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„Das ist krank, absolut krank

Michael Moore, der Haus- und Hof-Polemiker des US-Films, hat sich in seinem jüngsten Streifen der Wirtschaft angenommen. „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ arbeitet – effektvoll – mit Moores bekannten Versatzstücken. Das Gespräch führte Matthias Greuling

Der Filmemacher und Polemiker Michael Moore über seinen neuen Film „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“, das Ansehen der USA und welchen Tribut seine Arbeit fordert.

Die Furche: Mister Moore, in Ihrem neuen Film spürt man Ihre Wut auf die Verursacher der Finanzkrise. Ist Wut ein Antrieb für Ihre Arbeit?

Michael Moore: Ich versuche, meine Wut mit meiner Art von Humor zu mäßigen. Ich glaube, dass alle Komiker prinzipiell aufgebracht waren – von Charlie Chaplin bis zu den Marx Brothers. Sie benutzten die Komödie und den Humor als Ventil für ihren Ärger über den Zustand der Gesellschaft. Humor kann eine sehr mächtige Waffe im Kampf gegen Ungerechtigkeit sein.

Die Furche: Sie stellen in Ihrem Film den Kapitalismus in Frage, propagieren stattdessen Sozialismus und Demokratie. Was regt Sie so auf?

Moore: Man sollte in den einstigen sozialistischen Ländern nicht gleich das Baby mit dem Badewasser wegschütten. Genauso wie man das Christentum nicht ablehnen sollte, nur weil es ein paar verrückte rechtsradikale Christen gibt, die Jesus heute gekidnappt haben. Auch wenn man kein Christ ist, muss man doch zugeben, dass dieser Jesus schon die eine oder andere gute Sache gesagt hat, oder? Also: Nur weil der Sozialismus in Osteuropa von machtgierigen Leuten missbraucht wurde, ist nichts falsch an dem Konzept, dass jedem von uns ein gleich großer Teil des Kuchens zusteht. Ich trete übrigens gar nicht für Sozialismus ein, sondern für eine demokratische Wirtschaft, in der es nicht möglich ist, dass ein Prozent der Bevölkerung dieselbe Summe Geld besitzt wie die restlichen 99 Prozent zusammen. Das ist doch krank, absolut krank!

Die Furche: Kann ein Präsident wie Barack Obama die Grundeinstellung der kapitalistischen US-Gesellschaft ändern?

Moore: Er ist erst ein paar Monate im Amt und hat das Land in einer katastrophalen Situation übernommen, von einem verrückten Präsidenten, der die USA beinahe ruiniert hat. Wie man diesen Schaden in acht Monaten oder sogar in acht Jahren wieder reparieren kann, ist mir zu hoch. Aber ich habe großes Vertrauen in Obama.

Die Furche: Kann Obama das ruinierte Image Amerikas erneuern?

Moore: Ich glaube, dass man uns Amerikaner grundsätzlich mag. Als Menschen. Ist es nicht sympathisch, wie einfach wir gestrickt sind? Die Amerikaner sind auch sehr großherzige Menschen. Es mag bei ihnen eine gewissen Ahnungslosigkeit herrschen, es mag vorkommen, dass sie von Ihrem Land noch nie gehört haben, aber das ist in Wahrheit nicht ihre Schuld.

Die Furche: Wer soll sich Ihren Film ansehen?

Moore: So einen Film zu machen, ist verrückt, denn wer will schon Freitagabend ins Kino gehen, um einen Film über Kapitalismus zu sehen? Das klingt nach Wirtschaftsunterricht, und so was will man in seiner Freizeit nicht. Das war meine Herausforderung: zuallererst einen Film zu machen, kein politisches Statement. Ich glaube, dass ich ein Fenster in die USA aufstoße, das man bei CNN nicht bekommt.

Die Furche: Welche Themen haben Sie noch auf der Agenda?

Moore: Wenn wir nur einen Monat des Irak-Krieges eingespart hätten – 12 bis 15 Milliarden Dollar –, hätten wir genug Geld, um so viele Brunnen zu graben, dass heute jede Person auf dem Planet ausreichend reines Trinkwasser hätte.

Die Furche: Werden Sie bedroht, wenn Sie sich solcher heißen Themen annehmen? Haben Sie Angst?

Moore: Natürlich! Und es sind nicht nur E-Mails, in denen ich aufgefordert werde, meine Arbeit zu beenden. Ich frage mich oft, warum ich diese Filme mache und mich und meine Familie dadurch immer wieder in Gefahr bringe. Hier, in diesem Interviewraum, sitzt ein Wachmann, und draußen vor der Tür steht auch einer. Warum? Ich mache doch nur Filme. Ich lebe in einem freien Land. Warum muss ich mich um Bedrohungen sorgen? Ja, meine Arbeit fordert ihren Tribut.

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