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Den Menschen ins Zentrum

Die Veränderungen in Europa wurden wesentlich durch das Wirken Johannes Paul II. beeinflusst. Im Folgenden einige wegweisende Aussagen des Papstes während seiner Österreich-Aufenthalte.

Was dem europäischen Kontinent zur Einheit in der Vielfalt verholfen hat, war vor allem die Verbreitung des einen christlichen Glaubens" (1983); "Österreich im Herzen Europas hat Brückenfunktion. Ich wünsche Ihnen allen viel Mut zum Brückenbauen" (1998): Papst Johannes Paul II. hat wesentlich dazu beigetragen, dass Europa sich in einem entscheidenden Wandlungsprozess befindet. Viele seiner Botschaften an die Menschen in Österreich haben nicht an Aktualität verloren. Eine Einladung zur Reflexion.

Schuld und Mitschuld der Christen

Niemand kann sich der Tatsache verschließen - und wer wäre nicht davon zutiefst betroffen -, dass die gemeinsame Geschichte Europas nicht nur leuchtende, sondern auch dunkle, schreckliche Züge trägt, die mit dem Geist der Menschlichkeit und der Frohen Botschaft Jesu Christi unvereinbar sind. Immer wieder haben Staaten und Parteien hasserfüllt und grausam gegeneinander Krieg geführt. Immer wieder wurde Menschen ihre Heimat genommen; sie wurden vertrieben oder sahen sich angesichts von Not, Diskriminierung und Verfolgung zur Flucht veranlasst. Millionen von Menschen wurden aufgrund ihrer Rasse, ihre Nation, ihrer Überzeugung oder einfach, weil sie anderen im Weg waren, ermordet. Es ist bedrückend, dass zu jenen, die ihre Mitmenschen bedrängten und verfolgten, auch gläubige Christen gehörten. Wenn wir uns zu Recht unseres Herrn Jesus Christus und seiner Botschaft rühmen dürfen, so müssen wir andererseits bekennen und dafür um Vergebung bitten, dass wir Christen Schuld auf uns geladen haben - in Gedanken, Worten und Werken und tatenloses Gewährenlassen des Unrechts.

Doch nicht nur im staatlichen und politischen Leben ist Europas Geschichte von Zwietracht gezeichnet. Auch durch die eine Kirche Jesu Christi haben Glaubensspaltungen Grenzen und Gräben gezogen. Im Verein mit politischen Interessen und sozialen Problemen kam es zu erbitterten Kämpfen, zu Unterdrückung und Vertreibung Andersgläubiger und zu Gewissenszwang. Als Erben unserer Väter tragen wir auch dieses schuldbeladene Europa unter das Kreuz. Denn in ihm ist Hoffnung.

Interreligiöser und ökumenischer Dialog

Zum besonderen Vermächtnis des entscheidungsvollen Ereignisses von 1683 (2. Türkenbelagerung; Anm.) an die christlichen Kirchen gehört vor allem das Anliegen des religiösen Friedens - der Friede zwischen den Erben Abrahams und die Einheit unter den Brüdern Jesu Christi. Die Jünger Mohammeds, die damals als Feinde vor den Toren eurer Hauptstadt lagerten, sie leben jetzt mitten unter euch und sind uns in ihrer gläubigen Verehrung des einen Gottes nicht selten Vorbild. Die jüdische Gemeinschaft, einst so fruchtbar mit den Völkern Europas verflochten und jetzt so tragisch dezimiert, mahnt uns gerade dadurch, jede Chance zu nützen, einander menschlich und geistig näher zukommen und miteinander vor Gott zu treten und von ihm her den Menschen zu dienen. Die Spaltungen unter den Christen, 1683 bis in die Politik hinein so verhängnisvoll wirksam, sind heute Anlass und Aufforderung zu bewusster Gemeinschaft und Begegnung, Gebet und Diakonie.

10. 9. 1983, Europavesper auf dem Heldenplatz

Europa braucht einen Erneuerungsprozess

Österreich weiß um seine Chance und seine Aufgabe, im Herzen Europas Brücke zu sein, und unternimmt dafür beispielhafte Anstrengungen im Bereich der Politik und der Kultur. Man darf sich niemals damit abfinden, dass Staaten oder Völker, besonders wenn sie benachbart sind, sich gleichsam fremd und beziehungslos gegenüberstehen. Unser ganzer europäischer Kontinent bedarf eines schöpferischen Erneuerungsprozesses für ein einiges Europa. Die Kirche kann für dieses Werk der Vermittlung und der Verständigung einen wichtigen Beitrag leisten. Der christliche Glaube ist in allen Ländern Europas eine prägende grenzüberschreitende Kraft.

23. 6. 1988, Ansprache an die Politiker in der Hofburg

Europa und der Holocaust

An diesem Ort, hier in Mauthausen, waren Menschen, die im Namen einer irrsinnigen Ideologie ein ganzes System der Verachtung und des Hasses gegen andere Menschen in Bewegung gesetzt haben. Sie unterzogen sie Folterungen, zerbrachen ihnen die Gebeine, misshandelten grausam ihre Körper und Seelen: Sie verfolgten ihre Opfer in ihrer Grausamkeit [...] Hier setzte man auf den Tod, auf die Vernichtung eines jeden, den man für einen Gegner hielt. Und nicht nur das [...], auch weil er nur "verschieden" war. Und vielleicht nur, weil er ein "Mensch" war?

Wie muss Europa weiterleben?

Aus dieser Erfahrung, einer der schrecklichsten seiner Geschichte, ist Europa besiegt hervorgegangen, [...] besiegt in dem, was sein Erbe, seine Sendung zu sein schien [...] Die Last des Zweifels hat sich schwer auf die Geschichte der Menschen, der Nationen, der Kontinente gelegt. Sind die Fragen des Gewissens stark genug - die Gewissensbisse, die uns geblieben sind?

Ihr Menschen, die ihre furchtbare Qualen erfahren habt, [...] welches ist euer letztes Wort? Euer Wort nach so vielen Jahren, die unsere Generation vom Leiden im Lager Mauthausen und in vielen anderen trennen?

Mensch von gestern - und von heute, wenn das System der Vernichtungslager auch heute noch irgendwo in der Welt fortdauert, sage uns, was kann unser Jahrhundert an die nachfolgenden übermitteln?

Sage uns, haben wir nicht mit allzu großer Eile deine Hölle vergessen? Löschen wir nicht in unserem Gedächtnis und Bewusstsein die Spuren der alten Verbrechen aus? Sage uns, in welcher Richtung sollten sich Europa und die Menschheit "nach Auschwitz", [...] "nach Mauthausen" entwickeln? Stimmt die Richtung, in die wir uns von den furchtbaren Erfahrungen von damals entfernen?

Sage uns, wie sollte der Mensch sein und wie die Generation der Menschen, die hier auf den Spuren der großen Niederlagen der Menschheit leben? Wie müsste der Mensch sein? Wieviel müsste er von sich selbst fordern? Sage uns, wie müssten die Nationen und die Gesellschaften sein? Wie müsste Europa fortfahren zu leben? Rede, denn du hast das Recht dazu - du, der Mensch, der gelitten und das Leben verloren hat [...] Und wir müssen dein Zeugnis anhören.

24. 6 1988, Meditation im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen

Europäisierung statt Osterweiterung

In der Geographie Europas ist Österreich nach vielen Jahrzehnten vom Grenzland zum Brückenland geworden. [...]

Ich hoffe, dass Schritte gelingen, um den Westen und den Osten dieses Kontinents einander näher zu bringen, jene beiden Lungen, ohne die Europa nicht atmen kann.

Die Verschiedenheit der östlichen und westlichen Traditionen wird die Kultur Europas bereichern sowie durch deren Bewahrung und gegenseitige Ausleuchtung als Grundlage für die ersehnte geistige Erneuerung dienen. Deshalb sollte vielleicht weniger von einer "Osterweiterung" als vielmehr von einer "Europäisierung" des gesamten Kontinent die Rede sein.

Am Anfang meines Pontifikats habe ich auf dem Petersplatz in Rom versammelten Gläubigen zugerufen: "Öffnet die Tore für Christus!" (22. 10. 1978) Heute spreche ich in dieser geschichtlich, kulturell und religiös so bedeutenden Stadt die Einladung an den alten Kontinent noch einmal aus: "Europa, öffne die Tore für Christus!"

Nicht Kühnheit oder Träumerei bewegen mich dazu, sondern Hoffnung und Realismus. Denn europäische Kultur und Kunst, Geschichte und Gegenwart waren und sind noch so sehr vom Christentum geformt, dass es ein völlig entchristlichtes oder gar atheistisches Europa nicht gibt.

Aussöhnung mit den Juden

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass europäische Geschichte eng mit der Geschichte jenes Volkes verflochten ist, aus dem Jesus Christus hervorgegangen war. In Europa wurde dem jüdischen Volk unaussprechliches Leid zugefügt. Wir können nicht unbedingt davon ausgehen, dass alle Wurzeln dieses Unrechts unwiederbringlich ausgerissen sind. Aussöhnung mit den Juden gehört also zu den Grundpflichten gerade für die Christen und Europa.

Keine westeuropäische Wohlstandsinsel

Noch eine weitere große Aufgabe stellt sich den Baumeistern Europas: aus einer westeuropäischen Wohlstandsinsel eine gesamteuropäische Zone der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens zu schaffen. Materielle Opfer werden für die wohlhabenderen Länder unvermeidlich sein, um das unmenschliche Wohlstandsgefälle innerhalb Europas allmählich abzuflachen. Daneben ist geistige Hilfe nötig, um den weiteren Aufbau demokratischer Strukturen und deren Festigung voranzutreiben und eine Kultur der Politik im Sinne rechtsstaatlicher Verhältnisse fördern. In diesem Bemühen bietet die Kirche als Orientierung ihre Soziallehre an, in der die Sorge und Verantwortung für den ihr von Christus anvertrauten Menschen im Mittepunkt steht: "Es handelt sich nicht um einen abstrakten' Menschen, sondern um den realen, konkreten' und geschichtlichen' Menschen", den die Kirche nicht verlassen darf (Centesimus annus, Nr. 53)."

Recht auf Arbeit

Bedingt durch den wirtschaftlichen Wettbewerb, wird trotz positiver Bilanzen der Arbeitsmarkt nicht belebt. Deshalb erachte ich es als meine Pflicht, die Stimme für die Schwächeren zu erheben: Subjekt der Arbeit ist der Mensch als Person! Auch in der modernen Arbeitswelt soll Platz sein für Schwache und weniger Begabte, für Alte und Behinderte und für die vielen jungen Menschen, denen eine entsprechende Ausbildung vorenthalten wird. Selbst das Zeitalter hochentwickelter Techniken darf den Menschen nicht vergessen! Bei der Bewertung seiner Arbeit müssten neben dem objektiven Ergebnis auch Bemühen und Einsatz, Treue und Zuverlässigkeit ins Gewicht fallen.

20. 6. 1998, Ansprache bei der Begegnung mit staatlichen Autoritäten und dem Diplomatischen Corps in der Wiener Hofburg

Einladung zur Europa-Friedensvesper

Alle sind herzlich eingeladen, am 10. Juni 2003 um 18.00 im Stephansdom an der Auftaktveranstaltung des Mitteleuropäischen Katholikentages teilzunehmen.

* Meditation von Kardinal König

* Homilie von Kardinal Schönborn

* Päpstliche Botschaft

* Prozession der Ikone von Maria Pócs

* Videobotschaften aus den

Teilnehmerländern

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