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Feuilleton

Das Herz der Finsternis

1945 1960 1980 2000 2020
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Giulio Andreotti gilt als Meister der politischen Intrige Italiens. Der Film „Il Divo“ zeichnet sein Porträt als Karikatur. Hommage an die dunkle Seite der Macht.

Giulio Andreotti ist ein gläubiger Mann. Nicht nur geht er jeden Tag in die Kirche, er weiß auch genau, was Sünde ist. Und wann sie ihm nützt: „Wenn man über andere schlecht denkt, begeht man eine Sünde, aber man trifft üblicherweise gut.“ Wenn jemand so oft und so lange schießt und trifft wie Andreotti, bleibt zwangsläufig etwas Farbe kleben und hie und da auch etwas Blut – zumindest der Fama nach. So kommt er auch zu seinen Spitznamen: Beelzebub, Mann im Dunkeln, der Bucklige, schwarzer Papst. Dass man über eine solche Figur auch noch lachen kann, verdanken wir der Politsatire „Il Divo, der Göttliche“ von Paolo Sorrentino.

Die Karikatur Italiens

Da ist einer 25-mal Minister und siebenmal Ministerpräsident. Da wird über die Jahrzehnte korrumpiert, erpresst, getäuscht und gemordet, da küsst der Regierungschef dem Mafiapaten die Hand. Da werden 29 Klagen erhoben – und ebenso viele Verfahren wieder eingestellt: Das ist die Karikatur einer Staatsmacht, in der eine Karikatur regiert: Giulio Andreotti, gespielt von Toni Servello, ist maskenhaft bleich, steif, bucklig. So trippelt er wie ein bigotter Ministrant gesenkten Hauptes immer verschwiegen, immer im schwarzen Anzug, durch die Kulissen der Macht. Die feingliedrigen Hände vor dem Schoß gefaltet, hält er Hof. Ein Gefallen hier, ein Geheimabkommen da, eine aufschlussreiche Information aus Geheimdienstkreisen dort. So entsteht das, was man das berüchtigte „Archiv“ Andreottis nennt. Jeder ist erpressbar, jeder kaufbar, wo nicht, schlägt das Archiv zu – und manchmal auch die Mafia.

Sorrentino lässt den kleinen Mann mit dem Äußeren einer Schildkröte sich unter Migräne winden, während er Macht und Staat umklammert. Dass er dabei mit seinem eingeschworenen Team von Günstlingen, Zupackern und Ausputzern immer tiefer in den Machenschaften von Geheimlogen sowie Terror- und Mafiagruppen versinkt, nimmt der Politiker hin, so wie die Anfeindungen seiner Gegner. Er weiß, dass sie wissen, aber nicht beweisen können, während er alles weiß und jedem von ihnen alles nachweisen kann. Nur der Fluch Aldo Moros lastet schwer auf ihm: „Mein Blut wird über euch kommen“, sagte der Präsident der Democrazia Cristiana in seiner letzten Nachricht aus der Gefangenschaft der Roten Brigaden, kurz bevor er ermordet wurde.

Nicht vor den Lebenden hat Andreotti Angst, sondern vor den Mächten aus dem Jenseits. Zu Recht. Denn der Tod der anderen ist sein Fluch: An dem Tag, als sich Andreotti zum Staatspräsidenten wählen lassen will, wird der Mafiajäger Giovanni Falcone ermordet. Das beendet den politischen Aufstieg des Buckligen. Prozesse folgen, die Gerechtigkeit nicht. Hier endet die Filmsatire Paolo Sorrentinos, und hier beginnt die Wirklichkeit Italiens jenseits aller Karikatur: Da ist Silvio Berlusconi gewählter Regierungschef und Giulio Andreotti Senator auf Lebenszeit. Wie sagte er kürzlich? „Macht verschleißt nur den, der sie nicht hat.“

Il Divo, der Göttliche

Italien 2008. Regie: Paolo Sorrentino. Mit Toni Servello, Anna Bonaiuto, Fanny Ardant. Verleih: Delphi, 117 min.