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"Das macht einen Riss in der Seele"

Irene Kernthaler-Moser, Expertin für "Work-Life-Balance" und Vizepräsidentin des Katholischen Familienverbands Österreichs, über frustrierte Mütter und sehnsüchtige Väter.

Die Furche: Sie beraten im Projekt "Kinderkram und Elternwirtschaft" junge Mütter und Väter. Ist Kinderkriegen zur Wissenschaft geworden?

Irene Kernthaler-Moser: Es ist zumindest sehr komplex geworden. Normalerweise wird dieses Thema gerne auf Kinderbetreuung reduziert. In Wirklichkeit spielen aber sehr viele Themen mit: Werte, Lebensziele. Außerdem gehört viel Wissen dazu: über Familienförderungen, Arbeitsrecht, Bildungswege. Es ist auch nicht einfach, zu verstehen, wie das ams funktioniert - das derzeit etwa Frauen in Karenz nicht fördern darf, solange sie nicht sagen, dass sie dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stehen. Ein Drittel der Frauen, die wir beraten, wollen aber nicht mehr in ihren Beruf zurück, sondern sich umschulen lassen - was das ams nicht finanziert! Das ist ein Wahnsinn!

Die Furche: Wie viele Männer beraten Sie?

Kernthaler-Moser: Wir haben schon versucht, einen Kurs für karenzierte Väter zusammenbringen, aber das ist uns nicht gelungen. Nun haben wir zumindest für die Männer unserer Frauen einen Vatertag eingerichtet.

Die Furche: Was sind ihre größten Probleme von Frauen in Karenz?

Kernthaler-Moser: Das größte Problem ist, dass sie persönlich das Gefühl haben, etwas ganz Wertvolles zu machen - und gleichzeitig ständig hören, dass es nichts wert ist und dass sie schleunigst wieder ins Erwerbsleben zurück sollen, weil sie nur dort ein vollwertiger Mensch sind. Das macht einen Riss in der Seele. Deshalb sagen diese Frauen später auch: "Ich war nur daheim" - und erzählen nicht, was es auch gebracht hat. Ich sage hingegen immer: Das ist ein Job wie jeder andere auch - und den können Männer genauso gut wie Frauen.

Die Furche: Es ist aber ein schlecht bezahlter, relativ einsamer Job ...

Kernthaler-Moser: Die Isolation ist tatsächlich ein Problem: Die Frauen müssen alles alleine schaffen - und dabei noch glücklich sein. Hier wird ein gesellschaftliches Problem auf dem Rücken der Frauen privatisiert: Und zwar jenes, dass Kinder nicht von einem Menschen allein erziehbar sind. Da gibt es das afrikanische Sprichwort: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Es ist eine völlige Überforderung für Mutter und Kind, 24 Stunden täglich aneinanderzukleben.

Die Furche: Gerade gut ausgebildete Frauen empfinden Kinder als "Wagnis" und bleiben häufig kinderlos ...

Kernthaler-Moser: Unter den Akademikerinnen lag die Zahl der Kinderlosen immer schon bei 40 Prozent. Nur gibt es jetzt immer mehr von ihnen. Diese Frauen müssen zwischen 25 und 40 Jahren Karriere machen, den Partner fürs Leben finden, sich eine Wohnung anschaffen oder Haus bauen, schöne Urlaube machen, gute Figur machen, Freundschaften pflegen - und dann noch ein Kind bekommen. Das geht sich nicht aus!

Die Furche: Das Kind ist also das Tüpfelchen auf dem i ...

Kernthaler-Moser: Ja, die Krone der eigenen Schöpfung. Zugleich ist den Menschen klar, dass sie für ihr Kind 20 Jahre sorgen müssen. Daher überlegen sie sich das gut - im Gegensatz zur Politik, die Hü und dann Hott sagt. Wenn man sich etwa ansieht, was Fertilitätsraten zum Einbruch bringt, dann sind das immer gesamtgesellschaftliche Phänomene: In Ostdeutschland ist nach der Wende die Fertilitätsrate unter 1,0 gefallen. Die Familienpolitik kann nur einen vorhandenen Kinderwunsch stützen, aber ihn nicht erzeugen.

Die Furche: Punkto Kinderfreundlichkeit wird Schweden immer als Vorzeigeland präsentiert ...

Kernthaler-Moser: In Schweden macht man keine Familienpolitik, sondern seit 40 Jahren konsequente Gleichbehandlungspolitik. Das Grundproblem ist aber meiner Meinung nach, dass wir nicht nur eine kinder-, sondern eine menschenfeindliche Gesellschaft sind. Wie gehen wir mit unseren Behinderten um, mit unseren Alten? Wenn man zu den Menschen gehört, die jung und dynamisch genug sind, um in der Früh im gebügelten Hemd im Job zu erscheinen und bis abends um acht durcharbeiten zu können, dann gehört man zum Mainstream. Alles andere wird nicht akzeptiert. Und Kinder entsprechen diesen Kriterien eben nicht.

Die Furche: Umso wichtiger ist es, bessere Rahmenbedingungen für Mütter und Väter zu schaffen. Konkret gefragt: Sind Sie für eine Streichung der Zuverdienstgrenze beim Kindergeld?

Kernthaler-Moser: Ja. Es braucht diese Streichung mit all den Schwierigkeiten, weil der Familienlasten-Ausgleichs-Fonds schon jetzt defizitär ist. Aber diese Grenze benachteiligt vor allem die besser verdienenden Frauen, die auch mehr um Chancengleichheit kämpfen können.

Die Furche: Die övp empfindet diese Streichung aber Schritt Richtung "Zweiklassengesellschaft" ...

Kernthaler-Moser: Das amüsiert mich: Die övp bestraft damit ihre Hauptklientel - den Mittelstand. Wobei alle Innovationen vom Mittelstand oder von oben kommen. In Skandinavien sind die Vereinbarkeits-Themen ja auch deshalb medienwirksam geworden, weil plötzlich ein Minister in Karenz gegangen ist und ein anderer öffentlich gesagt hat: Ich gehe jetzt nach Hause, weil ich mein Kind ins Bett bringen will.

Die Furche: Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Schwangerschaft von Eva Glawischnig?

Kernthaler-Moser: Prinzipiell finde ich das königlich - genauso wie die grünen Abgeordneten, die früher im Plenarsaal gestillt haben. Denn das ist ein Skandal, und der tut allen gut. Ich bin deswegen aber nicht der Meinung, dass alle Frauen wie Eva Glawischnig gleich nach der Geburt wieder arbeiten gehen müssen. Meine Sorge ist eher, dass sie so tut, als ob das der einzige Weg wäre.

Die Furche: Sind Sieauch für einen verpflichtenden Vatermonat?

Kernthaler-Moser: Nein, denn obwohl ich den Vatermonat für sehr wichtig halte, würde eine Verpflichtung nur dazu führen, dass die Väter tricksen. Es gehen ja auch in Schweden "nur" 20 Prozent der Männer in Karenz. Außerdem erlebe ich oft, dass die Frauen selbst sagen: "Das können die Männer nicht!" Da funktioniert es auch nicht, den Leuten die alten Rollenbilder mit dem Hammer auszutreiben. So lange die Frauen erzählen, wie schrecklich es ist bei den Kindern daheim, wird sich der Appetit der Väter in Grenzen halten. Andererseits habe ich bei Seminaren gemerkt, wie sehr sich viele Väter nach ihren Kindern sehnen. Es braucht also vor allem eines: Sehnsuchtsförderung!

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Nähere Informationen unter

www.kinderkram-und-elternwirtschaft.at

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