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"Das ist ein neuer KOLONIALISMUS"

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Welche Psychodynamiken wirken als Nährboden des Terrorismus? Psychoanalytiker August Ruhs über Tätertypen und die Globalisierung der "perversen Gesellschaft".

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Welche Psychodynamiken wirken als Nährboden des Terrorismus? Psychoanalytiker August Ruhs über Tätertypen und die Globalisierung der "perversen Gesellschaft".

In der Psychoanalyse steht die Figur des Vaters symbolisch für alle Formen gesellschaftlicher Autorität. Der "Vater" weist den Weg in eine kulturelle Ordnung, in die das Kind durch Disziplinierung und Triebverzicht eingeführt wird.

DIE FURCHE: Die Täter der Anschläge in den letzten Wochen waren durchwegs junge Männer: Was macht diese Gruppe so anfällig für Gewalttaten - und sehen Sie einen Zusammenhang mit der heutigen Situation des Mannes, mit Patriarchat und Männlichkeit?

August Ruhs: Unsere Zeit ist bestimmt durch einen Zerfall patriarchalischer Strukturen, der bereits im 19. Jahrhundert begonnen hat. Damit verbunden ist eine Neuordnung der Identitäten und der Geschlechterverhältnisse. Und eine Ordnung, die nicht mehr politisch, sondern vor allem ökonomisch geprägt ist. Die besonders intensive kapitalistische Ordnung hat einen neuen gesellschaftlichen Imperativ eingeführt: "Du sollst genießen!" Dieser Imperativ des Genießens hat den Imperativ der Mäßigung, wie sie eine väterliche Autorität normalerweise zur Aufgabe hat, verdrängt: Statt der Restriktion gibt es jetzt eine allgemeine Forderung nach Übertretung, nach Exzess, nach Überfluss. Die Repression durch Verzicht und Einschränkung ist einer Repression durch Konsum-und Genusszwang gewichen.

DIE FURCHE: Diese gesellschaftliche Situation entspricht einem Entwicklungsstadium vor dem Ödipus-Komplex -als das Kleinkind noch hemmungslos vergnügungssüchtig war oder "polymorph pervers", wie es Freud bezeichnet hat. Ruhs: Dieser Appell zum Genießen macht den aktuellen Kapitalismus in der Tat zu einem System, das aus klinischer Sicht in die Perversion hinüberreicht. Daher spricht die französische Historikerin Élisabeth Roudinesco von einer "perversen Gesellschaft": eine Gesellschaft, die das Genießen propagiert, damit aber zugleich viel Unglück provoziert. Es ist ja kein Genießen im Sinne des Lustprinzips, sondern eher ein leidvoller Zwang. Der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe wiederum spricht von einer anonymen "Big Brother"-Gesellschaft: Disziplinierung und Überwachung erfolgen heute durch eine nicht mehr wirklich erfassbare Macht.

DIE FURCHE: Wie konnte unter diesen Bedingungen ein Nährboden für religiös-fundamentalistischen Terrorismus entstehen?

Ruhs: Aufgrund instabiler Identitäten, verbunden mit prekären ökonomischen Verhältnissen, entsteht eine totale Unsicherheit. Das provoziert den Versuch, eine nicht mehr funktionierende ödipale Struktur neu aufzurichten - also eine gesetzgebende Macht der Einschränkung und eine Gesellschaftsordnung, in der es wieder einen namhaften Vertreter der Macht geben muss. In dieses Vakuum des fehlenden väterlichen Gesetzes kommt jetzt die Religion hinein. Die Religion gibt verbindliche Werte und Ideale vor. Insbesondere die monotheistischen Religionen implizieren die Projektion einer übermächtigen Vaterfigur und sind wesentlicher Bestandteil des kollektiven Über-Ichs. Die Inhalte sind aus dieser Sicht gar nicht wichtig -wesentlich ist, dass das Gesetz durch einen Imperativ wirkt. Der KZ-Wärter im Nationalsozialismus zum Beispiel hat sich darauf berufen können, nur seine Pflicht erfüllt zu haben. Das war eine Über-Ich-Funktion. Daher zeigten diese Menschen oft kein Schuldgefühl.

DIE FURCHE: Worin liegt die Attraktion, sich einer islamistischen Terrorgruppe anzuschließen?

Ruhs: Die Identitätsbildung ist ein wichtiger Faktor. Der IS und andere Terror-Organisationen bieten eine stabile Identität an, ganz nach dem Motto: Du bist jetzt einer von uns. Das kann verlockend sein, wenn man vorher ein Außenseiter war, keine akzeptable Identität, kein Prestige, keine Achtung gehabt hat. Das ist wie in einer gefährlichen Sekte, in der man sich zusammenschließt, um ein neues Leben beginnen zu können.

DIE FURCHE: Befinden wir uns generell in einem Kampf der Kulturen? Ruhs: Es gibt Religionen, genauso wie politische Parteien, die propagieren, dass es nur eine Gruppe von Menschen gibt, die richtig handelt, und gegen alle anderen kämpft. Das ist nun bei einem pervertierten Islam der Fall. Die Religion ist hier aber nicht die Ursache des Problems, sondern dessen Rechtfertigung. Der Terror erscheint mir vielmehr als Ausdruck einer Angstgesellschaft -gespeist aus einer Aggressivität bedingt durch Unsicherheit und Ungleichheit. Die Ungerechtigkeit der Welt ist zurzeit enorm. Die Globalisierung hat zur Spaltung in zwei Welten geführt, die ausbeuterische und die weiterhin ausgebeutete. Das ist ein neuer Kolonialismus. Ganz klar, dass hier Spannungen entstehen, etwa in Bezug auf traditionelle Werte zwischen den Kulturen. Es gibt sicherlich auch einen "Clash of Cultures". Die kapitalistisch-hedonistische Kultur ist eine Herausforderung für all jene, die kulturell asketischer eingestellt sind. Aber nun dient die Religion als Vorwand, um aggressive Konflikte anzustacheln, die heute offenbar dermaßen drängend geworden sind.

DIE FURCHE: Sie meinen, der Terrorismus wäre auch zu verstehen als Widerstand gegen die globale Vorherrschaft eines kapitalistischliberalen-Systems, das nur noch dem Genuss-Imperativ folgt? Der Anspruch dieses Systems, global geltend zu werden, führt demnach zum gewaltsamen Widerstand, der dann hineingetragen wird in die westlichen Gesellschaften, die dieses System exportiert haben...

Ruhs: Ja, das hat auch dazu geführt, dass in unserer Zeit des Postkolonialismus Erinnerungen an die Kolonialzeit wach werden. Jetzt freilich gibt es einen Rückschlag: Früher sind "wir" zu "ihnen" gekommen; jetzt kommen "sie" zu "uns". Jetzt wundern wir uns, dass "sie" uns heimsuchen. Im Grunde machen die militanten Islamisten jetzt Kreuzzüge, so wie "wir" sie im Mittelalter gemacht haben. Ein historischer Faktor ist ja die Wiederholung von traumatischen Ereignissen, die den Lauf der Geschichte bedingen. Es gibt so etwas wie Jubiläumsmathematik: Wenn gerade etwas Historisches passiert, kann man immer wieder in der Geschichte Ereignisse finden, die damit wiederholt werden sollen. Freud sagt, dass unsere individuelle Geschichte erinnert, aber auch wiederholt wird. In der Psychoanalyse wird ein Teil der Lebensgeschichte in der Übertragung wieder ausgelebt. Dieses Phänomen gibt es auch auf kollektiver Ebene. Die große Umwälzung durch den Zusammenbruch des kommunistischen Ostens fand genau 200 Jahre nach der Französischen Revolution statt. Die Weltgeschichte wird unbewusst beherrscht von einer Mathematik, die am dekadischen Zahlensystem orientiert ist.

DIE FURCHE: Der israelische Psychoanalytiker Shmuel Erlich geht davon aus, dass die geistige Welt der islamistischen Terroristen in einer Dimension des "Seins" verhaftet ist: Sie fühlen sich als Teil eines größeren Ganzen, in diesem Fall einer religiösen Ideologie, und aufgrund eines vorherrschenden Einheitserlebens gibt es kaum noch Raum für Verluste.

Ruhs: Erlichs Gegenüberstellung von "Sein" und "Handeln" findet sich in der Psychoanalyse immer wieder: Jacques Lacan spricht von "Sein" und "Bedeutung", wobei das "Sein" außerhalb der Sprache liegt. Wenn das Reale hereinbricht, wie Lacan sagen würde, dann gibt es keine Bedeutung mehr: zum Beispiel in Rausch und Ekstase, im Tod oder eben in der Gewalt. Da kommt der Trieb zum Durchbruch.

Diese Verfassung entspricht dem pathologischen Amokläufer: Der ist völlig außer sich, ein dionysisch Rasender ohne Mäßigung. Auch wenn der Amokläufer seine Tat vorbereitet, letztlich handelt es sich um ein Ausagieren, eine "Passage à l'acte". Doch die mörderische Gewalt kann nicht nur ein Durchbruch "von unten" sein, sondern auch vom Über-Ich aus erfolgen. Hitler war kein Trieb-, sondern ein Kopftäter, das heißt von pervertierten ethischen Instanzen bestimmt. Die Gewalt hat hier einen ganz anderen Ursprung.

DIE FURCHE: Sie unterscheiden also den Typus des Amoktäters, wie wir ihn beim Massaker in München gesehen haben, von den islamistischen Attentätern, deren Gewalt sich aus Über-Ich-Befehlen speist?

Ruhs: Ich beziehe mich gar nicht so sehr auf die Morde in München, eher auf die Amokläufe in den Schulen. Das sind klassische Impulsdurchbrüche. Die islamistischen Attentäter hingegen handeln kalkuliert aus einer verblendeten Ideologie heraus, so wie wir es auch im Nationalsozialismus gesehen haben. Das triebhafte "Es" und das gewissenhafte Über-Ich sind also gleichermaßen Quelle von Gewaltakten.

DIE FURCHE: Was ist die gefährlichere Gewaltquelle?

Ruhs: Das Über-Ich, denn es ist epidemisch, es zwingt zur Nachahmung. Der Triebdurchbruch hingegen verleitet lediglich zur Nachahmung. Die U-Bahn-Selbstmörder in Wien, die es vor Jahrzehnten gegeben hat, waren großteils Nachahmungstäter. Damals haben die großen Zeitungen gesagt, wir berichten jetzt nicht mehr darüber. Das hat dann zu einem deutlichen Rückgang der Selbstmorde geführt.

DIE FURCHE: Sollte man jetzt vielleicht auch an gewisse Nachrichtensperren denken?

Ruhs: Der Aspekt der Heroisierung ist jedenfalls relevant. Man könnte sagen, der symbolische "Vater" ist tot, und der Held ist auch ausgestorben. Und jetzt erleben wir Versuche zur Wiedererweckung der Heldenfigur. Natürlich ist es geboten, dem keine mediale Nahrung zu geben.

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