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Dem Lido neuen alten Glanz gebracht

Es gab eine Zeit, da schrieb und realisierte Marco Müller selbst Dokumentationen für die italienische RAI. "Dorthin will ich nun wieder zurückkehren“, sagt der scheidende Direktor des ältesten Filmfestivals der Welt. Sieben Jahre lang hat Müller die Filmfestspiele von Venedig geleitet, programmiert, reformiert.

Der 58-jährige Italo-Schweizer gab der "Mostra del cinema“ ein neues Gesicht, oder besser: Er gab ihr ihr altes zurück. Denn bis 2004, als Müller hier am Lido seinen Dienst antrat, galt der Posten des Festivalchefs als Schleudersitz. Seine Vorgänger Alberto Barbera und Moritz de Hadeln (der zuvor jahrelang die Berlinale geleitet hatte) waren glücklos und nur kurz im Amt.

Doch Müller schaffte es durch seine exzellenten Kontakte in der Filmbranche, den Glamour an den Lido zurückzubringen, zumindest was die Anwesenheit von Filmstars betrifft. Müller, der studierte Filmhistoriker und Anthropologe, begann seine Karriere als Filmkritiker. Ende der 1980er-Jahre er leitete er das Filmfestival Rotterdam, von 1991 bis 2000 jenes im schweizerischen Locarno. Daraus sind intensive Seilschaften entstanden, zu Produzenten, Studios, Regisseuren.

Mainstream, Stars und Innovationen

Marco Müller hat seine Beziehungen genutzt und schnell verstanden, was das damals darbende Filmfest am Lido brauchte: Die richtige Mischung aus Mainstream-Blockbustern, Hollywood-Stars und großen Filmpremieren, gepaart mit der Innovationskraft des Kunstkinos. Allein in diesem Jahr, seinem letzten als Direktor, gab es einige höchst innovative Filme zu sehen, darunter "Alpis“ des Griechen Yorgos Lanthimos oder "Faust“, der Gewinner des Goldenen Löwen.

Der Spagat aus Mainstream und Filmkunst brachte Müller nicht nur Lob, aber nun rollen ihm die Verantwortlichen den roten Teppich aus. Bereits 2007 war sein Vertrag mit großer Freude verlängert worden, und auch diesmal bat man Müller, zu bleiben. Doch jetzt will der stets in einer Art Priesterlook gekleidete vornehme Herr nicht mehr weitermachen: "Es wäre natürlich eine Ehre, im Amt bestätigt werden. Ich will aber aufhören und wieder zu meiner Arbeit zurückkehren“, sagte Müller.

So sehr Müller die Mostra inhaltlich gegen die Konkurrenz in Cannes, Berlin und - seit einigen Jahren - in Rom stärken konnte, so sehr machtlos war er gegen die wirren Umbaupläne am Lido, die bis zum Ende seiner Amtszeit vorsahen, einen 100 Millionen Euro teuren Glas-Stahl-Komplex in den Sand zu setzen. Das ist, zynisch gesagt, gelungen: Der Neubau des "Palazzo del Cinema“ (das nach wie vor in Verwendung befindliche Original wurde von Mussolini errichtet) ist nach drei Jahren "Bauzeit“ nämlich endgültig vom Tisch; 37 Millionen Euro wurden bereits ausgegeben, ohne dass ein einziger Stein errichtet wurde. In der Baugrube hat man Asbest gefunden, seit zwei Jahren liegt das Mega-Loch am Lido brach, nur notdürftig mit Planen abgedeckt. Heuer gestand die Leitung, anstelle eines Neubaus lieber doch die alten Gebäude zu renovieren, weil man sich "auf die eigenen Wurzeln besinnen“ wolle.

Irgendwie typisch italienisch, möchte man ätzen. Und vielleicht der wahre Grund, weshalb Müller nicht mehr verlängern will. Gerüchte sprachen davon, er werde 2012 die Leitung der Konkurrenz in Rom übernehmen, doch Müller dementiert: "Ich werde weiter weg als nach Rom ziehen.“

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