Das Nervensystem der Gesellschaft

Im Unteren Belvedere Wien und im Lentos Kunstmuseum Linz sind derzeit parallel laufende Ausstellungen VALIE EXPORT gewidmet. Gemeinsam haben beide die Kuratorin und den Katalog, sie funktionieren aber auch separat. Dennoch: Wer beide sieht, sieht mehr.

Zweiunddreißig Monitore zeigen ein fleischfarbenes Organ, das sich zusammenzieht und wieder öffnet. Es ist der Blick auf die Stimmritze, aufgenommen mittels eines #Laryngoskops#. Überraschend ist der Präsentationsort der #medizinischen Bilder#, denn die Monitore befinden sich derzeit im Unteren Belvedere. In Form einer Rauminstallation gruppieren sie sich um eines der zentralen Werke der österreichischen Barockbildhauerei: Um Raffael Donners Bleiskulpturen, bekannt vom #Providentiabrunnen# am Neuen Markt in Wien.

Nicht zufällig hat sich VALIE EXPORT mit ihrer Installation in die männlich geprägte Kunstgeschichte eingeschrieben. Schließlich geht es der Pionierin der Medienkunst seit den 60er-Jahren um ein feministisches Ankämpfen gegen die jahrhundertealte Dominanz des Männlichen. Zugleich spiegelt #glottis# eines der zentralen Themen der Kunst VALIE EXPORTs: die gesprochene und geschriebene Sprache. So griff EXPORT in #Der Riss im Wort# (1994) auf das Anagramm #Ich weiß nicht, wie man die Liebe macht# (1959) der Schriftstellerin und Zeichnerin Unica Zürn zurück und bedruckte 24 PVC-Folien mit Splittern aus diesem Text.

Keine klassische Retrospektive

Zu sehen ist das Werk im Linzer Lentos, parallel zu der im Unteren Belvedere gezeigten Installation. Denn die beiden Direktorinnen Agnes Husslein-Arco und Stella Rollig haben ein für Österreich neues Experiment gewagt, indem sie EXPORT aus Anlass ihres 70. Geburtstages gemeinsam in einer Doppelausstellung würdigen. Beide Orte stehen mit der Künstlerin in enger biografischer Verbindung: Linz als Geburtsort und Stadt ihrer Kindheit, Wien als Lebensmittelpunkt. Neben der gemeinsamen Werkauswahl durch die Leiterin des #Staatlichen Museums für Kunst und Design# in Nürnberg, Angelika Nollert, verbindet die Ausstellungen ein gemeinsamer Katalog.

Bewusst hat man auf eine klassische Retrospektive wie auch auf eine chronologische Hängung verzichtet. Der Akzent der beiden Präsentationen liegt auf dem Schaffen der letzten zwei Jahrzehnte # auf großformatigen Installationen und raumgreifenden Arbeiten wie #Die un -endliche/ -ähnliche Melodie der Stränge# (1989), Die Macht der Sprache# (2002) oder #Kalashnikov# (2007). #Ausgehend von diesen Werken lassen sich Themen ableiten, deren Inhalte vielfach auch auf frühere Artefakte verweisen, zu diesen eine formale Verwandtschaft besitzen bzw. eine inhaltliche Fortsetzung bedeuten.#, so Nollert. So werden von den neueren Arbeiten Bezüge zu Klassikern des EXPORT#schen #uvres # etwa zu den #Körperkonfigurationen# oder den legendären Performances wie #Aktionshose: Genitalpanik# (1969) # aufgezeigt, aber auch zu weniger bekannten Werken wie den #Kinderzeichnungen#.

Im Lentos besticht eine unter die Haut gehende Installation aus dem Jahr 2002. Zu sehen sind über sechzig helmförmige Köpfe aus Wachs, Aluminium und Bronze auf Stahlsockeln. Allerdings fehlt den Köpfen das Eigentliche: ihr Gesicht. Die anonymen Porträts ohne Identität entfalten ihre politische Aussagekraft verstärkt durch die dazugehörigen großformatigen Projektionen im Hintergrund. Neben lodernden Flammen zeigt ein Schwarzweißvideo Aufnahmen brutal zugerichteter toter Körper. Besonderes Highlight der Ausstellungen ist, dass EXPORT eigens dafür Werke kreiert oder neu adaptiert hat # etwa eine über viereinhalb Meter hohe Aluminiumskulptur in Form zweier ineinandergeschobener Scheren im barocken Ensemble des Belvederegartens mit dem Titel #Die Doppelgängerin#.

Der Glaube an die Kunst

Der Anspruch beider Ausstellungen, auch separat voneinander zu funktionieren, ist geglückt. Auch wenn man nur eine Schau sieht, bekommt man einen guten Eindruck in EXPORTs Schaffen. Allerdings ist es spannender, beide Zusammenstellungen zu sehen, weil sichtbar wird, wie sehr ein spezieller Ort an der Aussage eines Kunstwerks mitwirkt. So erkennt man im historischen Ambiente des Unteren Belvedere stärker EXPORTs Thematisieren der Kulturgeschichte als Geschichte der männlichen Dominanz, während im #White Cube# des Lentos eher die medialen Fragen ins Auge stechen.

Die Doppelschau zeigt unübersehbar, warum EXPORT international als eine der wichtigsten Künstlerinnen nach 1945 gilt. Neben dem vielfältigen Einsatz der sogenannten #neuen# Medien Film, Fotografie, Performance und Theorie überzeugt EXPORTs Werk durch das engagierte Aufgreifen zentraler Themen der gegenwärtigen menschlichen Existenz. Den Glauben an die Kunst hat sie auch heute nicht verloren, so EXPORT im Gespräch: #Der künstlerische Ausdruck ist deshalb so bedeutend, weil er auch ein kultureller, zivilisatorischer Ausdruck ist und weil er die Geschichte im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung darstellen kann. Kunst sensibilisiert für soziokulturelle Abläufe. Kunst ist das sensible Nervensystem der Gesellschaft, sie ist ein offenes System.#

VALIE EXPORT. ZEIT UND GEGENZEIT

# Unteres Belvedere

Prinz-Eugen-Straße 27, 1030 Wien

bis 16. 1. 2010, Mo#So 10#18 Uhr, Mi bis 21 Uhr

# Lentos Kunstmuseum Linz

Ernst-Koref-Promenade 1, 4020 Linz

bis 30. 1. 2010, Mo#So 10#18 Uhr, Do bis 21 Uhr

Katalog hrsg. von Agnes Husslein-Arco, Angelika Nollert und Stella Rollig, e 38,-

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