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Das Lächeln von Alexander Block

Vor einigen Tagen ist etwas Unerwartetes, Wunderbares passiert: Im Netz erschien ein Kinochronik-Fragment, in dem wir den großen russischen Lyriker Alexander Block sehen können (www.facebook.com/marina.vishnevetskaya/videos/1399670100077722). Der Film wurde bereits 1988 gefunden, erst jetzt ist er im Internet verfügbar gemacht worden. Wir haben Block niemals so gesehen, als ein lebendiges, menschliches Wesen, und nicht als Gott, als dämonischen Schönling, der er auf allen Fotos ist. Er schaut in die Kamera, dann weg, und dann wieder in die Kamera, und lächelt, lächelt, weil er seine ernste Miene nicht halten kann. Dieses Lächeln ist so wunderbar, dass man sofort versteht, warum er nicht nur für seine Gedichte vergöttert wurde, sondern auch als Mensch geliebt und bewundert.

Die ernste Miene entsprach aber dem Ernst der Lage - wir schreiben den März 1917, in Russland ist die Revolution im Gange, die sogenannte Februar-Revolution, und Block steht auf dem Trottoir und verfolgt die vorbeiziehende Demonstration.

Das war die eigentliche russische Revolution -die bolschewistische "Oktober-Revolution" war nur eine Machtergreifung mit Hilfe betrunkener Soldaten und Matrosen der Petersburger Garnison. Und warum waren diese Soldaten und Matrosen betrunken und zu allem bereit? Weil die Russische Republik, die im Februar/März entstanden war, die Armee und die Flotte vollkommen ruiniert hatte -die Fronten waren gebrochen, die "Freiheit" war entstanden, die in einer kämpfenden Truppe gar nicht möglich ist. Das war das Ergebnis von keinem Verrat, in der "Provisorischen Regierung" saßen flammende "Europäer", sie haben der Entente den Krieg bis zum Sieg versprochen -zum Schaden fürs eigene Land. Ein Separatfrieden hätte drei Nationen retten können ... Man muss bedenken, dass dieser Zerfall eine wesentliche Bedeutung für das Schicksal Deutschlands und Österreich-Ungarns hatte, die zunächst davon profitierten, dann aber ist der Verfall aller gesellschaftlichen Institutionen (die teilweise sehr schlimm und archaisch und nicht ohne Grund verlacht und verspottet waren, aber ohne einen mehr oder weniger funktionierenden Staat sind die Menschen dem Chaos und der Willkür des Mobs ausgeliefert) auf diese Länder übergegangen, wie eine Epidemie. Hierin müsste eigentlich der Sinn der Erinnerung an die Russische Revolution liegen, die vor 100 Jahren geschah.

100 Jahre sind vergangen. Alles hat sich hundertmal geändert. Was aber (außer der historischen Lehre, die noch nie jemandem geholfen hat) bleibt uns von der Revolution, die vor 100 Jahren in Russland stattgefunden hat, was überdauert? Früher dachte ich: Nichts außer dem Ekel vor all den Schwätzern, Idealspekulanten, Extremisten -vor all den KaDetten, Menschewiken, Bolschewiken, EsEren, die ein Land ruiniert haben, das noch eine langsame Entwicklung hätte durchlaufen und sich selbst hätte finden können. Dann kamen Lenin und seine Diktatur.

Aber jetzt denke ich anders darüber: Das Lächeln von Alexander Block, das bleibt mir vom März 1917 im Herzen. Das bringt ein wenig Glück in diese traurige Geschichte.

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