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Das römische Rezept der USA

1945 1960 1980 2000 2020

Ein anregendes Balkan-Buch von Dorothea Gräfin Razumovsky.

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Ein anregendes Balkan-Buch von Dorothea Gräfin Razumovsky.

Hätte es genügt, eine Konferenz einzuberufen, um das Problem Serbien zu lösen? Dorothea Gräfin Razumovsky plädiert mit ihrem Buch "Der Balkan - Geschichte und Politik seit Alexander dem Großen" für eine positivere Haltung der EU dem europäischen Südosten gegenüber. Vergangenheit und Gegenwart Europas seien einerseits von der Überheblichkeit des Nordwestens, andererseits von der ursprünglichen kulturellen Überlegenheit des Südostens bestimmt. Ihr Text umreißt die ganze Komplexität des Themas. Zu einer machbaren Politik zu finden, ist aber schwer.

Die erste europäische Hochkultur entstand weit im Südosten. Kreta war durch das Meer geschützt. Doch auch in der Antike war der Fortschritt nicht aufzuhalten, und so schafften es die zu Griechen gewordenen Achäer, die Inselkultur zu überrennen. Wie alle Barbaren zerstörten sie erst, um die zerstörte Kultur dann selbst zu übernehmen. Mit den Griechen rückte die europäische Kultur zum Balkan vor. Hier wurde, von Razumovsky beispielhaft geschildert, die Grundlage für rationales Denken und Demokratie gelegt. Lassen sich aus den Wurzeln unserer Kultur Lehren für die Gegenwart ziehen? Die Autorin schildert, wie griechische Demokraten angesichts Gefahren endlos diskutierten, wie griechische Diktatoren angriffen, eroberten, verwüsteten und, größenwahnsinnig geworden, untergingen, Alexander der Große nicht ausgenommen. Darauf begannen die Demokraten wieder zu diskutieren. Haben sie doch den längeren Atem?

Die Römer hatten sich zwar auf den Weg Alexanders begeben, die Welt als Eroberer zu beherrschen, doch sollte man dazu sagen, daß sie ein geheimes Überlebensrezept hatten: Ihr geschriebenes Recht bewahrte grundlegende Errungenschaften des republikanischen Systems auch unter autokratischer Herrschaft. Selbst der größenwahnsinnige Imperator benötigte den Beamtenapparat, um seine Herrschaft zu sichern, und stützte sich auf den republikanischen Kodex.

Die nächste große Völkerwanderung folgte dem Schema Überfall, Zerstörung, Nachahmung. Kleinere Völker wie die Illyrer, die zwei römische Kaiser stellten, wurden meist ausgerottet oder versklavt. Die blühenden Städte Illyriens von der Adria bis in den Kosovo erlagen dem neuen Barbarensturm. "Sämtliche Straßen mit Leichen übersät und unzählige Menschen versklavt und alles geplündert," zitiert die Autorin den Zeitzeugen Prokop zu den "unbeschreiblichen Grausamkeiten" der Slawen. Ähnlich den Basken hielt sich die Ethnie nur in unzugänglichen Gebirgen. Die Albaner, die als Illyrer ursprüngliche Bewohner des Gebietes waren, kommen übrigens bei Razumovsky weit schlechter als die Serben weg. Das Königtum Raska um die Jahrtausendwende ist für sie serbisch, doch gibt es genug Indizien und wissenschaftliche Meinungen, daß es sich noch um ein illyrisches Reich mit einer wachsenden slawischen Minderheit handelte. Um 1169 jedenfalls eroberte der serbische Sippenführer und Staatengründer Stefan Nemania Raska und damit den Kosovo. Die slawischen Eroberer lebten bis dahin nicht in einem organisierten Stammesverband, sondern im Verband der Sippe (Großfamilie nennt es die Autorin). Auf Zeit gewählte Kriegsherren einer Gruppe von Sippen schwangen sich gerne zu Königen auf.

Damals stand der ganze Balkan unter dem kulturellen Einfluß Konstantinopels. Trotz häufiger Kleinkriege zwischen den Sippenfürsten stieg der Wohlstand des Gebietes langsam aber sicher weit über den westeuropäischen Standard. Die Staaten Bulgarien, Serbien, Rumänien und Ungarn bildeten sich heraus. Durch die Kreuzzüge wurde der christliche Osten aber so geschwächt, daß er nun den Osmanen nicht mehr widerstehen konnte.

Erst mit dem Niedergang des Osmanenreiches begann dann die neuere Geschichte des Balkans. Die ständige Umverteilung, Ausweitung, Einschränkung der Grenzen endete am Ende des Zweiten Weltkrieges. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam der Balkan wieder in Bewegung, vor allem Jugoslawien. Damit sind wir mitten im brennenden Problem. Europa hätte früher eingreifen müssen, sagt die Autorin. Schön gesagt und sehr richtig, nur fällt dabei einiges unter den Tisch.

Europa hatte noch keine gemeinsame Außenpolitik. Frankreich unter Mitterrand, Großbritannien und Holland ermutigten diskret die Serben, als Gegengewicht zu den wieder so mächtigen Deutschen die Speerspitze des alten Panslawismus wiederzubeleben. Welche EU also hätte eingreifen sollen? Tatsächlich griffen die Nostalgiker der Strategien des 19. Jahrhunderts sehr wohl ein, gefolgt von den Deutschen im Gegenzug. Ging es also nicht eher um ein Zuviel an Eingreifen der divergierenden Tendenzen in der EU?

Razumovskys Kritik wird auch dadurch geschwächt, daß sie souverän über die Chronologie der Ereignisse hinweggeht. Am Anfang standen nicht die Unabhängigkeitsforderungen, sondern die Versuche der Serben, politisch und militärisch die Macht in der Föderation an sich zu reißen. Das heiße Problem ist für die Autorin der Krieg der NATO. Hier sagt sie viel Richtiges. Der Einsatz widersprach dem offiziellen Zweck des Bündnisses. Es sollte ein präziser chirurgischer Eingriff werden, war aber zum Großteil blinde Zerstörung. Den Gegensatz zwischen Politik und Generalstab erwähnt sie nicht. In der Praxis fanden Generalstab und Waffenindustrie in diesem Krieg die ideale Gelegenheit, ihre Arsenale zu leeren. Angesichts des schnellen Fortschritts müssen die Waffen heute periodisch für viel Geld entsorgt und durch neue, noch perfektere ersetzt werden. Dafür Geld zu bekommen, ist ohne Kalten Krieg schwierig geworden. Dieser Krieg machte es möglich, das überwiegend amerikanische Kriegswerkzeug massenhaft durch zum Großteil unnötige Einsätze loszuwerden, obendrein konnten alle NATO-Mitglieder zur Kasse gebeten werden. Ob die Hochkonjunktur in den USA nicht auch den Milliarden zu verdanken ist, die von den NATO-Mitgliedern als Anteil an den Kriegskosten aufgebracht wurden und der US-Industrie zugute kamen?

Hätte man also Serbiens Geschichte verstehen müssen, um den Krieg zu vermeiden? Razumovsky versucht das Verstehen nachzutragen. Milosevi'c schlitterte, meint sie, in die Konflikte und war bald Gefangener seines Images. Doch aus eigenem Willen oder als Gefangene der Umstände: Er und die Seinen weigerten sich, die ihnen sehr wohl bekannten Regeln des demokratischen Zusammenlebens in der Welt von heute zu akzeptieren. Sie handelten nach den Prinzipien des rassischen Nationalismus und stellten sich damit gegen Westeuropa, die westliche Welt und die UNO. Das Weitere folgte altrömischem Strickmuster: Wenn bei den Römern ein Gegner nicht willens war, den republikanischen Frieden zu akzeptieren, wurde er isoliert. Gab er nach, kam er glimpflich davon. Wenn nicht, wurde er, durch die Isolierung geschwächt, mit einem schnellen Schlag mit wenig eigenen Opfern zerstört. So gesehen hat der Westen die Lehren der Geschichte keinesfalls ignoriert.

DER BALKAN Geschichte und Politik seit Alexander dem Großen Von Dorothea Gräfin Razumovsky Piper Verlag, München 1999 421 Seiten, geb., öS 321,-/e

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