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Das Streichquartett als Inspiration

Zu Joseph Haydns 200. Todestag zeigt Eisenstadt an vier Schauplätzen eine große Ausstellung über dessen Leben und Wirken. Ein durchaus ambitioniertes Unternehmen, das jedoch keine neuen Aspekte seines künstlerischen Lebens beleuchtet.

Für vier Musiker, ein Streichquartett, hat Joseph Haydn zahlreiche Meisterwerke geschaffen. Ungeachtet dessen, dass er diesem Genre erst den spezifischen Stempel aufgedrückt hat. Was lag daher näher, als an vier Orten dem "Phänomen Haydn" - so der Titel der bis Mitte November gezeigten Ausstellung des Landes Burgenland - nachzuspüren? Fündig wird man dafür in Eisenstadt rasch, sofern man eine Verbindung zwischen Persönlichkeit und Werk anstrebt. Das ist auch das Grundkonzept dieser Exposition mit 550 Exponaten von 65 Leihgebern aus dem In- und Ausland. "Prachtliebend - bürgerlich - gottbefohlen - crossover" hat man sich als Schlagworte einfallen lassen und entsprechend die Darstellung verteilt: auf das Schloss, das Haydn-Haus, das Diözesanmuseum und das Landesmuseum.

Wo man mit dem Rundgang beginnt, ist jedem selbst überlassen. Jedes Ambiente konfrontiert mit einem in sich geschlossenen Themenkreis. Im Schloss, dem Zentrum der Schau, geht es um Haydns Eintritt in die höfische und musikalische Welt, ist man mit den entsprechenden Uniformen eines Hofmusikus und eines Hausoffiziers ebenso konfrontiert wie mit Haydns Dienstvertrag oder Haydns Werkverzeichnis, das er erstellte, nachdem ihn sein Vorgänger, Gregor Joseph Werner, bezichtigt hatte, seinen Aufgaben als Kapellmeister nicht entsprechend nachzugehen. Erinnert wird auch an den Opernkomponisten und Manager Joseph Haydn. Nicht weniger als tausend Aufführungen seiner Opern sind nachgewiesen.

Zwischen Prunk und Nachbarschaftsstreit

Nicht zu kurz kommen Hinweise auf den Prunk und Kunstsinn der mächtigen Esterházys. Die damalige Spielpraxis wird am Beispiel kostbarer Instrumente, wie einem der ältesten erhaltenen Barytons aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, dokumentiert. Porträts zeigen Haydn im Wandel der Jahre und Zeit. Darunter die aus der Royal Collection London entlehnte berühmte Haydn-Darstellung aus dem Jahr 1791/92 von John Hoppner. Notenbeispiele von zweien seiner Messen, der "Missa in tempore belli" ("Paukenmesse") und der "Missa in Angustiis" ("Nelson-Messe"), sollen Haydns waches politisches Interesse in Erinnerung bringen. Eine besondere Rarität: Sigismund von Neukomms sonst in der Musiksammlung der Nationalbibliothek aufbewahrter, schwierig zu entschlüsselnder Rätselkanon "Non omnis moriar".

"Bürgerlich" prangt als Idee über der Ausstellungspräsentation jenes Hauses, das Haydn zwölf Jahre mit seiner Frau bewohnte hat, immer wieder beeinträchtigt von Streitigkeiten mit der Nachbarin. Der Bogen spannt sich vom Kaufvertrag über den Hinweis, dass Haydn im Laufe der Jahre an die 50 Bilder verloren hat, Grundrisse des damaligen Eisenstadt, den Ehevertrag, ein Schreiben seiner Geliebten Polzelli an ihren Sohn Antonio, den manche Haydn zuschreiben, bis zu Haydns Affinität und Bedeutung für das Klavier. Sein epochemachendes Streichquartettopus 33 ist in jener Ausgabe zu besichtigen, das Johannes Brahms besaß.

Auch dass in diesen Jahren die Dame am Klavier zu einem beliebten Bildmotiv wurde, erfährt man. Und eine von ihm verfertigte Abschrift zeigt, wie akribisch Beethoven Haydns Quartette studierte. Schließlich lädt der an "Kuchl" und "Cammer" anschließende Raum noch ein, in Ruhe ein Haydn-Quartett zu hören.

Auch im Diözesanmuseum hat man Hörmöglichkeiten vorgesehen - in vier ehemaligen Mönchszellen des Franziskanerklosters. Haydns Spiegelkanon "Du sollst an einen Gott glauben …" bildet das offensichtlich für ein erfolgreiches Marketing auf "gottbefohlen" verkürztes Motto. Sichtbar wird vor allem, auf welches Niveau Haydn die vorher von seinem Vorgänger Werner betreute Kirchenmusik hob, wie lebendig Musik in den sechs Eisenstädter Kirchen gepflegt wurde. Konfrontiert werden zahlreiche Dokumente wie etwa die von Fürst Paul I. Esterházy in Auftrag gegebene Sammlung zeitgenössischer Marienlieder, Johann Joseph Fux' kontrapunktisches Standardwerk Gradus ad parnassum, Messen von Beethoven und Hummel und geistliche Werke von Joseph Haydn und seinem in Salzburg wirkenden Bruder Michael.

Minimalistische Blickfänge

Zu viel vorgenommen hat man sich im Landesmuseum. Die Haydn-Rezeption der Gegenwart an Beispielen wie Gast- und Kaffeehäusern, die Haydns Namen zieren, festzumachen, ist bestenfalls vordergründig. Ihn als Wanderer zwischen Kulturen am Beispiel sogenannter "wandernder Melodien" - Volksmelodien, die später von der Kunstmusik übernommen wurden - vorzustellen, dann problematisch, wenn es sich um längst bekannte Topoi handelt. Die als Blickfang aufgestellte "Ältere Haydn-Orgel", auf der der Komponist selbst gespielt hat, hätte im Diözesanmuseum einen passenderen Platz gefunden. Minimalistisch fällt die Darstellung auf die Lebenswelt der sogenannten einfachen Leute zur Haydn-Zeit aus. Unter "crossover", wie dieser Teil der Haydn-Schau überschrieben ist, hätte man sich ein vielfältigeres, perspektivischer die Haydn-Gegenwart beleuchtendes Modul gewünscht. Egal, ob es als Einstieg oder Abschluss in diese sonst mit viel Liebe zum aussagekräftigen Detail konzipierte Haydn-Schau gedacht ist.

"Phänomen Haydn - Eisenstadt:

Schauplatz musikalischer Weltliteratur"

Vier Abschnitte:

"prachtliebend" (Schloss Esterházy)

"bürgerlich" (Haydn-Haus-Eisenstadt)

"gottbefohlen" (Diözesanmuseum Eisenstadt) "crossover" (Landesmuseum Burgenland)

bis 11. Nov., tägl. 9-17 Uhr, ab Juli 9-18 Uhr

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