Das Schicksal liegt auch in den eigenen Händen

Das Theater an der Wien eröffnete seinen Premierenreigen mit der Zürcher Erfolgsproduktion von Händels #Semele# mit einer brillanten Cecilia Bartoli und den fulminanten Les Arts Florissants.

Bei der Uraufführung 1744 war Georg Friedrich Händels dreiaktiges Oratorium #Semele# # das zweite auf ein nichtreligiöses Sujet übrigens # wie zahlreiche spätere Erfolgsstücke ein Misserfolg. Warum, darüber rätselt die Forschung immer noch. Lag es daran, dass man sich von ihm eine Oper erwartet hatte, während er sich für eine englische Oper in Form eines Oratoriums entschied, mit dem er noch nach Jahrhunderten wegweisend sein sollte? Schließlich zeigt Händel im ersten Akt vor, dass es möglich ist, die unterschiedliche Gemütslage von vier Personen, die sich plötzlich mit einer unerwarteten Tatsache konfrontiert sehen # hier die abgebrochene Hochzeit von Semele und Athamas #, in einem Quartett zusammenzuführen und dabei gleichzeitig die verschiedenen subjektiven Stimmungen deutlich zu machen. Eine Idee, wie sie später Mozart in #Idomeneo# und Verdi in #Rigoletto# aufnehmen sollte.

Aktuelle Lehren, spielerisch präsentiert

Die Geschichte ist rasch erzählt: Gottvater Jupiter hat ein Verhältnis mit der thebanischen Königstochter Semele. Heiraten will er sie nicht, aber auch nicht verlieren. Bei ihrer Hochzeit mit Athamas entführt sie Jupiter in ein Luftschloss, um weiter seiner Leidenschaft frönen zu können. Jupiters Frau Juno sieht dem nicht tatenlos zu. Verkleidet als Semeles Schwester Ino, lässt sie Semele wissen, dass sie unsterblich werden könne, wenn sie Jupiter dazu bringe, dass er sich ihr in seiner göttlichen Gestalt zeige. Dass er mit seinen Blitzen Semele töten werde, verschweigt Juno. Aus Semeles Asche wird schließlich ihr und Jupiters ungeborenes Kind geborgen: Bacchus, der Weingott.

Robert Carsen verlegt die Handlung in die Gegenwart, konkret an den englischen Königshof. Ein paar rote Sessel vor einer blau ausgelegten Bühne (Ausstattung: Patrick Kinmonth), später ein großes Doppelbett, um das sich dann wertvolle Geschenke stapeln, bilden die ideal in den Bühnenraum verteilten wenigen Requisiten, um dies stimmungsvoll zu suggerieren. Begleitet von den entsprechenden Kostümen: die Herren in Smoking oder in roten Livrees, die Frauen im langen Kleid, Jupiter später in Galauniform und am Ende alles andere als amüsiert. Oder doch nicht? Schließlich ist dieser Charmeur, der mitschuldig ist am Untergang seiner Geliebten, weil er nie mit der gesamten Wahrheit herausrücken wollte, im Finale, wie es scheint, schon wieder bei einer Schönen für ein nächstes Liebesabenteuer fündig geworden.

Hauptschuld an ihrem Schicksal trägt Semele selbst. Mehr als einem bestimmt ist, soll man nicht anstreben, lautet die Botschaft dieses Händel nach einem Text von William Congreve. Man kann nicht gleichzeitig heiraten und weiter einem Luxusdasein bei einem prominenten Geliebten frönen, nicht nach dem Unerreichbaren # bei Semele die Göttlichkeit # verlangen, wenn einem bewusst sein muss, damit den eigenen Untergang herbeizuführen. Lehren, die stets aktuell bleiben, selbst wenn sie derart spielerisch und mit so viel Amüsement präsentiert werden wie in dieser schon vor Jahren im Zürcher Opernhaus gezeigten, Gehalt und Unterhaltung so ideal vereinenden Inszenierung.

Natürlich ist es Cecilia Bartoli, die mit umwerfendem Charme und ebenso brillanter Koloratur diese Produktion prägt. Sie kann dabei aber auch auf nicht minder überzeugende Partner zählen: wie Charles Workman als verschlagenen Jupiter und Apollo, Birgit Remmert als hinterhältige Juno, Matthew Shaw als stets um Contenance bemühten Athamas, Malena Ernman als verzweifelte Semele-Schwester Ino und David Pittsinger als souveränen Semele-Vater Cadmus und Somnus.

Zu Recht schon nach der Pause bejubelt

Vorzüglich der sich auch schauspielerisch ideal in das stets mit feinem britischen Humor gewürzte Geschehen fügende Arnold Schoenberg Chor. Aber was wäre dieser Händel ohne die gleichermaßen ordnende wie von sprühendem musikantischen Witz nur so schäumende Persönlichkeit William Christies am Pult seiner mit ansteckender Musizierfreude aufspielenden Les Arts Florissants? Zu Recht wurden sie schon nach der Pause bejubelt.

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