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Das zarte Haupt der schönen Pharaonin

Vor genau 100 Jahren wurde die Büste der Nofretete aus dem 14. Jh. v. Chr. entdeckt. Eine große Ausstellung in Berlin würdigt den Sensationsfund.

Die Büste der Nofretete gehört zu Berlin wie der Obelisk zu Paris. Oder etwa doch nicht? Beide teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie stammen aus dem ehemals französisch besetzten Ägypten, sind aber inzwischen schon lange in Europa beheimatet. Nofretetes Kopf seit bald 100 Jahren.

Aus diesem Grund beginnt auf den Tag genau ein Jahrhundert nach dessen Fund am 6. Dezember 1912 im Neuen Museum in Berlin die Ausstellung "Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete“. Die fast filigrane Büste der Königin mit dem zarten Gesicht und der blauen Krone wird natürlich im Mittelpunkt stehen. Rundherum werden rund 5500 bisher nie gezeigte Fundstücke aus dem Amarna-Bestand ausgestellt. Amarna heißt heute die Siedlung am Übergang vom Fruchtland am Nil zur Wüste, wo um 1340 vor Christus eine bemerkenswerte Siedlung entstand: In nur 15 Jahren war sie geplant, gebaut, aber auch wieder verlassen worden. "Wie ein Wimpernschlag in der ägyptischen Geschichte“, sagt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Kultur- und Traditionsbruch

Was die Büste so bemerkenswert macht, ist die Lebensnähe ihrer Ausstrahlung: Denn von vordynastischer Zeit bis zur Epoche der Römer habe "eine starke Beharrungskraft in der Kunstentwicklung Ägyptens“ geherrscht“, sagt Parzinger. "In diesen lächerlichen 15 Jahren aber wird mit allem gebrochen an Kultur und Tradition.“ Es gibt plötzlich keine statischen Darstellungen der Pharaonen mehr, auch wird der Monotheismus eingeführt. "Die Amarna-Periode ist die einzige, in der so lebensnahe Darstellungen von Regierenden entstehen. Das hat man vorher und nachher nicht erreicht, weil es nicht das Ideal der Kunst war, weil man es auch nicht wollte“, so Parzinger

Am Nikolaustag 1912 hatte der deutsche Archäologe Ludwig Borchardt die Nofretete im Archiv der Ruine einer Bildhauerwerkstatt gefunden. Im Zuge der damals zwischen den an den Ausgrabungen beteiligten Ländern üblichen Fundteilung gelangte die Büste nach Berlin. Knapp vor dem Zweiten Weltkrieg fingen dort die Museen an, die Tore zu schließen und ihre Bestände schrittweise auszulagern. So gelangte die Büste nach Hessen. "Zum Glück“, fügt Parzinger an, "denn wäre sie ins Gebiet des späteren sowjetischen Sektors gebracht worden, wäre sie heute im Puschkinmuseum.“ Allerdings hätten auch die Amerikaner kurzfristig überlegt, nach dem Krieg Kunstwerke aus ihrem Besatzungsgebiet in die USA abzutransportieren.

1957 wurde in Deutschland die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegründet. Die ausgelagerten Bestände aus Berlin waren damals über ganz Deutschland verteilt, und die Bundesländer wollten sie erst nicht mehr zurückgeben, indem sie argumentierten, Preußen existiere ja nicht mehr. "Es war sehr schwierig, das wieder schrittweise in Westberlin zusammenzuführen“, sagt der Präsident.

Spekulationen über weitere Ortswechsel des kleinen Königinnenkopfes schiebt er einen Riegel vor. Nach der Wende ist die Nofretete aus dem ehemaligen Westteil an ihren angestammten Platz im Neuen Museum im früheren Osten übersiedelt. Die Skulptur besteht aus einem Steinkern mit einer Gipsauflage, diese hat Hohlräume. Schon bei ihrem letzten Ortswechsel war man nach einer CT-Untersuchung extrem vorsichtig mit ihr umgegangen und hatte jede Erschütterung vermieden.

Leih- statt Rückgaben

"Es gibt viele Objekte in der Welt, die nicht reisen“, sagt Parzinger. "Wir wollen bei der Nofretete kein Risiko eingehen.“ Sie sei ein "Icon“ für die Museumsinsel und Berlin. Rückgabeansprüche hat Ägypten nicht geäußert. "Eine offizielle Rückforderung der ägyptischen Regierung gab es nie“, erklärt der Stiftungspräsident, der in dieser Funktion auch Chef der Museumsinsel ist. Im Gegenteil, zur Eröffnung der Ausstellung ist der ägyptische Antikenminister eingeladen, allerdings ist noch unsicher, ob er aufgrund der aktuellen politischen Lage auch kommen kann.

"Für uns ist wichtig, dass die Dinge nach damaligen Gesetzen rechtmäßig hierher kamen“, sagt Parzinger. Heute gehe es um Leihgaben, nicht um Rückgaben. Auch nicht um Erwerb. Mit Griechenland und speziell Italien würden Altertümer getauscht. Zudem dürfe in der Gegenwart die Nationalität des Ausgräbers keine Rolle spielen, fordert Hermann Parzinger. Er arbeite selbst in Russland, der Mongolei und im Iran: "Dort sind wir hochwillkommen“, sagt er. Schließlich gehe es bei den Ausgrabungen um Forschung an der Wiege der Menschheit, "deshalb ist das für uns alle eine Verpflichtung“.

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