Das Herz in Metallsplittern gefangen

Eigentlich ist Ödön von Horváths "Don Juan kommt aus dem Krieg" eher eine Skizze, ein Stationendrama über den Kriegsheimkehrer Don Juan, dessen Herz in Metallsplittern gefangen und von den Traumatisierungen des Ersten Weltkrieges erstarrt ist. Wie soll sich dieser Mensch noch zurechtfinden, der hin-und hergerissen ist zwischen realen existentiellen Bedrohungen und den Grauen seiner inneren Wirklichkeit?

Eigens für die Salzburger Festspiele hat Regisseur Andreas Kriegenburg Ödön von Horváths Drama eingerichtet, ihm gelingt eine gleichermaßen kluge wie fantasievolle Inszenierung dieses schwierigen und selten gespielten Stücks. Kriegenburg erzählt die Geschichte als grotesken Albtraum des heimgekehrten Don Juan. Er fängt die Zwischenkriegszeit der 1920er-Jahre als eine Art Zwischenwelt ein und findet zugleich den Bogen in die Gegenwart. In einem der wenigen leisen Momente an diesem rasanten Abend erreicht die Nachricht des Krieges eine der vielen Frauenfiguren: "Ich ertrage es nicht mehr. An jedem Tag ist irgendwo Krieg und ich als Mutter trage ihn", sagt sie wie zu sich selbst.

100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, des großen Themas bei den diesjährigen Salzburger Festspielen, ist Frieden immer noch eine Utopie. Liebe und Humanität sind Teil jener Sehnsucht, die Horváths Don Juan antreibt, die er jedoch nie finden wird bzw. kann, weil sein Herz und seine Seele längst zu schwer beschädigt sind. "Ein Herz ist kein Witz" sagt er am Ende, als er verzweifelt feststellen muss, dass die Suche nach seiner Braut vergeblich war, ist diese doch längst tot. Kurz vor der Hochzeit hatte der Schwerenöter das Mädchen betrogen und zog dann in den Krieg. Im Angesicht des Todes wird sie ihm zum Ideal und - wie unzählige Soldaten -schreibt er Feldpostkarten an die Geliebte zu Hause, die an gebrochenem Herzen zugrunde ging.

Hilfeschreie der Soldaten

Auf der Bühne der Perner-Insel hängen 30.000 Feldpostkarten, ein einprägsames Bild für die Hilfeschreie der Soldaten an der Front. Zu Beginn der knapp zweistündigen Produktion steigen die Darstellerinnen auf Leitern und lesen die zärtlichen Worte der Korrespondenzen, während Max Simonischek als Don Juan mit Gasmaske auf dem Kopf im Kreis rennt. Vom Bühnenhimmel rieselt Asche, bis zum Ende wird der düstere Regen nicht nachlassen, der die Welt dunkelgrau einfärbt.

Die Frauen hingegen strotzen vor Lebensund Vergnügungsfreude. Wie die Stummfilmstars mit expressiven Gesichtern sind sie weiß geschminkt, spitzen stets ihre knallroten Lippen und tragen imposante Perücken. Sie sind es, die Kriegenburgs Inszenierung bestimmen. 35 Rollen werden von neun außergewöhnlichen Schauspielerinnen verkörpert, die zeigen, was gutes Ensemblespiel bedeuten kann. Tragikomisch ist etwa Traute Hoess als Großmutter der Braut, die ihre Stimme virtuos zwischen bösartiger Alter und verletzter Frau moduliert. Ebenso hinreißend sind die junge Elisa Plüss, Janina Sachau und Sonja Beisswenger als jugendliche Eisläuferinnen, Olivia Grigolli als Beamtenwitwe oder Natali Seelig u. a. in einer Hosenrolle.

Explosive Lebenslust

Sie alle verbiegen und verrenken sich geradezu akrobatisch, wenn es darum geht, ihre Bedürfnisse und explosive Lebenslust sichtbar zu machen. Sie rhythmisieren Horváths genaue Sprache, betonen die Musikalität des Textes, lassen den leisen Sehnsüchten ein Echo nachklingen und brüllen ihren Schmerz heraus. Sie alle kreisen um Don Juan, der seine Verführungskünste allerdings im Krieg eingebüßt hat. Er ist reine Projektionsfläche, den unwiderstehlichen Frauenhelden machen nur die Frauen aus ihm. Er selbst ist substanzlos. Dieser Don Juan reagiert nur mehr, die Frauen werfen sich ihm an den Hals und drohen ihm mit einem Satz aus "Geschichten aus dem Wiener Wald", nämlich: "Du wirst meiner Liebe nicht entgehen."

Kriegshetze bis heute

Die überartikulierte Sprechweise stellt inhaltsleere Phrasen aus, demaskiert die Lügen der Kriegsbegeisterten und Machthaber. Dementsprechend ergänzt und verschärft Kriegenburg die Vorlage mit einem Schlussmonolog. Am Ende geht Don Juan für einen Moment aus sich heraus und benennt die Lügenmechanismen, die ihn in den Krieg jagten: die Gerechtigkeitslüge und die Vaterlandslüge, die Siegeslüge und die Bedrohungslüge. Mit ihnen wird bis heute Kriegshetze betrieben. Doch weder Gerechtigkeit noch Sieg warten auf die Männer, allein Schlacht-und Gräberfelder, die ihnen den Rest ihres Lebens zum Albtraum werden lassen.

Bildmächtig schließt Kriegenburg diesen eindrucksvollen Abend: Als Don Juan endlich zum Grab seiner Braut kommt, wird ihm trotz Schneefalls warm ums Herz, er zieht seine Kleider aus und legt sich nackt aufs Grab, während die Darstellerinnen Eisblöcke um ihn herumlegen. Sie zerschlagen die Brocken, und so schmilzt Don Juan erstarrtes Herz, während er selbst in einem Eisnest friedlich einschläft.

Andreas Kriegenburg und seinem großartigen Ensemble gelingt eine ebenso intelligente wie sinnlich-poetische Arbeit, bei der es nur eines zu bedauern gibt, nämlich dass sie nach nur acht Vorstellungen abgespielt sein wird.

Don Juan kommt aus dem Krieg Perner-Insel, Hallein -23., 24., 26., 27. August

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