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Dem Klimaschutz verpflichtet

Umweltminister Nikolaus Berlakovich drängt auf ein verbindliches internationales Abkommen über den Klimaschutz. Vor seiner Reise zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen erläutert die dringenden Gründe dafür.

Steigt die Welttemperatur um mehr als zwei Grad an, wären die Folgen nicht beherrschbar. Das ist, so Minister „Niki“ Berlakovich im Interview, das wesentliche Argument für ein Abkommen über den Klimaschutz. Die Visionen des Lebensministers reichen weiter: Berlakovich arbeitet an der Idee eines energieautarken und damit klimafreundlichen Österreich.

Furche Spezial: Gelegentlich wird im Zusammenhang mit Erderwärmung von manchen behauptet, die Sache sei nicht so dramatisch, es gebe gar keinen Klimawandel.

Nikolaus Berlakovich: Ich als Umweltminister argumentiere, wie alle EU-Amtskollegen, auf wissenschaftlicher Basis. Seit den großen UNO-Konferenzen ist klar: Es gibt den Klimawandel. Er ist vom Menschen verursacht, vor allem durch das Verbrennen von fossilem Öl und Gas. Die Wissenschafter haben einen exorbitanten Anstieg der Temperatur festgestellt. Es wird wärmer, das ist wissenschaftlich belegt.

Furche Spezial: Dazu meinen wiederum einige, am Wetter erkenne man den Klimawandel, etwa an den Überflutungen.

Berlakovich: Ein Hochwasser ist noch kein Beweis für den Klimawandel. Aber die Häufigkeit der extremen Wetterereignisse belegt einfach, dass sich das Klima verändert. Und zwar auch bei uns. Wir sind jedes Jahr mit Starkregen konfrontiert, in Niederösterreich, der Steiermark etwa, wo innerhalb von zwei oder drei Tagen ein Drittel der Niederschlagsmenge des Jahres zu verzeichnen ist. Das passiert jetzt schon jedes Jahr. Zudem: Die Gletscher gehen zurück, die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt und Inselregionen verschwinden. In manchen Regionen kommt es zu Dürrekatastrophen. Der Klimawandel ist ein globales Problem. Und wenn sich die Menschen in afrikanischen Ländern nicht mehr ernähren können, eben wegen der Dürre, dann wird das ein auch europäisches Problem. Genau deswegen ist ja im Kampf gegen den Klimawandel die weltweite Solidarität gefragt.

Furche Spezial: ... denn kein Staat, wahrscheinlich nicht einmal ein Staatenverbund, kann die Problematik alleine lösen …

Berlakovich: Das ist richtig und darum geht es auch bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen in zwei Wochen. Es sollte für die Zeit nach dem Kyoto-Protokoll, also ab 2013, ein völkerrechtlich verbindliches Weltklimaschutzabkommen zustandekommen, das bis 2020 gilt. Das ist, auf Einladung der UNO, ein sehr mühsames Ringen. Die EU war als einzige Region bereit, ein Angebot zu Verminderung der Treibhausgase zu unterbreiten. Ich war ja im russischen Umweltministerium, die hielten sich bis zuletzt bedeckt. Jetzt sagt Russland, es schließt sich den EU-Zielen an. Aber in den USA hängt die Thematik im Senat. Und die Schwellenländer halten sich völlig bedeckt, obwohl gerade sie – China, Indien, Südafrika, Indonesien – mit an Bord sein müssten.

Furche Spezial: Wieso steckt der Klimaschutz in den USA trotz des neuen Präsidenten politisch fest?

Berlakovich: Im amerikanischen Umweltministerium in Washington, wo ich unter anderem war, hat sich jedenfalls ein Paradigmenwechsel vollzogen. Zuvor wurde über Klimawandel nicht gesprochen, jetzt, so sagen uns die Diplomaten aus den Verhandlungen, spielen die USA eine konstruktive Rolle, auch wenn sich Präsident Obama nicht vollständig durchsetzen kann. Aber einige Staaten an der Westküste haben etwa eine Klimaschutz-Region gebildet. Derartige Initiativen habe ich auch in Japan gesehen.

Furche Spezial: Würde ein Abkommen konkret bedeuten, weniger Auto zu fahren?

Berlakovich: Im Kyoto-Protokoll haben sich einzelne Staaten verpflichtet, die Treibhausgase zu vermindern, andere, etwa China und die USA, nicht. Jetzt soll ein Abkommen erreicht werden, in dem sich alle Staaten dazu verpflichten. Es gibt ja ein Ziel, auf welches sich die G-20 geeinigt haben: Die Welttemperatur soll in diesem Jahrhundert nicht stärker als um zwei Grad steigen. Würde die Erwärmung stärker ausfallen, wären die katastrophalen Auswirkungen nicht mehr steuerbar. Das sagt die Wissenschaft. Wie die einzelnen Staaten die Verminderung der Treibhausgase erreichen, ist ihnen überlassen: weg von fossilen, hin zu erneuerbaren Energieträgern, alternative Antriebssysteme, was auch immer!

Furche Spezial: Gäbe es in Österreich ausreichend realisierbare Projekte, um die Treibhausgase um ein Fünftel zu vermindern? Wir sind ja nicht gerade Musterland ...

Berlakovich: Ja, es ist unerfreulich, wir haben unsere Klimaziele nicht erreicht. Ich habe als Umweltminister immer gesagt, für diese ambitionierten Ziele bräuchten wir eine nationale Kraftanstrengung, nämlich ein Bundes-Klimaschutzgesetz. Wo ich zuständig bin, haben wir es geschafft: in der Landwirtschaft, in der Abfallwirtschaft. Aber nicht in der Industrie, beim Heizen oder im Verkehr. Dort sind die Emissionen sogar um 75 Prozent angestiegen, wenn auch zu einem Zehntel durch den Tanktourismus ...

Furche Spezial: ... aber welche konkreten Projekte nützen dem Klimaschutz?

Berlakovich: Wir müssen bei der thermischen Sanierung mehr machen. Die erste Aktion der Bundesregierung, hier 100 Millionen Euro aufzustellen, war außerordentlich erfolgreich. Rund 15.000 Anträge wurden damit abgedeckt. Jetzt sind die Länder gefordert, die Wohnbauförderung entsprechend zu vergeben. Der zweite Schritt ist Photovoltaik oder Biomassen-Heizungen – alles Schritte für ein energieautarkes Österreich.

Furche Spezial: Ein energieautarkes, also unabhängiges Österreich?

Berlakovich: Meine Vision ist ein energieautarkes Österreich. Dass wir sämtliche Energie im eigenen Land erzeugen. Wärme, Strom und Treibstoffe. Wir werden das fossile Gas schon noch länger brauchen. Aber ein von der Energieversorgung aus dem Ausland unabhängiges Österreich ist ein faszinierender Gedanke. Wir sind in der Forschung schon recht weit, etwa bei biogenen Rohstoffen für Wärmeerzeugung, bei Elektroantrieb, Hybridantrieb, eben für alternative Mobilität. Das nützt dem Klima. Das schafft Green Jobs. Das ist ein weites Feld. Und wie gesagt: Ein energieautarkes Österreich ist ein faszinierender Gedanke.

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