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Das Land des Lächelns

Was sind wir nur für seltsame Menschen! Wir sind harmoniebedürftig; wir sehnen uns nach Ruhe und Ordnung. Dafür sind wir bereit, die größten Opfer zu bringen. Konflikte werden von uns so lang es nur geht vermieden. Widersprüche werden zu scheinbarer Einfachheit geglättet; Wahrheit wird gewohnheitsbedingt verfälscht - könnte sie doch Unangenehmes an den Tag bringen. Hinter unserer Ordnung verbirgt sich Chaos, das in geheime Verliese verbannt wird; hinter unserer Ruhe die Nervosität verdrängten Bewusstseins und Handelns.

Wir sind von allem ein bisserl. Ein bisserl wahrhaftig, ein bisserl lieb, ein bisserl treu und ein bisserl ehrlich. Das Halbe ist uns sympathischer als das Ganze. Es lässt Kompromisse, Verhandlungsspielräume und Schlampereien zu. Wir glauben, dass die Operette veraltet ist, doch sind wir ihr rettungslos verfallen. Unsere Macht- und Raffgier verbirgt sich sogar in Krisenzeiten in einer Wolke von sogenannter Menschlichkeit. Es wird auch dann noch gelächelt, wenn einem die zunehmende Egozentrik und Gefühlskälte den Atem raubt und eine Gesichtslähmung bewirkt. Aus Krisen werden keine Konsequenzen gezogen - es wird weitergewurstelt. Die Komödie verkommt zur Posse. Die Verehrung der Idole gerät zu deren Vernichtung.

Ein Mann wie Helmut Zilk muss unfehlbar bleiben, als ob irgendjemand das jemals gewesen sein könnte. Schon möglich, dass er einmal Spion oder Informant war. Für mich war er einer der wenigen und wahrscheinlich der einzige Fernsehdirektor, dessen Wort etwas gegolten hat und der bei Interventionen gehalten hat. Gerade einer Persönlichkeit wie ihm kann man nur durch Bereitschaft zur Wahrheitsfindung gerecht werden und nicht durch ein Geflecht aus Verlogenheit und Geschichtsfälschung. Jene Chronisten, die sich an die Schönfärberei verkauft haben, sorgen dafür, dass die Toten nicht zur Ruhe kommen und jedes Leben unter sich begraben.

* Der Autor ist freier Kulturjournalist

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