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Das neue Fernsehen

Fernsehen steht vor gewaltigem Umbruch: Klassische, lineare Konzepte werden von Multimediaanwendungen abgelöst. Durch das personalisierte Fernsehen wird sich das Rezeptionsverhalten stark verändern.

In der Medienwelt gibt es ein neues Paradoxon: Das klassische Fernsehen, stets linear und in seiner Kommunikation sehr einseitig, ist eigentlich ein Medium von gestern, das dem Trend zu Interaktivität und zu zeitlicher und örtlicher Mobilität so gar nicht mehr entspricht. Ferngesehen wird längst nicht mehr nur vor dem TV, sondern auch auf Smartphones, Tablets und am PC. Und doch: Die aktuellsten verfügbaren Zahlen zeigen: Die TV-Nutzung steigt nach wie vor kräftig an. Waren es vor zehn Jahren noch 152 Minuten, die wir durchschnittlich täglich fernsahen, so sind es heute bereits 167 Minuten, der höchste je gemessene Wert.

Der Grund dafür liegt in der Lust des Fernsehvolkes an seinen Neuanschaffungen: Allein von 2010 auf 2011 stieg die Durchdringung der Haushalte mit Flachbildschirmen von 54 auf 67 Prozent. Damit die Begierde nach großen, scharfen Bildern anhält, stellt die CES (Consumer Electronics Show), die dieser Tage in Las Vegas stattfindet, etliche Neuheiten vor: FullHD-Auflösung gilt bereits als überholt, das neue Zauberwort heißt 4K, das die vierfache Auflösung von FullHD bietet.

Das zweite Zauberwort: "Smart TV“, also die Vernetzung des Fernsehers mit dem Internet, um das passive Zappen endlich flächendeckend zu beenden. Der Mega-trend heißt: Mitmach-Fernsehen, aber noch sind die Möglichkeiten beschränkt. Das Problem in der Verknüpfung von Webinhalten mit dem statisch aufgestellten TV-Gerät ist vor allem die Bedienbarkeit: Nur schwerfällig lässt sich der gewohnte Komfort von PC oder Tablet in puncto Bedienung auf den Fernseher übertragen. Die Hersteller kochen allesamt ihr eigenes Süppchen, alle Smart TVs haben eigene Benutzeroberflächen und App-Stores, in denen Zusatzprogramme angeboten werden.

Fernsehen trifft Internet

Die Steuerung ist trotz durchdachter Spezialfernbedienungen noch immer mehr als gewöhnungsbedürftig und das App-Angebot am TV überschaubar. Zur CES will Hersteller LG nun eine Integration von Google TV vorstellen, das viele bisherige Probleme lösen soll: So gibt es künftig Sprachsuche und Gestensteuerung, um umständliches Navigieren zu verhindern.

Das Fernsehen steht vor einer kompletten Neuerfindung: Bereits heute ändert sich das Rezeptionsverhalten der Zuschauer rapide: Dank der Mediatheken der Fernsehanstalten, dank zeitversetztem Fernsehen und Webplattformen wie YouTube sind die Inhalte, für die man früher seinen Videorekorder programmieren musste, um sie nicht zu versäumen, zu jeder beliebigen Zeit verfügbar. Das bedeutet, dass Zuschauer nicht mehr an fixe Zeiten gebunden sind; konsumiert wird, wann und wo man will. Und nicht zwingend um 20.15 Uhr.

Herausforderung für die Werbung

Durch die Altersstruktur der Bevölkerung in den westlichen Ländern - Stichwort: Überalterung - wird das klassische Fernsehen laut Medienforschern noch für die nächsten zehn Jahre das Leitmedium schlechthin bleiben. Aber schon ist die Umwälzung im Gange: Streaming-Dienste, Online-Videotheken, Web-Browser am TV - all das wälzt die Gewohnheit der einseitigen Berieselung dramatisch um - und mit ihr auch den Status des Fernsehens als Werbeträger Nummer eins: Denn die TV-Werbung, das Rückgrat der Sender, droht durch die selektive Zusammenstellung des Web-TVs in den Hintergrund zu geraten: Rund um Sendungen Werbeblocks zu buchen, wird zunehmend obsolet, wenn die Quoten im "Live-Fernsehen“ sinken, weil viele Zuschauer sehr selektiv ihre Programme über Mediatheken zusammenstellen, in denen es keine derartigen Werbeblocks gibt. Oder zumindest nicht im bekannten Ausmaß.

Ziel der Industrie ist die vollständige Vernetzung aller Inhalte in einem Gerät: Schon bald werden die Flachbildschirme dem Zuschauer auf Basis seines Nutzungsverhaltens passende Sendungen vorschlagen - auch aus Apps oder Videotheken. Die Oberfläche wird desktopähnlich mitsamt Kalender- und Facebook-Integration. Viele Inhalte werden künftig aus dem Netz gestreamt. Als Multimediazentrale wird der Fernseher den klassischen Sendern zusetzen - sie brauchen neue (Nischen-)Konzepte, um mit ihren linearen Inhalten punkten zu können. Das Fernsehen bleibt zwar ein Massenmedium. Aber eines, das sich - wie allerorts in Mode - bis ins kleinste Detail personalisieren lässt.

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