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Das Weiße Haus ALS FIKTION

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Fernsehserien über das Weiße Haus haben Hochkonjunktur, nun scheint die Realität die Fiktion auch in Sachen Satirepotenzial zu überbieten.

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Fernsehserien über das Weiße Haus haben Hochkonjunktur, nun scheint die Realität die Fiktion auch in Sachen Satirepotenzial zu überbieten.

Dieser Plot taugt eigentlich nur zur Satire. Ein skrupelloser Immobilien-Tycoon mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, der Brüssel für ein schönes Land hält und das Land via Twitter regiert, zieht ins Weiße Haus ein, derweil seine slowenische Model-Gattin mit dem überzeichneten Vornamen Melania samt Söhnchen im phallischen Privat-Wolkenkratzer in Manhattan bleibt. Nun hat die Realität die Fiktion in Sachen Satirepotenzial überholt, Nachrichtensendungen sind plötzlich so bizarr wie das Dschungelcamp. Während Europa und der aufgeklärtere Teil der USA die Hände über dem Kopf zusammenschlagend darüber sinnieren, wie das nur jemals passieren konnte, nimmt die Realsatire "Trump im Weißen Haus" ihren Lauf.

Wahlkampf wie eine Casting-Show

In Zeiten, in denen die Politik immer stärker zum Politainment wird, zur Inszenierung, lässt sich Politik von Fiktion kaum mehr unterscheiden. Das Weiße Haus repräsentiert nicht nur das topografische Zentrum der vielgepriesenen "City upon a Hill", es hatte schon immer eine gesellschaftspolitische Funktion inne, die im besten Fall in einer Vorbildwirkung besteht, wie Michelle Obama sie mit ihrem Gemüsegarten und ihrem Gesundheitsprogramm für Jugendliche zu forcieren suchte, im schlechtesten Fall hämische Schadenfreude befriedigt, die Exzesse von George W. Bushs Töchtern oder Bill Clintons Sexskandal sind unrühmliche Beispiele dafür. Die amerikanische Politik ist zur reinen Inszenierung verkommen, zum wie eine Casting-Show aufgebauten Dauerwahlkampf, getaktet, um kurze Aufmerksamkeitsspannen nicht zu überfordern - ein Genre, das Trump natürlich beherrschte.

Müsste man Trumps Amtsbeginn eine Textsorte zuordnen, dann wäre es wohl eine Groteske: Dass Präsident Trump sich in seiner ersten Amtshandlung daranmacht, Obamas Gesundheitsreform rückgängig zu machen, geht unter in der absurden Diskussion darum, wie viele Besucher denn nun seiner Inauguration beiwohnten. Millionen seien das gewesen, behauptet der Trump-Apparat, mehr als jemals zuvor, während Bilder das Gegenteil dokumentieren. Macht nichts, die bösen Medien sind schuld, platte Lügen werden zu "alternativen Fakten" umgedichtet. Christoph Bieber und Klaus Kamps beschreiben in einer Analyse des Präsidentschaftswahlkampfs 2012 den "Aufstieg von fake news, politischer Satire und einer 'Politik der Fernsehserien'" als Erbe der Obama-Ära, hegen 2015 in ihrem Vorwort allerdings noch Hoffnung, "dass der skrupellose Frank Underwood aus der Polit-Fabel 'House of Cards' nur in den fiktionalen Fernsehwelten Geltung beanspruchen kann:'democracy is so overrated'."

Es sollte anders kommen. Seit einigen Jahren haben Fernsehserien über die höchste Ebene der US-Politik Hochkonjunktur, das Weiße Haus ist der neue Emergency Room. Nun wird nicht mehr im Krankenhaus geliebt, betrogen und intrigiert, sondern direkt im Oval Office. Die Universität Gießen widmete den in Serie geschalteten US-Präsidenten sogar eine Ringvorlesung. In Hollywood haben Filme über Washingtons Machtzirkel Tradition, die Ära der Serien wurde 1999 mit "West Wing" eingeläutet, in der Martin Sheen den integren Präsidenten Josiah Bartlet mimt.

Auffällig ernstes Genre

Der bekannteste unter den fiktiven US-Präsidenten ist der von Kevin Spacey verkörperte Frank Underwood, an seiner Seite intrigiert Robin Wright als nicht minder machthungrige First Lady im Serien-Hit "House of Cards". Dass seine Initialen das Akronym von Fuck You sind, ist kein Zufall. Underwood ist ein Machthaber von Shakespeare'scher Wucht, ein moderner Richard III., der notfalls auch über Leichen geht.

Politserien sind ein auffällig ernstes Genre. Bis auf "Veep", das der überragenden Julia Louis-Dreyfus seit Jahren für ihre Darstellung der Vizepräsidentin Selina Meyer Emmys und Golden Globes in der Sparte Komödie einbringt, gibt es erstaunlich wenig zu lachen.

Man kann die Fernsehserien über die US-Politik grob in zwei Kategorien einteilen: In der einen sind alle Protagonisten unisono korrupt, intrigant und machthungrig, in der anderen sind alle korrupt, intrigant und machthungrig -bis auf die aufrechten Helden und Heldinnen, die gegen diese Strukturen ankämpfen. Egal in welche Richtung die Serien tendieren, zur patriotischen Verklärung oder zur satirischen Abrechnung, Washington kommt nie gut weg, es wird zum Feindbild aufgebaut, eine von Egomanen besetzte Schlangengrube, Hort der Opportunisten und der Machtgeilheit.

Deshalb sind die rechtschaffenen Protagonisten Außenseiter und keine Berufspolitiker, ganz in der Tradition von Frank Capras "Mr. Smith goes to Washington" von 1939, in dem der enthusiastische aber naive James Stuart von der Provinz in die Hauptstadt kommt und in den Mühlen der Korruption beinahe zermahlen wird, bevor der den guten, reinen und wahren amerikanischen Idealen zum Sieg verhelfen kann. Josiah Bartlet in "West Wing" ist Wirtschaftsnobelpreisträger, die Außenministerin Dr. Elizabeth Adams McCord in "Madame Secretary" ist Politikwissenschaftlerin, Mackenzie Allen in "Commander in Chief" kommt ebenfalls aus dem Universitätsbetrieb und ist praktischerweise parteilos, Kiefer Sutherland wird in der neuen Serie "Designated Survivor" nur durch Zufall Präsident, weil das gesamte andere Kabinett bei einem Anschlag ums Leben kommt. Besonders viel Vertrauen in die Berufspolitik vermittelt das nicht.

So wie die "echte" Politik fiktive Züge trägt, werden Fernsehserien im Gegenzug nicht nur als Fiktionen rezipiert, sie prägen auch die Vorstellung von den Konfigurationen der Macht und befriedigen eine Neugier auf das, was hinter verschlossenen Türen stattfindet. Die Politik als schmutziges Geschäft thematisiert die von Starproduzentin Shonda Rhimes entwickelte Serie "Scandal", in der ein Team um Anwältin Olivia Pope potenzielle Skandale entschärft und vertuscht, um dem Präsidenten den Rücken freizuhalten. Fiktionen über das Weiße Haus produzieren und reproduzieren das öffentliche Bild der Politikerkaste, sie eröffnen aber auch Möglichkeitsräume und zeitigen als alternative politische Narrative Gewöhnungs-und Sensibilisierungseffekte.

Bedürfnisse des Publikums

Schon sieben Jahre vor Barack Obama bezog in der Serie "24" mit David Palmer ein Afroamerikaner das Oval Office. Präsidentin Mackenzie Allen, von Geena Davis mit reichlich Pathos in "Commander in Chief" verkörpert, wartet nach Hillary Clintons überraschender Niederlage noch immer darauf, dass die Realität der Fiktion nachfolgt. Allerdings, so realistisch waren die Drehbuchautoren der Serie, wird diese nicht ins Amt gewählt, sondern zieht als Vizepräsidentin nach dem Tod des Präsidenten in die Pennsylvania Avenue 1600 ein.

Fernsehserien reagieren auf Bedürfnisse des Publikums, sie sind ein kultureller Gradmesser gesellschaftlicher Stimmungen. "West Wing" war nicht so erfolgreich, weil es über spektakuläre Plots verfügte, nicht das Außergewöhnliche faszinierte, sondern das Alltägliche, die Gespräche auf dem Gang, der Blick hinter die Kulissen. Die aktuellen Serien versuchen stärker außenpolitische Themen abzuhandeln, wobei sie sich immer auf sicherem Terrain bewegen und nicht polarisieren wollen. Ein gesteigertes Interesse an Politikfiktionen war nach dem 11. September 2001 zu verzeichnen. Es wird spannend sein zu beobachten, ob die Ära Trump das Ende dieses Booms einläutet, weil das Publikum mit genug Zynismus und Fiktion in der echten Politik konfrontiert ist.

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