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Feuilleton

Den Text allein gibt es nichT

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 40. mal fanden in Klagenfurt die "Tage der deutschsprachigen Literatur" statt: Gelegenheit zu sehen, wie Literaturkritik funktioniert.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 40. mal fanden in Klagenfurt die "Tage der deutschsprachigen Literatur" statt: Gelegenheit zu sehen, wie Literaturkritik funktioniert.

Den Text allein gibt es nicht. Wie recht Roland Barthes doch hatte. Da ist ziemlich viel Welt drum rum, um so einen literarischen Text, und viele andere Texte und viele Ichs, die ihn lesen. Literaturkritiker bewerten Texte daher nicht nur nach ästhetischen, also formalen, strukturellen oder sprachlichen Merkmalen. Sie greifen für die Maßstäbe, die sie an Texte anlegen, auch in andere Töpfe als den der Poetik. Fragen der "Emanzipation" oder der "Moral" etwa, die oft wichtige Rollen spielen, lassen sich aus Texten alleine gar nicht erschließen, speisen sich aus philosophischen, religiösen, politischen Quellen. Für Bewertungen wie "innovativ" oder "originell" braucht es Relationen, das heißt Vergleichspunkte. Innovativ kann etwas ja nur sein in Bezug auf etwas anderes. Und dann gibt es noch die nicht unwichtige Frage der Wirkung, und damit sind nicht nur die meist wenig begründeten Bewertungen "langweilig" oder "vergnüglich" gemeint.

Kein Wettlesen

So kompliziert ist das mit der Wertung literarischer Texte. Zudem macht nicht bei jedem Text jeder Maßstab Sinn, und unterschiedliche Juroren wenden womöglich unterschiedliche Maßstäbe an. So weit, so spannend. Bei der allmählichen Verfertigung der Urteile über Literatur zuzusehen, dazu laden Jahr für Jahr die "Tage der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt ein. Wie die Juroren dort über Texte diskutieren, das kann man entweder vor Ort im ORF-Studio sehen, oder live in 3Sat bzw. zeitunabhängig im Internet. Diese Sendung, immer wieder von Abschaffungsgerüchten umwölkt, kommt dem Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach wie kaum eine andere. Denn wo wird denn derart über Kriterien der Kunst diskutiert? Umso ärgerlicher, dass ORF und 3Sat den Bewerb neuerdings ständig "Wettlesen" nennen, als ginge es hier darum, als erster durchs Ziel zu kommen oder am höchsten oder weitesten zu springen. Um quantitativ messbare Leistungen also, die bei diesem Bewerb glücklicherweise (noch) keine Rolle spielen, es sei denn, man würde dort bald auch (wie in der Schule) Wörter zählen.

Den Text allein gibt es nicht. Aber Literatur ist zunächst einmal Text (ob geschrieben oder gesprochen, sei dahingestellt). In den vergangenen Jahren hatte man oft den Eindruck, die Juroren diskutierten über alles mögliche (unter anderem über ihre eigene Fantasie), aber kaum über den Text. Das war heuer (über weite Strecken) erfreulich anders. Es begann mit der kritischen Auseinandersetzung über die gehypte österreichische Autorin Stefanie Sargnagel. Da sprachen manche Juroren auch über die Machart des Textes - er hält keine zweite Lektüre aus, so Meike Feßmann -, und danach war der Mythos Sargnagel entzaubert, jedenfalls vor Ort in Klagenfurt, innerhalb der "Tage der deutschsprachigen Literatur". Auch nachdem Julia Wolf am Freitag ihren Text gelesen hatte, gab man sich meist textnah. Sandra Kegel sprach von "sprachlicher Finesse", Stefan Gmünder zeigte sich beeindruckt, wie der Text mit der Zeit umgehe, Juri Steiner wunderte sich, dass eine junge Autorin sich in einen 70-Jährigen versetzen könne. Klaus Kastberger meinte spöttisch, die Jury wäre damit auf sicheres Terrain zurückgekehrt, und bezeichnete den Text als "wohltuend altmodisch" und nicht risikoreich, aber als "gute Literatur".

Am Samstag dann der Auftritt der britischen, in Berlin lebenden Autorin Sharon Dodua Otoo. Die anschließende Diskussion schien sich auch dem Text zuzuwenden. Winkels nahm den Wechsel der Geschwindigkeiten wahr, Kastberger freute sich über den coolen Text und das schönste O des Wettbewerbs. Hildegard Keller fand sich an Loriot erinnert und Feßmann kritisierte das Eindeutigmachen am Ende. Kastberger hörte im Hintergrund Thomas Bernhard dröhnen - wegen der Tisch-Szene allerdings, nicht wegen der Sprache, letztere wurde nicht erwähnt. Sätze wie diesen las wohl keiner: "Die Stille in der Küche war inzwischen messerscharf". Oje. Meinte Kegel das mit ihrem Lob "unangestrengt erzählt"? Steigt die Lust auf schlichte (um nicht zu sagen schlechte) Sätze proportional mit der Wut auf die Schreibinstitute, die allzu perfekte Texte hervorbringen wollen? Denn dieser Vorwurf schleicht sich immer wieder in die Diskussionen. Zu perfekt soll's also auch nicht sein.

Originelle Ei-Sicht?

Den Text allein gibt es nicht. Soviel ist klar. Was also wurde in diesem Fall bepreist? (Sharon Dodua Otoo erhielt den Bachmann-Preis.) Die Idee, aus Ei-Sicht zu schreiben? Ist sie wirklich so originell, selbst wenn die Aussprache für das englische I (Ich) und eye (Auge) ein Ei ergibt? Kegel jedenfalls staunte darüber, dass hier "eine britische Autorin" kommt und "uns diese vergessene Geschichte" von Herrn Gröttrup erzählt. Wie verwoben ist die Entscheidung mit gesellschaftlichen, mit politischen Fragen? Denn immerhin setzte man damit ein deutliches Zeichen. Aber warum war dann Tomer Gardis Text so rasch vom Tisch? Der israelische Autor hatte am Freitag einen Text über Fremde und brüchige Identitäten vorgetragen, in "falschem Deutsch". Kastberger habe mit dieser Auswahl, so Keller, eine "Tellermine" in die Runde geworfen. Feßmann stellte richtig fest: "Unsere Kategorien funktionieren nicht mehr". Ja, wunderbar! Das wäre doch eine anregende Diskussion wert! Hier war das Risiko, von dem die Jury oft sprach. Hier waren Sätze, die - wie auch immer man sich dann dazu stellen mag - nachhaltiger wirkten als viele andere in Klagenfurt gehörte.

Den Text allein gibt es nicht. Ohne geht's aber auch nicht. Einen komplexen Text nur einmal flüchtig zu lesen (Winkels über sein Verfahren mit Gardis Text), wird nicht weiterhelfen. Schon gar nicht, wenn es kracht im Gebälk der Kategorien.

Die Preisträgerinnen

Eine Veranstaltung, vier Preise

Sieben Autorinnen und Autoren wurden von der Jury am Sonntag Morgen in einem nichtöffentlichen Verfahren auf die Shortlist gesetzt. Die Preisermittlung (wie jedes Jahr eine Abstimmung ohne weitere Diskussion) fand vor Publikum im ORF-Studio Klagenfurt statt, live übertragen von 3Sat. Ein geänderter Wahlmodus sorgte dafür, dass die Juroren jeweils im ersten Wahldurchgang nie ihren eigenen Kandidaten wählen durften. Die in Berlin lebende britische Autorin Sharon Dodua Otoo erhielt für ihren Text "Herr Gröttrup setzte sich hin" den diesjährigen Bachmannpreis, mit 25.000 Euro dotiert. Der Kelag-Preis, 10.000 Euro, ging an den Schweizer Dieter Zwicky, für seine Prosa "Los Alamos ist winzig". Julia Wolf wurde für ihren Text "Walter Nowak bleibt liegen" mit dem mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis ausgezeichnet. Den Publikumspreis erhält traditionellerweise jene Autorin, jener Autor, die oder der online besonders gut vernetzt ist und die Fans entsprechend aktivieren kann. So war es nicht weiter überraschend, dass Stefanie Sargnagel mit diesem Preis (7000 Euro) nach Hause ging. (bsh)

Den Text allein gibt es nicht. Wie recht Roland Barthes doch hatte. Da ist ziemlich viel Welt drum rum, um so einen literarischen Text, und viele andere Texte und viele Ichs, die ihn lesen. Literaturkritiker bewerten Texte daher nicht nur nach ästhetischen, also formalen, strukturellen oder sprachlichen Merkmalen. Sie greifen für die Maßstäbe, die sie an Texte anlegen, auch in andere Töpfe als den der Poetik. Fragen der "Emanzipation" oder der "Moral" etwa, die oft wichtige Rollen spielen, lassen sich aus Texten alleine gar nicht erschließen, speisen sich aus philosophischen, religiösen, politischen Quellen. Für Bewertungen wie "innovativ" oder "originell" braucht es Relationen, das heißt Vergleichspunkte. Innovativ kann etwas ja nur sein in Bezug auf etwas anderes. Und dann gibt es noch die nicht unwichtige Frage der Wirkung, und damit sind nicht nur die meist wenig begründeten Bewertungen "langweilig" oder "vergnüglich" gemeint.

Kein Wettlesen

So kompliziert ist das mit der Wertung literarischer Texte. Zudem macht nicht bei jedem Text jeder Maßstab Sinn, und unterschiedliche Juroren wenden womöglich unterschiedliche Maßstäbe an. So weit, so spannend. Bei der allmählichen Verfertigung der Urteile über Literatur zuzusehen, dazu laden Jahr für Jahr die "Tage der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt ein. Wie die Juroren dort über Texte diskutieren, das kann man entweder vor Ort im ORF-Studio sehen, oder live in 3Sat bzw. zeitunabhängig im Internet. Diese Sendung, immer wieder von Abschaffungsgerüchten umwölkt, kommt dem Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach wie kaum eine andere. Denn wo wird denn derart über Kriterien der Kunst diskutiert? Umso ärgerlicher, dass ORF und 3Sat den Bewerb neuerdings ständig "Wettlesen" nennen, als ginge es hier darum, als erster durchs Ziel zu kommen oder am höchsten oder weitesten zu springen. Um quantitativ messbare Leistungen also, die bei diesem Bewerb glücklicherweise (noch) keine Rolle spielen, es sei denn, man würde dort bald auch (wie in der Schule) Wörter zählen.

Den Text allein gibt es nicht. Aber Literatur ist zunächst einmal Text (ob geschrieben oder gesprochen, sei dahingestellt). In den vergangenen Jahren hatte man oft den Eindruck, die Juroren diskutierten über alles mögliche (unter anderem über ihre eigene Fantasie), aber kaum über den Text. Das war heuer (über weite Strecken) erfreulich anders. Es begann mit der kritischen Auseinandersetzung über die gehypte österreichische Autorin Stefanie Sargnagel. Da sprachen manche Juroren auch über die Machart des Textes - er hält keine zweite Lektüre aus, so Meike Feßmann -, und danach war der Mythos Sargnagel entzaubert, jedenfalls vor Ort in Klagenfurt, innerhalb der "Tage der deutschsprachigen Literatur". Auch nachdem Julia Wolf am Freitag ihren Text gelesen hatte, gab man sich meist textnah. Sandra Kegel sprach von "sprachlicher Finesse", Stefan Gmünder zeigte sich beeindruckt, wie der Text mit der Zeit umgehe, Juri Steiner wunderte sich, dass eine junge Autorin sich in einen 70-Jährigen versetzen könne. Klaus Kastberger meinte spöttisch, die Jury wäre damit auf sicheres Terrain zurückgekehrt, und bezeichnete den Text als "wohltuend altmodisch" und nicht risikoreich, aber als "gute Literatur".

Am Samstag dann der Auftritt der britischen, in Berlin lebenden Autorin Sharon Dodua Otoo. Die anschließende Diskussion schien sich auch dem Text zuzuwenden. Winkels nahm den Wechsel der Geschwindigkeiten wahr, Kastberger freute sich über den coolen Text und das schönste O des Wettbewerbs. Hildegard Keller fand sich an Loriot erinnert und Feßmann kritisierte das Eindeutigmachen am Ende. Kastberger hörte im Hintergrund Thomas Bernhard dröhnen - wegen der Tisch-Szene allerdings, nicht wegen der Sprache, letztere wurde nicht erwähnt. Sätze wie diesen las wohl keiner: "Die Stille in der Küche war inzwischen messerscharf". Oje. Meinte Kegel das mit ihrem Lob "unangestrengt erzählt"? Steigt die Lust auf schlichte (um nicht zu sagen schlechte) Sätze proportional mit der Wut auf die Schreibinstitute, die allzu perfekte Texte hervorbringen wollen? Denn dieser Vorwurf schleicht sich immer wieder in die Diskussionen. Zu perfekt soll's also auch nicht sein.

Originelle Ei-Sicht?

Den Text allein gibt es nicht. Soviel ist klar. Was also wurde in diesem Fall bepreist? (Sharon Dodua Otoo erhielt den Bachmann-Preis.) Die Idee, aus Ei-Sicht zu schreiben? Ist sie wirklich so originell, selbst wenn die Aussprache für das englische I (Ich) und eye (Auge) ein Ei ergibt? Kegel jedenfalls staunte darüber, dass hier "eine britische Autorin" kommt und "uns diese vergessene Geschichte" von Herrn Gröttrup erzählt. Wie verwoben ist die Entscheidung mit gesellschaftlichen, mit politischen Fragen? Denn immerhin setzte man damit ein deutliches Zeichen. Aber warum war dann Tomer Gardis Text so rasch vom Tisch? Der israelische Autor hatte am Freitag einen Text über Fremde und brüchige Identitäten vorgetragen, in "falschem Deutsch". Kastberger habe mit dieser Auswahl, so Keller, eine "Tellermine" in die Runde geworfen. Feßmann stellte richtig fest: "Unsere Kategorien funktionieren nicht mehr". Ja, wunderbar! Das wäre doch eine anregende Diskussion wert! Hier war das Risiko, von dem die Jury oft sprach. Hier waren Sätze, die - wie auch immer man sich dann dazu stellen mag - nachhaltiger wirkten als viele andere in Klagenfurt gehörte.

Den Text allein gibt es nicht. Ohne geht's aber auch nicht. Einen komplexen Text nur einmal flüchtig zu lesen (Winkels über sein Verfahren mit Gardis Text), wird nicht weiterhelfen. Schon gar nicht, wenn es kracht im Gebälk der Kategorien.

Die Preisträgerinnen

Eine Veranstaltung, vier Preise

Sieben Autorinnen und Autoren wurden von der Jury am Sonntag Morgen in einem nichtöffentlichen Verfahren auf die Shortlist gesetzt. Die Preisermittlung (wie jedes Jahr eine Abstimmung ohne weitere Diskussion) fand vor Publikum im ORF-Studio Klagenfurt statt, live übertragen von 3Sat. Ein geänderter Wahlmodus sorgte dafür, dass die Juroren jeweils im ersten Wahldurchgang nie ihren eigenen Kandidaten wählen durften. Die in Berlin lebende britische Autorin Sharon Dodua Otoo erhielt für ihren Text "Herr Gröttrup setzte sich hin" den diesjährigen Bachmannpreis, mit 25.000 Euro dotiert. Der Kelag-Preis, 10.000 Euro, ging an den Schweizer Dieter Zwicky, für seine Prosa "Los Alamos ist winzig". Julia Wolf wurde für ihren Text "Walter Nowak bleibt liegen" mit dem mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis ausgezeichnet. Den Publikumspreis erhält traditionellerweise jene Autorin, jener Autor, die oder der online besonders gut vernetzt ist und die Fans entsprechend aktivieren kann. So war es nicht weiter überraschend, dass Stefanie Sargnagel mit diesem Preis (7000 Euro) nach Hause ging. (bsh)