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Feuilleton

Das Kommando der Dinge: Leo Perutz

1945 1960 1980 2000 2020
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Am 25. März 1928 begann in der Berliner Illustrirte Zeitung der Abdruck von Leo Perutz’ Roman "Wohin rollst Du, Äpfelchen …“. Bemerkenswert war die vorangegangene Werbeaktion des Ullstein-Verlags. Auf knallorangen Plakaten stand nur das Wort "Wohin“, eine Woche später überklebt mit der Aufschrift "Wohin rollst Du, Äpfelchen?“ Eine Woche darauf erfuhren die Berliner, dass es sich dabei um den neuen Fortsetzungsroman von Leo Perutz handelte.

Dass die Berliner Illustrirte Zeitung in der Folge ihre Auflage um 30.000 Exemplare steigern konnte, verdankte sie zu einem Teil aber auch dem Romantitel. Die Formulierung - sie ist dem russischen Volkslied "Ech, Jablotschko/Ach, Äpfelchen“ entlehnt - ergab ein griffiges Bild für das schicksalhafte Geworfensein der Soldaten im Hin und Her der Truppenverschiebungen.

Beim kollektiven Aufbruch an die Front wurde das noch als Entlastung erlebt. Mit der Eingliederung in das große Ganze konnten alle individuellen Probleme abgelegt werden. In Rudolf Brunngrabers Roman "Karl und das 20. Jahrhundert“, erschienen 1933, fühlt Karl bei Kriegsausbruch "wie rundum plötzlich alle Probleme von gestern leicht wogen“, der "Offiziersrang hatte ihn vom Druck der proletarischen Kindheit befreit“, das "Kommando war an die Dinge übergegangen“. Der Krieg befreit vorübergehend von Perspektivlosigkeit und Zukunftsungewissheit - und auch von sozialer Not. Dass das seinen Preis hat, wird ihm - wie so vielen - erst im Lauf der Zeit bewusst.

Wenn Lebensläufe nicht gelingen

Während die Spätfolgen des Krieges in den Romanen der Zeit oft nur die Folie für das Scheitern der Kriegsheimkehrer abgeben, hört der Krieg in Perutz’ Roman gleichsam nie auf und verlängert sich in Vittorins Leben immer weiter. "Meine Angelegenheiten sind … in bester Ordnung. Sowie der Krieg aus ist, tret’ ich als Rechtskonsulent in die Kreditanstalt ein. Der Posten wartet schon auf mich.“ So optimistisch sieht Dr. Emperger im russischen Kriegsgefangenenlager seine Zukunft. Und er wird Recht behalten - die Kreditanstalt wird für ihn der sichere Hafen für ein geregeltes Leben und eine kleine Karriere. Deshalb bleibt er auch eine Randfigur im Roman. Die Literatur setzt in der Regel dort an, wo Lebensläufe nicht gelingen, wo das reibungslose Funktionieren der Alltäglichkeit plötzlich und gewaltsam aufgebrochen wird.

So erzählt Perutz’ nicht die Geschichte von Emperger, sondern jene von Vittorin, der seiner Obsession verhaftet bleibt, für eine kleine Demütigung Rache am Kommandanten des russischen Kriegsgefangenenlagers zu nehmen und darüber den Anschluss an die Nachkriegsrealität verpasst. Nach Jahren sinnloser und beschwerlicher Reiseabenteuer in Russland stöbert Vittorin den Kommandanten tatsächlich auf, und zwar in Wien, wo er als verarmter Emigrant vom Verkauf bemalter russischer Puppen lebt. Jener Dr. Bamberger, der Vittorin vor Jahren den Posten eines Privatsekretärs angeboten hatte, ist inzwischen einer der größten "Wirtschaftskapitäne“ geworden - mit einem anderen Privatsekretär.