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Das Kreuz mit der Flagge

Bei den Unruhen in Nordirland geht es nur vordergründig um den Union Jack, analysiert die Frankfurter Runschau. Eigentliches Motiv ist die soziale Misere.

Während der Olympischen Spiele stellten britische Kommentatoren mit Erleichterung fest: Der Union Jack ist wieder in. In patriotischem Stolz, doch ohne jeden Nationalismus hüllte sich die Nation in ihre rot-blau-weiße Flagge, dessen Teile England, Schottland und Nordirland durch die drei Kreuze symbolisiert werden.

Am Mittwoch weht die britische Flagge auch über dem Rathaus von Belfast, der nordirischen Hauptstadt. Zu Ehren des 31. Geburtstags einer jungen Frau namens Kate Middleton. Die Ehrung für die schwangere Prinzessin von Cambridge dürfte das Häuflein von Fanatikern an diesem Tag davon abhalten, zum sechsten Mal in Folge in Belfast Krawall zu machen.Am Donnerstag, wenn der Mast wieder leerbleibt, werden sich aller Voraussicht nach die Szenen wiederholen, die weltweit schockieren: Molotow-Cocktails, Steine, sogar Schüsse gegen die Polizei, die mit Wasserwerfern und Gummigeschossen gegen die Randalierer vorgeht.

Was ist schon legitim?

Vordergründig geht es dabei um den Union Jack. Die Flagge stellt für viele Iren katholischer Herkunft noch immer ein Symbol ihrer Jahrhunderte langen Unterdrückung dar. Daran haben auch der irisch-britische Friedensprozess, die Allparteien-Regierung und die Beseitigung der Diskriminierung in fast allen Gesellschaftsbereichen nichts geändert. Stur argumentieren katholische Nationalisten und Republikaner seit Jahren gegen den Union Jack, zäh halten die loyalistischen Protestanten daran fest.

Nach jahrelangem Streit schlug im Belfaster Stadtrat die überkonfessionelle Allianzpartei einen Kompromiss vor: 20 Tage im Jahr mit Union Jack, den Rest ohne. So hat es das Stadtparlament Anfang Dezember entschieden, "und zwar demokratisch und legitim“, wie Allianz-Vertreterin Maire Hendron versichert. Aber was ist schon legitim? Im protestantischen Teil der Bevölkerung, in den armseligen Vierteln von Ost-Belfast, wo sich mehrere Generationen von wenig mehr als patriotischen Gefühlen ernähren, rührte die Entscheidung an tiefsitzende Ängste. Mit der einstigen Hegemonie ist es längst vorbei, und nun ist auch die Mehrheit bedroht, wie das Statistikamt dieser Tage bekanntgab. Demnach bekennen sich noch 48 Prozent der Nordiren zum protestantischen Glauben, Tendenz fallend. 43 Prozent sind Katholiken, und sie werden mehr. Der Rest legt sich nicht fest. Plötzlich steht die von Republikanern stets verlangte Wiedervereinigung der beiden Irlands am Horizont.

"Die Republikaner kriegen immer alles, was sie wollen“, hat ein Passant jüngst der BBC gesagt und damit die Ängste vieler Protestanten ausgedrückt. In der früheren Unruheprovinz gibt es weiterhin großes Misstrauen zwischen den Angehörigen der beiden großen Konfessionen. Dabei arbeiten die Politiker unter dem unionistischen Ministerpräsident Peter Robinson überwiegend vertrauensvoll zusammen. Dessen katholischer Vertreter Martin McGuinness, einst Führungskader der Terrorgruppe Provisional IRA, besiegelte im vergangenen Juni die Aussöhnung mit Großbritannien durch einen Handschlag mit Queen Elizabeth II. bei deren Besuch in Belfast.

Die überwiegende Mehrheit der 1,8 Millionen Nordiren freut sich am Frieden und bescheidenem wirtschaftlichen Fortschritt. Doch in den Arbeitervierteln, wo es weder Jobs noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt, leben viele Menschen beiderlei Konfession, die von einer "Friedens-Dividende“ wenig spüren. Der Frust vererbt sich: Zu den Randalierern gehören vielerorts Jugendliche, sogar elfjährige Kinder. Deren Motiv verrät eine schlimme Statistik: In den einschlägigen Vierteln von Belfast, Derry und Portadown liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 40 Prozent.

* Aus Frankfurter Rundschau, 9. Jänner 2013

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