Digital In Arbeit

Das Phänomen des doppelten Körpers

Mit Friedrich Dürrenmatts Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ und Heimito von Doderers „Die Strudelhofstiege“ wurden die diesjährigen Festspiele Reichenau eröffnet. Doderers Epos zeichnet sich durch seine knappe Bearbeitung aus, die Inszenierung der „alten Dame“ von Alfred Kirchner blieb trotz Milva eine recht blasse Erscheinung.

Die Ausgabe 2009 der Festspiele Reichenau gibt sich am Eröffnungswochenende in zweifachem Sinne ganz zeitgenössisch. Mit der Samstagspremiere suchte man mit Dürrenmatts Gymnasiasten-Klassiker aus dem Jahr 1956 „Der Besuch der alten Dame“ Anschluss an die Wirtschaftskrise, geht es darin doch vor allem um die Käuflichkeit der Menschen und die Macht des Kapitals. Am Sonntag hielt man mit der Bühnenbearbeitung von Heimito von Doderers Monumentalroman „Die Strudelhofstiege“ Kontakt zum aktuellen ästhetischen Trend der Romandramatisierungen.

Nach dem mehrfach ausgezeichneten Hörspiel von Helmut Peschina und der 12-teiligen Theaterserie (quasi vor Ort der realen Strudlhofstiege) im Wiener Schauspielhaus ist nun bei den Festspielen Reichenau die bisher knappste Bearbeitung von Doderers Epos durch Nicolaus Hagg und Bernd Jeschek zu sehen. Zu zwei Stunden haben die beiden den umfangreichen Roman zusammengekürzt, ihr Fokus liegt in der Irreführung des Protagonisten Melzer (Joseph Lorenz) durch die Tabakwaren schmuggelnden Zwillingsschwestern Pastré (Eva Herzig).

Lorenz hat schon in Peschinas Hörspiel den Melzer gesprochen und die langjährige Auseinandersetzung mit der Figur ist spürbar: Er repräsentiert treffend den zögerlichen Melancholiker, der den Sprung von der „alten“ Zeit 1911 in die „neue“ 1925 nicht bewältigt.

Maria Happels Inszenierung im Südbahnhotel interpretiert auch nicht, sondern beschreibt atmosphärisch dicht die Doderer’schen Schauplätze. Vor allem die Musik von Peter Kaizar etabliert hervorragend Stimmungsbilder: (Kriegs)gewitter, Gassengewirr und die Leichtigkeit eines Sommerfestes, das sich schlagartig in Chaos verwandelt.

In dieser eigens für das Südbahnhotel bearbeiteten Fassung bespielt Happel das gesamte Haus: vom Bahnhof, im Foyerbereich zwischen den Zuschauern, wandert das Publikum die Treppen hinauf in den Waldhofsaal, vorbei an der singenden Sona MacDonald (Etelka Stangeler), dann auf die Sonnenterrasse zum „Dorffest“ und nachher wieder in den Speisesaal zum tragikomischen Ende dieser Wiener Gesellschaft.

Skurril und komisch

Happel, die selbst als Haushälterin Frau Rak auftritt, hat darstellerisch gut getroffen, was Doderer höchst skurril und komisch in Worte fasst; und auch Jürgen Maurer als preußischer Rittmeister von Eulenfeld deutet an, was der Roman entwickelt: eigentlich zieht er alle Fäden in dieser Gesellschaft.

Für Dürrenmatts wohlbekannten und in letzter Zeit wieder öfters gespielten Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ hat man sich in Reichenau etwas Besonderes einfallen lassen. Die Intendanz besetzte die Rolle der milliardenschweren, rachesüchtigen alten Dame Claire Zachanassian mit der großen italienischen Chansonnière Milva. Das Interessante ist nun, dass der Star den Anforderungen der Rolle kaum gerecht werden kann (Milva spricht kein Deutsch und verfügt über sehr wenig Theatererfahrung), das macht aber nichts. Denn das Drama spielt sich eigentlich zwischen dem Dorfkrämer Alfred Ill (Martin Schwab) und den Güllener Bürgern ab, die langsam der Versuchung nachgeben, Ill der versprochenen Milliarden wegen ans Messer zu liefern.

Pathetisches Timbre, versteinerte Pose

Milva entfaltet ihre Wirkung allein durch die Zurschaustellung erhabener Haltungen. Das pathetische Timbre ihrer Stimme zusammen mit den versteinerten Posen und Gesten, die sie in den Dezennien im Showgeschäft erlernt und zigmal wiederholt hat, verleihen ihr eine noch immer charismatische Präsenz. Der Theaterbesucher erfährt hier – und das ist der eigentliche Coup – das Phänomen des doppelten Körpers: Die Unnahbarkeit der Diva Milva fällt zusammen mit der Versteinerung der Seele des verkörperten Charakters. Wie bei dieser ihre Jugend in Güllen, ist der Rest der von Alfred Kirchner handwerklich gekonnt arrangierten Inszenierung aber eine recht blasse Erinnerung.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau