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"Das nennt man Kultur“

Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho über den Stellenwert und die Funktion von religiös konnotierten Feiertagen im säkularen Kontext.

Weihnachten wirkt auch dann, wenn man nicht daran glaubt, meint Thomas Macho. Wie er generell der Überzeugung ist, dass Feste eine Art Selbstzweck für eine Gesellschaft erfüllen und nicht der "tiefere Sinn“ oder "Inhalt“ im Zentrum des Feierns steht. Feste seien "in erster Linie nicht abhängig von Glaubensüberzeugungen, sondern von schlichten Evidenzen der Wechselseitigkeit und Gemeinsamkeit“.

DIE FURCHE: Die meisten unserer Feiertage sind christlichen Ursprungs. Ihre Inhalte sind indes - in unterschiedlichem Ausmaß - vielen Menschen kaum noch bekannt, geschweige denn, dass sie sich damit identifizieren würden. Was für ein Stellenwert kommt demnach den Feiertagen in einer säkularen Welt zu?

Thomas Macho: Manche christliche Feiertage haben Festtraditionen übernommen und fortgeführt, die gar nicht im Christentum verankert waren. Das gilt in besonderem Maße für Weihnachten: Bis zum Konzil von Nicäa war die Feier eines Geburtsfests Christi unter einflussreichen Theologen umstritten; sie wussten allzu genau, wie viele Feste - vor allem im Umkreis der Wintersonnenwende - begangen wurden: die Saturnalien, die Mithras- und Dionysos-Mysterien, die Sol-Invictus-Feiern. Noch Leo der Große sah sich genötigt, seine Gemeinde darauf hinzuweisen, dass gläubige Christen auf dem Weg zur Christmette - die damals in der Morgendämmerung zelebriert wurde - darauf verzichten sollten, sich vor der aufgehenden Sonne zu verneigen. Ostern hat dagegen die älteren Traditionen eines Frühjahrs- und Fruchtbarkeitsfests aufgenommen, gleichsam im Sinne einer symbolischen Überhöhung der Erfahrung allgemeiner Auferstehungsprozesse in der Natur. Zu Ostern werden Hasen und Eier verschenkt; Schinken wird geweiht, und zu Weihnachten stehen Ochs und Esel an der Krippe. In diesen Tieren verkörpern sich bis heute die alten Opferfeste, die nicht überwunden und ausgelöscht, sondern so erfolgreich integriert wurden, dass die Frage aufgeworfen werden kann, ob Weihnachten überhaupt jemals als christliches Fest fungiert hat - was übrigens weder gegen Weihnachten spricht noch gegen das Christentum.

DIE FURCHE: Ungeachtet der Erosion gebundener Religiosität werden gerade auf Weihnachten sehr viele Sehnsüchte projiziert: Zu Weihnachten soll gelingen, woran wir an 360 Tagen im Jahr immer wieder scheitern …

Macho: Gabentausch und Weihnachtsfrieden können nur im Kontrast zum Alltag gelingen. Übungen des Verzichts, der Askese und der Beschränkung steigern den Rausch der Verschwendung; die Erfahrung des Konflikts und Streits ermöglicht erst die Wahrnehmung des Friedens und der Verzeihung. Das klingt simpel, und doch wird in den meisten Familien vor Weihnachten so heftig gestritten, dass man fast glauben könnte: Ohne Streit kann es kein Fest geben. Weihnachten muss beinahe scheitern; so viel lernen wir aus den meisten Weihnachtsfilmen und Weihnachtserzählungen. Darin verbirgt sich auch so etwas wie ein Trost: Feste sind in erster Linie nicht abhängig von Glaubensüberzeugungen, sondern von schlichten Evidenzen der Wechselseitigkeit und Gemeinsamkeit, auch und sogar beim Scheitern. In einem Spätwerk Samuel Becketts heißt es: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Ein gutes Motto für Weihnachten!

DIE FURCHE: Generell erleben wir so etwas, wie eine Renaissance an Tradition und Brauchtum - nicht nur, aber teilweise auch religiös konnotiert. Einschlägige Magazine, TV-Sendungen o. Ä. erfreuen sich großen Zuspruchs. Haben wir es dabei mit entkerntem Brauchtum zu tun - oder gibt es so etwas wie einen Glutkern? Und: Wie ist das zu bewerten? Das Projekt der Moderne war ja auch der Sieg der kühlen Vernunft über heiße Herzen …

Macho: Die zunehmende Verbreitung von TV-Festen und medial inszenierten Events forciert einen Effekt, den der Wiener Philosoph Robert Pfaller als "Interpassivität“ bezeichnet hat: als Genuss, der gerade den Stellvertretungen entspringt. Wer kopiert, braucht nicht mehr lesen; "canned laughter“ im Fernsehen erspart dem Publikum die Anstrengungen des Humors. Douglas Adams, der geniale Verfasser eines Handbuchs für intergalaktische "Anhalter“, hat einmal einen elektrischen Mönch beschrieben, der in Betrieb genommen wird, um an unserer Stelle zu beten und zu glauben. Solche Requisiten sind verbreiteter als auf den ersten Blick erkennbar ist: Sie entlasten von Zwängen der Identität, der Wahrhaftigkeit und Authentizität. Ein Anrufbeantworter kann zur Emanzipation beitragen; und ein Rosenkranz zur Frömmigkeit. Wer Weihnachten im Fernsehen feiert - statt mit Freunden oder Familie - ist wenigstens nicht allein. Den Sieg haben die kühlen Köpfe übrigens noch nicht errungen; und die glühenden Herzen sind oft weniger sympathisch, sobald sich die Leidenschaft nicht mit Liebe und Zuneigung, sondern mit Glaubensregeln und Dogmen verbündet.

DIE FURCHE: Unter dem Titel "Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ ist vor vielen Jahren ein Gedankenaustausch zwischen Kardinal Martini und Umberto Eco erschienen. Analog dazu die Frage: Was feiert an christlichen Feiertagen, wer nicht glaubt?

Macho: Viele Menschen glauben nicht an die christliche Religion, feiern aber Weihnachten. So etwas nennt man Kultur. Was feiern sie? Zunächst feiern sie die freie Zeit, die sie mit befreundeten Menschen und Angehörigen verbringen, und sie feiern, weil alle feiern. Sie feiern das Schenken, das gute Essen, eine geschmückte und beheizte Wohnung, eine Art von kollektiver Stimmung, auch der Solidarität und Empathie. Vermutlich haben wir noch kein einziges Fest wegen unseres Glaubens gefeiert: weder Geburts- und Hochzeitstage, noch Nationalfeiertage oder Gedenktage. Ein Fest muss nicht legitimiert werden; darin besteht sein Zauber, der uneinholbare Vorsprung der Riten vor den Mythen. In dem Augenblick, in dem wir den tieferen Sinn oder die Kulturgeschichte des Weihnachtsfests zu seinem Inhalt machen wollten, ginge das Feiern rasch zugrunde. Bekannt ist die Anekdote, in der erzählt wird, der Atomphysiker Niels Bohr habe auf die Frage, ob er an das Hufeisen glaube, das über die Tür zu seiner Hütte genagelt war, die Antwort gegeben: Natürlich glaube ich nicht an Hufeisen. Aber ich habe mir versichern lassen, dass Hufeisen auch wirken, wenn man nicht an sie glaubt. So ähnlich ist es mit Weihnachten: Wir glauben nicht an das Weihnachtsfest; aber uns wurde überzeugend versichert, dass Weihnachten auch dann wirkt, wenn wir nicht daran glauben.

DIE FURCHE: Bräuchte es neue Feiertage? Säkulare, religiös-neutrale - oder, im Sinne von Integration, solche anderer Religionen?

Macho: Ich lebe seit fast zwei Jahrzehnten in Berlin, einer besonders feiertagsarmen, -feindlichen Metropole. Daher träume ich oft von einer Vermehrung der Feste, wobei es nicht darauf ankommt, allen Minderheiten ihre spezifischen Feste und Feiertage zu gönnen, sondern manche Feiertage tatsächlich so zu verallgemeinern, dass gerade eine Begegnung über die Distinktionsgrenzen zwischen den gesellschaftlichen Gruppierungen hinweg ermöglicht wird. Ich würde ja gerne Ramadan mit den Moslems, Jom Kippur mit den Juden oder Vesakh mit den Buddhisten feiern, ohne zum Islam, zum Judentum oder zum Buddhismus konvertieren zu müssen. Darin besteht, bemerke ich plötzlich, die eigentliche Leistung des Weihnachtsfests, die gar nicht leicht kopiert und beliebig wiederholt werden kann. Weihnachten feiern alle, auch und gerade wenn sie nicht daran glauben. Weihnachten ist - wie Daniel Miller behauptet - ein globales Fest geworden. Daraus kann kein Mandat zur Kritik abgeleitet werden, sondern allenfalls das Bedauern, dass wir nicht mehr solche Feste feiern.

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