Dem Genie annähern

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Meister Leonardos restauriertes "Abendmahl" lockt Kunstbeflissene in Scharen nach Mailand.

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Meister Leonardos restauriertes "Abendmahl" lockt Kunstbeflissene in Scharen nach Mailand.

Nach 20 Jahren Restaurierungsarbeiten ist Leonardos "Abendmahl" in Mailand wieder dem Publikum zugänglich. Doch nicht nur das weltberühmte Gemälde wurde erneuert, auch die Besuchsmodalitäten haben sich geändert. Wer das Meisterwerk besichtigen will, muß jetzt rechtzeitig buchen: am Tag der Eröffnung, dem 28. Mai, waren bereits 5.000 Reservierungen eingetroffen.

Bis vor kurzem von den Kindern noch als Fußballtor verwendet, gehört das Eingangstor zum ehemaligen Refektorium der Kirche "Santa Maria delle Grazie" wieder den Kunstliebenden. Von 1494 bis 1498 hatte Leonardo da Vinci im Auftrag von Ludovico il Moro am letzten "Abendmahl" Christi gearbeitet. Die Darstellung des Moments, in dem Christus den Jüngern verkündet, einer von ihnen werde sein Verräter sein, ist 45 Quadratmeter groß und nimmt die gesamte Nordwand des Refektoriums ein. Laut Aufzeichnungen von Antonio de' Beatis, dem Sekretär des damaligen Kardinals d'Aragona, zeigte das Werk bereits 1517 erste Schäden. Die verschiedenen Bemühungen der letzten 500 Jahre, das Gemälde zu retten, haben es vermutlich nur noch mehr beschädigt: So wurden beispielsweise die Beine der Apostel verwechselt, und Schritt für Schritt entstand aus dem Schatten von Apostel Matthias' Kinn ein Bart.

Mittlerweile ist die achte Restaurierung abgeschlossen. Die Frage, wieviel vom ursprünglichen Werk heutzutage überhaupt noch erhalten geblieben ist, scheint also berechtigt. Doch bei der feierlichen Einweihung des "Cenacolo" am 27. Mai gab es keine Zweifel über die Qualität der Restaurierungsarbeiten: "Der Wissenschaftler Leonardo wäre mit uns zufrieden gewesen", meinte die italienische Kulturministerin Giovanna Melandri. Mit Stolz standen an ihrer Seite der Mailänder Bürgermeister sowie ein Vertreter von Olivetti, dem Generalsponsor der Restaurierung. Am Eröffnungsnachmittag war außerdem auch die Mailänder Diözese vertreten, zwar nicht in der Person von Kardinal Carlo Maria Martini, jedoch durch Monsignore Crivelli, den Kulturminister des Kardinals.

Erwartungsgemäß stand im Mittelpunkt der Feier Pinin Brambilla, die Restauratorin, deren Ausdauer es zu verdanken ist, daß Leonardos Werk in neuem Glanz erscheint. Über 7.000 Tage hat sie in minutiöser Genauigkeit, mit Mikroskop und Skalpell ausgestattet, an der Wiederbelebung des "Abendmahls" gearbeitet. Der Tageszeitung "Corriere della Sera" gegenüber erklärt sie: "Sich Leonardos Genie anzunähern, ist eine einzigartige, unwiederholbare Erfahrung gewesen" und fügt hinzu, "die Restaurierungsarbeit ist eine Rettungsaktion aber auch ein sehr faszinierender Eingriff: Man begibt sich in die Stimmung eines Werkes, man versteht dessen Poesie".

Die Besucher des "Cenacolo" müssen mit einer Reihe von Neuigkeiten rechnen: Mehrere Glastüren sowie Spezialteppiche beschützen das Meisterwerk vor dem Eindringen von Schmutz und Staub, 15 Überwachungskameras sind im Einsatz, und ein dumpfes Licht schont die Farben des Gemäldes.

Anläßlich der Wiedereröffnung wurden nicht nur die Sicherheitsvorkehrungen verbessert, sondern auch die Ablauforganisation wurde aktualisiert: Es beginnt mit der Notwendigkeit, die Eintrittskarte im voraus zu buchen - aus Österreich unter der Telefonnummer 0039-02-89421146 -, wobei Ungeduldigen vom Unternehmen abzuraten ist: Die Leitung ist meistens besetzt, und wenn man einmal dran ist, muß man sich auf eine Serie von automatisierten Fragen (auf Italienisch!) gefaßt machen. Risikofreudige können auch versuchen, an Ort und Stelle eine Restkarte zu bekommen, doch darauf ist kein Verlaß. Im Besitz einer Eintrittskarte betritt man dann in Gruppen von jeweils 25 Personen das ehemalige Refektorium. Zur Besichtigung stehen 15 Minuten zur Verfügung. Was zu tun ist - "Bitte warten", "Bitte das Refektorium verlassen" - wird über Lautsprecher angesagt, und zwar in fünf Sprachen: Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Japanisch.

Für Besucher nicht zu übersehen ist schließlich der Souvenirladen, in dem alles Denkbare, vor allem aber alles Verkaufbare, angeboten wird: von T-Shirts bis zu Uhren, von Haarspangen bis zu Mouse-pads. Selbstverständlich sind sämtliche Objekte mit Leonardos Porträt beziehungsweise mit dem Abendmahl versehen. Den größten Absatz allerdings erwartet man sich von Kelchen - wie jene von Leonardos "Abendmahl" -, die um 120.000,- Lire das Stück verkauft werden.

Auch irgendwie genial.

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