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Feuilleton

Dem Mörder kein Gesicht geben

1945 1960 1980 2000 2020
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Seit dem 22. Juli 2011, an dem der Rechtsextreme Anders Breivik auf der Insel Utøya 69 vorwiegend junge Menschen kaltblütig erschoss, steht die Insel für das dunkelste Kapitel der norwegischen Geschichte. Der Massenmörder ging brutal, rücksichtslos und berechnend vor, bis heute schafft er es aus dem Gefängnis heraus immer wieder in die Schlagzeilen.

Gleich zwei Filme widmen sich dieses Jahr dem Massaker, von denen einer kürzlich beim Filmfestival von Venedig lief. Diese Version von Regisseur Paul Greengrass handelt den Anschlag selbst eher rasch ab und konzentriert sich mehr auf den Breivik-Prozess, während der bei der Berlinale gezeigte norwegische Film "Utøya, 22. Juli" von Erik Poppe sich voll auf das Attentat konzentriert und auch genau so lange dauert.

72 Minuten in Echtzeit, gänzlich ohne einen einzigen Schnitt zeichnet der Film das Grauen nach, das die Opfer während des Anschlags durchgemacht haben; die Ungewissheit, mit der sie vor den diffusen Schüssen in den Wald der Ferieninsel flüchten, die Todesangst in ihren Augen, die Schrecken, wenn sie überall Leichen entdecken, viele davon gute Freunde oder Geschwister.

Erik Poppe musste sich für sein meisterlich und in großer Dich-

te zum Geschehen inszeniertes Stück viel Kritik gefallen lassen; er betreibe Voyeurismus, war da zu lesen, doch in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: "Utøya, 22. Juli" verharrt beständig in der Opferperspektive, aus einem Blickwinkel von vorwiegend einer Person, einer jungen Frau, die nicht weiß, was um sie herum passiert, und die um ihr Leben rennt und um das ihrer Schwester bangt.

Der einzig mögliche Weg

Poppe bleibt die ganze Zeit über mit seiner Kamera an diesem Mädchen dran, und der Verbrecher Breivik kommt fast gar nicht vor, nur einmal ist er schemenhaft im Hintergrund auszumachen. Poppe gibt dem Mörder kein Gesicht. Voyeurismus wäre gewesen, die Hetzjagd aus Breiviks Sicht zu zeigen, aber Poppe wählt den einzig möglichen Weg, ein solches Massaker zu inszenieren: Es gibt hier keinen Platz für Kompromisse und Perspektiven, für Schnitte und Ausschmückungen, sondern nur die Chronik eines Anschlags aus der Sicht der Opfer. Das ist gewagtes Kino, weil es einem den Atem raubt und man sich mitten im Kugelhagel wiederfindet.

"Utøya, 22 Juli" ist eine Hommage an die Opfer Breiviks, keine Bühne für den Massenmörder; und ganz nebenbei ist er famos gespielt und, unter anderem mit Andrea Berntzen, famos besetzt. Der Film ist kein Rührstück und kein manipulativer Akt von Voyeurismus, sondern er ist Kino in seiner reinsten Form.

Seit dem 22. Juli 2011, an dem der Rechtsextreme Anders Breivik auf der Insel Utøya 69 vorwiegend junge Menschen kaltblütig erschoss, steht die Insel für das dunkelste Kapitel der norwegischen Geschichte. Der Massenmörder ging brutal, rücksichtslos und berechnend vor, bis heute schafft er es aus dem Gefängnis heraus immer wieder in die Schlagzeilen.

Gleich zwei Filme widmen sich dieses Jahr dem Massaker, von denen einer kürzlich beim Filmfestival von Venedig lief. Diese Version von Regisseur Paul Greengrass handelt den Anschlag selbst eher rasch ab und konzentriert sich mehr auf den Breivik-Prozess, während der bei der Berlinale gezeigte norwegische Film "Utøya, 22. Juli" von Erik Poppe sich voll auf das Attentat konzentriert und auch genau so lange dauert.

72 Minuten in Echtzeit, gänzlich ohne einen einzigen Schnitt zeichnet der Film das Grauen nach, das die Opfer während des Anschlags durchgemacht haben; die Ungewissheit, mit der sie vor den diffusen Schüssen in den Wald der Ferieninsel flüchten, die Todesangst in ihren Augen, die Schrecken, wenn sie überall Leichen entdecken, viele davon gute Freunde oder Geschwister.

Erik Poppe musste sich für sein meisterlich und in großer Dich-

te zum Geschehen inszeniertes Stück viel Kritik gefallen lassen; er betreibe Voyeurismus, war da zu lesen, doch in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: "Utøya, 22. Juli" verharrt beständig in der Opferperspektive, aus einem Blickwinkel von vorwiegend einer Person, einer jungen Frau, die nicht weiß, was um sie herum passiert, und die um ihr Leben rennt und um das ihrer Schwester bangt.

Der einzig mögliche Weg

Poppe bleibt die ganze Zeit über mit seiner Kamera an diesem Mädchen dran, und der Verbrecher Breivik kommt fast gar nicht vor, nur einmal ist er schemenhaft im Hintergrund auszumachen. Poppe gibt dem Mörder kein Gesicht. Voyeurismus wäre gewesen, die Hetzjagd aus Breiviks Sicht zu zeigen, aber Poppe wählt den einzig möglichen Weg, ein solches Massaker zu inszenieren: Es gibt hier keinen Platz für Kompromisse und Perspektiven, für Schnitte und Ausschmückungen, sondern nur die Chronik eines Anschlags aus der Sicht der Opfer. Das ist gewagtes Kino, weil es einem den Atem raubt und man sich mitten im Kugelhagel wiederfindet.

"Utøya, 22 Juli" ist eine Hommage an die Opfer Breiviks, keine Bühne für den Massenmörder; und ganz nebenbei ist er famos gespielt und, unter anderem mit Andrea Berntzen, famos besetzt. Der Film ist kein Rührstück und kein manipulativer Akt von Voyeurismus, sondern er ist Kino in seiner reinsten Form.