dass die meisten Tattoos erstmals rund um die Volljährigkeit gestochen werden, dient als Beleg für diese Theorie, die Tätowierungen in einen zeitlich wie geographisch weltumspannenden Rahmen stellt. Heißt dieser Vergleich doch nichts anderes, als dass heutige Jugendliche in einer weitgehend entritualisierten Welt sich mit Tattoos einem individuell praktizierten Initiationsritus unterziehen. Vor allem das Unwiderrufliche am Akt des Tätowierens macht für den Soziologen Bidlo dessen Reiz aus: "Es begehrt auf gegen eine Lebenserfahrung, die wir immer stärker spüren: gegen die permanente Veränderung, die Unverbindlichkeit, die mit Phänomenen wie Lebensabschnittspartnerschaften, steigenden Scheidungsraten, Mobilität und insgesamt mit unserer Beschleunigungsgesellschaft einhergeht. Tattoos sind konservativ, weil sie mitten im Strudel ständiger Veränderung etwas Unveränderliches setzen: ein Bild auf meiner Haut, das bleibt."

Sonja Anders rät deswegen Jugendlichen, sich nicht bereits mit 18 Jahren großflächig und an plakativen Körperstellen wie Hals oder Handrücken tätowieren zu lassen. Denn Tattoo-Entscheidungen, auch wenn sie im Rebellenalter als cool erscheinen, sind Lebensentscheidungen. Und neben dem künstlerischen Aspekt sind Tätowierungen immer auch eine Form von Bekenntnis. In diesem Zusammenhang verweist Sonja Anders auch auf den von seriösen Tätowierern praktizierten Ehrenkodex, der nicht alles erlaubt, wonach die zu junge Kundschaft verlangt.

Siegeszug durch Popstars und Sportidole

Das vom Südsee-Prinz Omai ausgelöste Gefallen am Tattoo in Europa brauchte jedenfalls mehr als 200 Jahre -bis sich das Stigma Tätowierung zum Kunstausdruck verwandelte, den Ruch von Verwegenheit bis hin zum Verbrechen abschütteln konnte und ausgehend von den Menschen an den Rändern in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Damit hätte ein in anderen Dingen so wegweisender Kopf wie Adolf Loos wohl nicht gerechnet. In seinem Buch "Ornament und Verbrechen" schrieb er 1908: "Der moderne Mensch, der sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder ein Degenerierter. Es gibt Gefängnisse, in denen 80 Prozent der Häftlinge Tätowierungen aufweisen. Die Tätowierten, die nicht in Haft sind, sind latente Verbrecher oder degenerierte Aristokraten." Zu denen er wohl auch Kaiserin Sisi zählte, die sich als Schönheits-und Modeikone ihrer Zeit natürlich ein Tattoo stechen ließ. Erst mit den Popstars und Sportidolen der 1990er Jahre setzte der Siegeszug der Tattoos in der Öffentlichkeit ein. Die Promis taten sich dabei auch leichter, mussten sie ja nicht fürchten, dass ihr Vorgesetzter ein Problem mit ihrem Körperschmuck haben könnte.

Sonja Anders nennt ihre Tätowierungen ebenfalls "meine Art von Schmuck". Damit ein Tattoo für sie schön ist, sollte es "super platziert und gut ausgeführt sein sowie zum Träger passen". Am wichtigsten ist für sie jedoch, dass es dem Tätowierten selbst gefällt -natürlich gilt auch hier: "Geschmack macht einsam!" Womit Sonja Anders auf den (Nadelstich-)Punkt bringt, was der 2010 verstorbene, lange bekannteste Tätowierer Deutschlands, Herbert Hoffmann, zum Selbstverständnis von tätowierten Menschen sagte: "Nichttätowierte vermögen sich nicht in unsere Empfindungen und unsere Mentalität hineinzudenken. Sie begreifen nicht, wie tief die Wurzeln der Tätowierung in uns hineinreichen; sie kennen nicht das Gefühl von besonderer Freiheit, von Unabhängigkeit und Lebensglück."

Zu jedem neuen Bild auf Sonja Anders' Hautkleid gehört jedes Mal das gleiche Ritual: Davor ist sie "immer noch super aufgeregt". Ist das Tattoo gestochen, denkt sie "oh mein Gott, das war zu viel", und 48 Stunden später ist sie "total happy" über das neue Motiv. The same procedure as every time! Dazu gehören auch ihre Eltern, "die sich jedes Mal wieder aufregen". Sonja Anders ist 40 Jahre alt, hat Kind und Partner, Karrierefrau im Beruf, Extremsportlerin in der Freizeit -und mehr als die Hälfte ihrer 1,6 Quadratmeter Hautfläche ist tätowiert. Das ist der Grund, warum Sonja Anders im richtigen Leben anders heißt als in diesem Artikel. Eine tätowierte Frau hat es beruflich nicht immer leicht, sagt sie. Sie will nicht allen im Büro immer gleich alles zeigen. Und bei Präsentationen vor Konzernvorständen trägt sie auch im Hochsommer die Bluse bis oben zugeknöpft, und ihr Sakko behält sie selbst bei Hitze an: "Auf meinem Unterarm habe ich eine Geisha tätowiert - warum und wieso, das ist meine Sache. Meine Tattoos sind privat, die sind für mich wichtig, die muss ich nicht im Beruf jedem ins Gesicht halten."

"Ästhetische Revolution"

In der Öffentlichkeit, noch dazu im Sommer, sind Tätowierungen jedoch mittlerweile zur Alltagserscheinung geworden. In Österreich ist jede und jeder Fünfte tätowiert, und 20 Prozent Tätowierte gilt auch als europäischer Durchschnitt - Tendenz steigend. Für die Generation zwischen 18 und 30 Jahren ist es mittlerweile völlig normal, eine Tätowierung zu tragen. Das Geschäft mit dem gestochenen Körperschmuck brummt. Tattoo-Studios ziehen aus ihren früheren Kellerlokalen weg in die 1a-Lagen der Städte und präsentieren sich als nachgefragte Dienstleistungsbetriebe mit künstlerischem Auftrag und Anspruch. "Da sind wir Zeugen einer ästhetischen Revolution geworden", beschreibt das der Essener Soziologe Oliver Bidlo, der über Bedeutung und Botschaft von Tätowierungen forscht, in einem Interview mit der Welt. Bidlo erzählt darin auch von einem Gedankenblitz neulich im Freibad, als er sich fragte: Wird es eines Tages Aufmerksamkeit erregen, wenn man untätowiert ein Schwimmbad betritt?

Das Interesse am tätowierten Prinz Omai aus Tahiti gilt jedenfalls als die Geburtsstunde des Tattoos in Europa. 1774 hatte Captain Cook den Eingeborenen aus der Südsee von seiner Weltumsegelung mit nach England gebracht, um ihn zur Schau zu stellen. Cook war nicht der erste Seefahrer, der auf die lukrative Geschäftsidee mit exotischen Menschenexponaten gekommen war, und Omai war nicht der erste einem zahlenden Publikum präsentierte tätowierte Prinz. Doch Cook brachte neben seinem lebendigen Ausstellungsstück auch das Wort "Tattoo" - von tahitianisch tatau, die Haut ritzen -mit, das Omais Aufsehen erregenden Körperschmuck bezeichnete. So konnte in den Salons und bei (pseudo-)wissenschaftlichen Untersuchungen der nackte, farbige Körper nicht nur bestaunt und angegriffen, sondern auch besprochen werden. In seinem Standardwerk zur Geschichte der Tätowierung in Europa "Zeichen auf der Haut" schreibt der deutsche Kulturhistoriker Stephan Oettermann: "Tattoo war ein schönes, geheimnisvolles Wort, das sich beinah wie von selbst in die graue Großhirnrinde des Europäers tätowierte und bis heute nicht ausgelöscht ist."

Eine große Schürfwunde

Sonja Anders überlegt sich jedes neue Tattoo sehr gut. Die Haut ist zwar das größte menschliche Organ, aber sie ist nicht unbegrenzt. Sonja muss mit ihrer Körperleinwand sparen. Bei der Motivwahl geht sie anders vor als ihr ebenfalls großflächig tätowierter Partner. Während er mit genauen Vorlagen zum Tätowierer geht und einen professionellen "Abmaler" sucht, braucht sie einen "Künstler, dem ich viel Freiheit lasse und mit dem ich gemeinsam das Bild entwerfe". Weh tut es trotzdem immer, ein Tattoo ist, Kunst hin oder her, zunächst einmal eine große Schürfwunde. "Aber der Schmerz gehört dazu", sagt sie, "er macht, dass ich in mich kehre, beim Tätowieren ganz bei mir bin."

Aussagen wie diese bringen Psychologen dazu, in den Tattoos mehr als nur den Wunsch nach Schönheit zu sehen. Das schmerzhafte Ritual des Tätowierens wird gerne mit den Initiationsriten in Stammesgesellschaften verglichen. Dass die meisten Tattoos erstmals rund um die Volljährigkeit gestochen werden, dient als Beleg für diese Theorie, die Tätowierungen in einen zeitlich wie geographisch weltumspannenden Rahmen stellt. Heißt dieser Vergleich doch nichts anderes, als dass heutige Jugendliche in einer weitgehend entritualisierten Welt sich mit Tattoos einem individuell praktizierten Initiationsritus unterziehen. Vor allem das Unwiderrufliche am Akt des Tätowierens macht für den Soziologen Bidlo dessen Reiz aus: "Es begehrt auf gegen eine Lebenserfahrung, die wir immer stärker spüren: gegen die permanente Veränderung, die Unverbindlichkeit, die mit Phänomenen wie Lebensabschnittspartnerschaften, steigenden Scheidungsraten, Mobilität und insgesamt mit unserer Beschleunigungsgesellschaft einhergeht. Tattoos sind konservativ, weil sie mitten im Strudel ständiger Veränderung etwas Unveränderliches setzen: ein Bild auf meiner Haut, das bleibt."

Sonja Anders rät deswegen Jugendlichen, sich nicht bereits mit 18 Jahren großflächig und an plakativen Körperstellen wie Hals oder Handrücken tätowieren zu lassen. Denn Tattoo-Entscheidungen, auch wenn sie im Rebellenalter als cool erscheinen, sind Lebensentscheidungen. Und neben dem künstlerischen Aspekt sind Tätowierungen immer auch eine Form von Bekenntnis. In diesem Zusammenhang verweist Sonja Anders auch auf den von seriösen Tätowierern praktizierten Ehrenkodex, der nicht alles erlaubt, wonach die zu junge Kundschaft verlangt.

Siegeszug durch Popstars und Sportidole

Das vom Südsee-Prinz Omai ausgelöste Gefallen am Tattoo in Europa brauchte jedenfalls mehr als 200 Jahre -bis sich das Stigma Tätowierung zum Kunstausdruck verwandelte, den Ruch von Verwegenheit bis hin zum Verbrechen abschütteln konnte und ausgehend von den Menschen an den Rändern in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Damit hätte ein in anderen Dingen so wegweisender Kopf wie Adolf Loos wohl nicht gerechnet. In seinem Buch "Ornament und Verbrechen" schrieb er 1908: "Der moderne Mensch, der sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder ein Degenerierter. Es gibt Gefängnisse, in denen 80 Prozent der Häftlinge Tätowierungen aufweisen. Die Tätowierten, die nicht in Haft sind, sind latente Verbrecher oder degenerierte Aristokraten." Zu denen er wohl auch Kaiserin Sisi zählte, die sich als Schönheits-und Modeikone ihrer Zeit natürlich ein Tattoo stechen ließ. Erst mit den Popstars und Sportidolen der 1990er Jahre setzte der Siegeszug der Tattoos in der Öffentlichkeit ein. Die Promis taten sich dabei auch leichter, mussten sie ja nicht fürchten, dass ihr Vorgesetzter ein Problem mit ihrem Körperschmuck haben könnte.

Sonja Anders nennt ihre Tätowierungen ebenfalls "meine Art von Schmuck". Damit ein Tattoo für sie schön ist, sollte es "super platziert und gut ausgeführt sein sowie zum Träger passen". Am wichtigsten ist für sie jedoch, dass es dem Tätowierten selbst gefällt -natürlich gilt auch hier: "Geschmack macht einsam!" Womit Sonja Anders auf den (Nadelstich-)Punkt bringt, was der 2010 verstorbene, lange bekannteste Tätowierer Deutschlands, Herbert Hoffmann, zum Selbstverständnis von tätowierten Menschen sagte: "Nichttätowierte vermögen sich nicht in unsere Empfindungen und unsere Mentalität hineinzudenken. Sie begreifen nicht, wie tief die Wurzeln der Tätowierung in uns hineinreichen; sie kennen nicht das Gefühl von besonderer Freiheit, von Unabhängigkeit und Lebensglück."