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Das Phänomen Hegemann

Folgt nach dem Höhenflug in den literarischen Olymp nun der tiefe Fall? Die Feuilletons sorgen für viel Wirbel um die junge deutsche Autorin Helene Hegemann: Zuerst sang man euphorische Loblieder, dann bemerkte man Hegemanns Abschreiben – und nun scheiden sich die Geister.

Deutschland spricht wieder von einem neuen Fräuleinwunder. Oder sollte man sagen: Für kurze Zeit sprach Deutschland wieder von einem neuen Fräuleinwunder? Diesmal ist es nicht eine vom Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki höchstpersönlich geadelte Judith Hermann, die sich in den hochliterarischen Olymp katapultiert und ihr Selbststyling durch künstlerische Schwarz-Weiß-Fotografien unterlegt. Diesmal ist es auch nicht eine popliterarisch gewandte Alexa Hennig von Lange, die sich mit wilder, roter Lockenmähne in die Nähe jener Szene stellt, aus der heraus sie ihren Roman „Relax“ erzählt. Diesmal ist es eine sich mühsam hinter den langen, blonden Fransen hervorkämpfende 17- (nunmehr 18) Jährige, die in Interviews gleichermaßen verhuscht und altklug auftritt: Helene Hegemann, Tochter von Carl Hegemann, Dramaturg und ideologischer Vordenker der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf.

Sensationsaffines Leben

Ihr kometenhafter Aufstieg in den Interessensradius der Medienwelt erinnert an Benjamin Lebert, dem sich 1997 ebenfalls durch die Eintrittskarte des väterlichen Namens (Stephan Lebert ist deutscher Journalist und arbeitet heute für die ZEIT) die Tore der Rezensionsseiten öffneten. Hat man „Crazy“, den traditionell erzählten und ein wenig verschwitzten Schulroman des damals ebenfalls erst 17-Jährigen, jedoch nur freundlich hofiert, so attestiert man Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ nun, nicht weniger als das jugendliche Stimmengewitter der Gegenwart zu Gehör zu bringen, und hievt ihn enthusiasmiert auf die Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis.

Die Pikanterien am Rande werden durch das Interesse an Helene Hegemanns Biografie noch deutlich übertroffen: War Benni, der jugendliche Ich-Erzähler in „Crazy“ wie auch Autor Benjamin Lebert Halbspastiker, so lässt sich das Sosein von Mifti, der Ich-Erzählerin in „Axolotl Roadkill“ noch weit herrlicher nach Parallelen zum sensationsaffinen Leben der Helene Hegemann scannen. Die Drogensucht und der Tod der Mutter, das nunmehrige Leben im ideologischen Umfeld des berühmten Vaters, die Schulverweigerung als Programm, die frühen eigenen künstlerischen Aktivitäten (2009 wurde sie für ihren Film „Torpedo“ mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet) geben den primären Impuls, ein „Wunderkind der Boheme“ (so der Spiegel) zu erschaffen.

Wortwörtliche Übernahmen

In Begründungen für die Buchpreis-Nominierung wird auf die Sprachenvielfalt des Romans verwiesen, der Internetsprache, Jugendjargon, SMS-Sprache und gebildete Sprache – so die Meinung von Jurymitgliedern – miteinander verschränkt. Daran ließen sich einige interessante Diskurse anknüpfen: Woran, zum Beispiel, zeigt sich die SMS-Sprache eines Romans? Führt die Integration vielzeilig ausformulierter Short Messages (ein Widerspruch in sich) bereits zu einer solchen? Irren die Jugendkulturforscher, die davon sprechen, dass mit Blick auf eine plurale juvenile Gesellschaft nicht von einer einheitlichen Jugendsprache gesprochen werden kann, wenn Helene Hegemann doch Jugendjargon verwendet? Weist sich ein solcher durch die Frequenz diverser F-Wörter aus? Denn nach dem Durchwandern der „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche zeigt sich die Literaturszene erneut beeindruckt vom Tabubruch und erweckt den Eindruck, explizite Nicht-Prüderie zum zweifelhaften Gradmesser literarischer Qualität zu erheben. Um es mit Mifti, der Hauptfigur in „Axolotl Roadkill“, zu formulieren: „Da ist man, liebe Leute, einfach zu schnell im Konsens. (Das fällt mir jetzt spontan dazu ein.)“

Weit interessierter als an literarästhetischen Fragen jedoch zeigt sich die Medienwelt an der Tatsache, dass der literarische Kugelblitz (so Ursula März in der ZEIT), der hier auf die Literaturszene niederkommt, sich nicht nur aus den sprachlichen Formulierungen seiner Autorin speist. In seinem Popkulturblog gefuehlskonserve.de listete Deef Pirmasens zum Teil wortwörtliche Übernahmen Helene Hegemanns aus dem Roman „Sobo“ des aus der Berliner Berghain-Szene stammenden Bloggers Airen auf und bringt damit den Stein eines Suchspiels nach immer neuen Fremdeinflüssen ins Rollen. Helene Hegemann hält zwei Tage später in einer Presseerklärung fest, dass für einen Stellvertreterroman der Nullerjahre, als der „Axolotl Roadkill“ gelobt wurde, anerkannt werden muss, „dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation“. An anderer Stelle hingegen wird verzweifelt zurückgerudert: Der Verlag nutzt das größte Potenzial seiner Veröffentlichung, nämlich Hegemanns Jugend, nun als Entschuldigung und spricht davon, dass Hegemann wohl die Tragweite der Quellenfrage unterschätzt hätte.

Das Feuilleton hingegen spaltet sich wie auf Kommando in zwei Lager: Das eine überschüttetet Hegemann mit Häme, wendet deren Spracheskapaden gegen sie und lässt die Autorin als Marionetterl an den Fäden des Herrn Papa dastehen. Nach der Implosion eines mit den Aspekten des Biografischen aufgeblasenen Literaturwunders bleibt wieder nur das biografische Moment zurück. Hegemann macht nun die Grenzverwischung zwischen Figurensprache und persönlichem Sprachduktus zu schaffen, nutzen Mifti und deren Halbbruder Edward in ihrem stets aufs Reflexive hin angelegten Sprechen doch die gleichen Formulierungen, mit denen Hegemann in der Pressemitteilung und in Interviews auf die Plagiatsvorwürfe antwortet.

Zu hoch gegriffen

Das andere Lager des Feuilletons rüstet zu einer Intellektualisierung des Abschreibens auf und nennt Hegemann in einem Atemzug mit den literarischen Praktiken von Thomas Mann, Bertold Brecht und den Textmontagen von Elfriede Jelinek. Lässt man einmal die Frage beiseite, ob das als Shoppen im medialen Supermarkt verschleierte Abschreiben mit dem intertextuellen Rückgriff auf Stoffe oder einem Zitate-Arrangement vergleichbar ist, das auf die Offenlegung gesellschaftlicher und medialer Strukturen abzielt, bleibt festzustellen, dass Helene Hegemann in der Kunst des Sampelns deutlich hinter den pop- oder jugendliterarischen Vorgaben eines Benjamin von Stuckrad-Barre oder einer Tamara Bach zurückbleibt.

Dass ihr nicht an der Schaffung eines Referenzsystems liegt, das eine zusätzliche Lesart des Textes ermöglicht, sondern sie sich schlicht bedient, zeigt der Schluss von „Axolotl Roadkill“: Ein schmerzvoll insistierender Song der Independent-Rocker „Archive“, in dem das kindlich-unschuldige Gesicht der ehemaligen Geliebten nun die Züge des Teufels zu tragen scheint, wird von Hegemann zum plumpen Abgesang der Mutter an die Tochter gemacht. Gerade der sperrige und am Ende von „Axolotl Roadkill“ wie ein Fremdkörper wirkende Brief der Mutter an die Tochter, in dem Hegemann schlicht (und natürlich ohne entsprechenden textimmanenten Verweis) den Song „Fuck U“ von Archive übersetzt, zeigt jedoch, dass sie bei der Inanspruchnahme der Technik der Transformation deutlich zu hoch greift und damit jenen in die Hände spielt, die sie genussvoll hoch fliegen und tief haben stürzen lassen.

Axolotl Roadkill

Roman von Helene Hegemann Ullstein 2010

203 S. kart., e 15,40

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