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Demnächst Selbstversorger

In diesen Zeiten wirtschaftlicher Probleme sind Umweltanliegen ins Hintertreffen geraten. Kurzfristig rechnen sich viele einfach nicht. Das folgende Dossier will an einigen Beispielen zeigen, wie vielfältig und langfristig auch wirtschaftlich sinnvoll Umwelt-Initiativen sein können.Redaktionelle Gestaltung: Christof Gaspari Begonnen hat alles 1985 am Stammtisch in Mureck mit einem damals utopischen Projekt der Biodiesel-Erzeugung. Heute versorgt sich Mureck weitgehend selbst mit Wärme und demnächst auch mit Strom. Nun folgt der ganze Bezirk Radkersburg dem Beispiel.

Als es 1991 kaum jemand für möglich hielt, dass Kraftfahrzeuge anders als mit fossilen Treibstoffen betrieben werden können, errichtete Mureck eine der ersten Biodiesel-Anlagen Österreichs - was damals durchaus auch als skurril angesehen wurde.

Doch der eingeschlagene Weg wurde konsequent fortgesetzt und fand nach mehreren Biodiesel-Neuerungen mit der Verwertung von Biomasse seine Fortsetzung: 1998 errichtete die südsteirische Grenzstadt eine Hackschnitzelanlage mit einer Leistung von vier Megawatt, um die 1.700 Einwohner mit Nahwärme aus Holz versorgen zu können.

Bereit, mehr zu zahlen

Dem Start war eine Information der Bevölkerung vorausgegangen, in der die Vorteile (umweltfreundlich, krisensicher, nachhaltig, Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen) dem großen Nachteil, nämlich um 25 Prozent höhere Kosten im Vergleich zu einer Ölheizung, gegenübergestellt wurden. "Trotzdem haben sich die Hälfte der Murecker für einen Nahwärme-Anschluss entschieden", freut sich Karl Totter, Bioenergie-Pionier der ersten Stunde.

Und jetzt, gut fünf Jahre später, werden bereits 75 Prozent des Murecker Wärmebedarfes über Biomasse gedeckt - nicht zuletzt auch dank des gestiegenen Heizölpreises. Ein Viertel des Hackgutes liefern 25 Bauern der Region und drei Viertel des Bedarfes kommen von Säge- und Parkettwerken.

Als nächstes wird die Stromversorgung in Angriff genommen: Eine geplante Biogasanlage soll ab Herbst fast so viel Strom ins öffentliche Netz einspeisen wie in Mureck verbraucht wird. Dort kann dann das bei der Biodieselproduktion anfallende Glycerin ebenso für die Stromerzeugung verwendet werden wie Gülle, Grünschnitt und Maissilage.

Am Stammtisch geboren

Die Idee, sich auf die Suche nach Alternativen zum Erdöl zu machen, wurde bereits 1985 geboren - an einem Stammtisch. Damals unterhielten sich drei Murecker Bauern über die Situation in der Landwirtschaft und kamen zum Ergebnis, dass "wir das Futter für unsere Zugtiere wieder selbst erzeugen müssen". Mit dem "Futter" war der Treibstoff für die landwirtschaftlichen Fahrzeuge gemeint. Totter war einer dieser drei. 1989 wurde unter seiner Leitung die "Südsteirische Energie- und Eiweißerzeugung" (SEEG) gegründet, die 1991 in Mureck eine der ersten Biodiesel-Anlagen Österreichs in Betrieb nahm - die Stammtisch-Idee war somit Wirklichkeit geworden.

1994 folgte dann eine Weltneuheit: In Mureck wurde erstmals Biodiesel aus Altspeiseöl hergestellt - und ein Problemstoff über Nacht zu einem gefragten Rohstoff. 2001 schlug die große Stunde für Totter, die SEEG und Mureck: Die Biodiesel-Innovation wurde mit dem "Energy Globe Award" in der Kategorie "Verkehr" ausgezeichnet und machte die Beteiligten zu den bisher einzigen österreichischen "Umwelt-Weltmeistern". In insgesamt fünf Kategorien hatte es damals 1.230 Einreichungen aus 83 Ländern gegeben.

Das regionale Element spielte für die SEEG immer eine große Rolle. Derzeit hat die Genossenschaft etwa 600 Mitglieder aus der nahen und mittleren Umgebung: Bauern liefern Raps und erhalten dafür Biodiesel und Rapskuchen, ein hochwertiges Futtermittel.

Gastwirte und Gemeinden lassen ihre Altspeisefette in regelmäßigen Abständen abholen und bekommen nach deren Verarbeitung dafür dieselbe Menge Biodiesel "zu einem billigeren Preis als Mineraldiesel" zurück.

In Mureck wird eine Politik der kleinen Schritte verfolgt: Schon vor Jahren wurde steiermarkweit ein flächendeckendes Sammelsystem für Altspeiseöle aufgezogen, das nun auch auf Slowenien ausgeweitet wurde. Zusätzliche Mengen an Altspeiseöl werden eine schrittweise Ausweitung der Biodieselproduktion ermöglichen.

Bei den Rahmenbedingungen für den Verkauf von Biodiesel spart Totter nicht mit Kritik: "Der Dieselpreis ist in Österreich so nieder, dass es schon fast an fahrlässige Krida grenzt, wenn ich als SEEG-Geschäftsführer hierzulande Biodiesel verkaufen will." Der Biodiesel muss nämlich - um konkurrenzfähig zu sein - zu einem billigeren Preis angeboten werden als der konventionelle Diesel.

Knapp 15 Jahre nach den Anfängen scheint nicht nur Mureck, sondern der ganze Bezirk Radkersburg von der Bioenergie-Idee beseelt worden zu sein: In so gut wie allen Gemeinden schießen Biogasanlagen und/oder Hackschnitzel-Wärmeanlagen empor, sei es Ratschendorf, St. Peter am Ottersbach, Straden oder Deutsch-Goritz. Und der Bezirk will nicht nur Vorreiter für erneuerbare Energien sein, sondern damit auch "einen hohen Grad an Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern zu erreichen", wie es der steirischen Landtagsabgeordnete und "Projektkoordinator" Anton Gangl formuliert. "Eine Abhängigkeit von einer Energiequelle bedeutet nämlich, diktierbar zu sein."

Möglichst unabhängig

Ziel sei es aber auch, Photovoltaik-Anlagen verstärkt einzusetzen und dem Energiesparen (z.B. bei der Wärmedämmung) mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Als besonderes Anliegen nennt Gangl eine verstärkte Kooperation zwischen Landwirtschaft und Wirtschaft, denn der Bereich erneuerbare Energien werde derzeit noch zu wenig als wichtiger Wirtschaftszweig erkannt. Beispiel: Die zehn geplanten oder bereits gebauten Biogasanlagen im Bezirk Radkersburg bringen den (meist regionalen) Wirtschaftsbetrieben Aufträge von rund zehn Millionen Euro, "noch bevor die Landwirtschaft anfängt, von den Anlagen zu profitieren". Ob Anlagenbaufirmen, Zimmerleute oder Maler - für viele soll sich die gelebte Nachhaltigkeit auch finanziell positiv bemerkbar machen.

Lokale Wertschöpfung

Natürlich kommt erst recht der Betrieb der Anlagen der Bevölkerung zugute: Allein in Mureck kann laut Totter die Biodieselanlage 2,5 Millionen Euro und die Nahwärmeanlage eine halbe Million an Wertschöpfung in der Region halten, "die sonst mit dem arabischen Tankwagen abgeflossen wären". Beide Anlagen, die unweit voneinander entfernt liegen, beschäftigen insgesamt 15 Personen, die Altspeiseölsammlung weitere fünf Personen. Dazu kommen indirekt erhaltene und geschaffene Arbeitsplätze (mit Hackschnitzeln und Rapsanbau), die aber schwer zu quantifizieren sind. Und im Herbst kommt noch die Biogasanlage hinzu.

Viel hat sich also in den vergangenen 20 Jahren getan, den Stammtisch in Mureck gibt es immer noch. Hier kommen nach wie vor die Einheimischen am Sonntag zusammen, um bei dem einen oder anderen Bier zu diskutieren, Gedanken auszutauschen und dann und wann auch zu streiten.

Der Autor ist freier Journalist.

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