#Erinnern

Von Spuren getragen

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Feuilleton

"Denk ich an Deutschland"

1945 1960 1980 2000 2020

Die Patriotismus-Party ist vorbei, aber eine konservative Revolution findet statt.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Patriotismus-Party ist vorbei, aber eine konservative Revolution findet statt.

Der 9. November gilt in Deutschland als "Schicksalstag". Nicht nur wegen der Judenpogrome des Jahres 1938: Am 9. November 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann in Berlin die Republik aus. Auf den Tag genau fünf Jahre später, 1923, marschierten Nationalisten auf die Münchner Feldherrnhalle und wurden von der Polizei niedergeschossen - der so genannte Hitler-Putsch. Und 1989 war es wieder ein 9. November, als die ostdeutsche Regierung ihren Bürgern Reisefreiheit zugestand und damit das Ende der DDR einleitete.

Nach der Wende kam der 9. November daher als neuer Nationalfeiertag ins Gespräch. Doch vielen war dieses Datum, in dem sich wie in keinem anderen die Brüche und Widersprüche der deutschen Geschichte bündeln, zu negativ besetzt. Deshalb entschieden sich die Volksvertreter nach einiger Diskussion für den unverfänglichen 3. Oktober, an dem 1990 die Wiedervereinigung in Kraft trat. Seither begeht die politische Klasse Jahr für Jahr den 3. Oktober mit pflichtgemäßem Brimborium, und das Volk freut sich über einen arbeitsfreien Tag. Der 9. November hingegen bleibt dem Gedenken des Nationalsozialismus gewidmet.

Wehmütige WM-Erinnerung

Die Diskussion seinerzeit ist ebenso wie die Routine des Gedenkens symptomatisch für Deutschlands Geschichtskultur, für das gespaltene Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nationalgeschichte. Der kurze Sommer der Heimatliebe ist längst verweht, die WM mit ihrem schwarz-rot-goldenen Taumel nur noch wehmütige Erinnerung.

Wie früher bedarf es nur kleiner Anlässe, um vergangenheitspolitische Aufregungen zu erzeugen: Im Herbst zog die neonazistische NPD in den Mecklenburger Landtag ein. Günter Grass bekannte sich zu seiner SS-Mitgliedschaft. Eine hessische Gemeinde verordnete ihren Kindertagesstätten Deutsch als Pflichtsprache. Und der Philosoph Jürgen Busche insinuierte jüngst, angeregt durch eine Passage in Joachim Fests Autobiografie Ich nicht, Jürgen Habermas sei in seiner Jugend ein strammer Hitlerjunge gewesen. Jeder dieser Skandale und Skandälchen ließ die alten ideologischen Reflexe einrasten. Seither ist klar, dass es mit dem Patriotismus als allgemeine Dauer-Party so bald nichts werden wird. Der 3. Oktober wurde wie alle Jahre wieder professionell und pflichtgemäß abgefeiert, diesmal in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel, das nach den Gesetzen des Föderalismus mit der Ausrichtung des Festakts an der Reihe war. Bleibt in Deutschland also alles beim Alten?

Der 9. November gilt in Deutschland als "Schicksalstag". Nicht nur wegen der Judenpogrome des Jahres 1938: Am 9. November 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann in Berlin die Republik aus. Auf den Tag genau fünf Jahre später, 1923, marschierten Nationalisten auf die Münchner Feldherrnhalle und wurden von der Polizei niedergeschossen - der so genannte Hitler-Putsch. Und 1989 war es wieder ein 9. November, als die ostdeutsche Regierung ihren Bürgern Reisefreiheit zugestand und damit das Ende der DDR einleitete.

Nach der Wende kam der 9. November daher als neuer Nationalfeiertag ins Gespräch. Doch vielen war dieses Datum, in dem sich wie in keinem anderen die Brüche und Widersprüche der deutschen Geschichte bündeln, zu negativ besetzt. Deshalb entschieden sich die Volksvertreter nach einiger Diskussion für den unverfänglichen 3. Oktober, an dem 1990 die Wiedervereinigung in Kraft trat. Seither begeht die politische Klasse Jahr für Jahr den 3. Oktober mit pflichtgemäßem Brimborium, und das Volk freut sich über einen arbeitsfreien Tag. Der 9. November hingegen bleibt dem Gedenken des Nationalsozialismus gewidmet.

Wehmütige WM-Erinnerung

Die Diskussion seinerzeit ist ebenso wie die Routine des Gedenkens symptomatisch für Deutschlands Geschichtskultur, für das gespaltene Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nationalgeschichte. Der kurze Sommer der Heimatliebe ist längst verweht, die WM mit ihrem schwarz-rot-goldenen Taumel nur noch wehmütige Erinnerung.

Wie früher bedarf es nur kleiner Anlässe, um vergangenheitspolitische Aufregungen zu erzeugen: Im Herbst zog die neonazistische NPD in den Mecklenburger Landtag ein. Günter Grass bekannte sich zu seiner SS-Mitgliedschaft. Eine hessische Gemeinde verordnete ihren Kindertagesstätten Deutsch als Pflichtsprache. Und der Philosoph Jürgen Busche insinuierte jüngst, angeregt durch eine Passage in Joachim Fests Autobiografie Ich nicht, Jürgen Habermas sei in seiner Jugend ein strammer Hitlerjunge gewesen. Jeder dieser Skandale und Skandälchen ließ die alten ideologischen Reflexe einrasten. Seither ist klar, dass es mit dem Patriotismus als allgemeine Dauer-Party so bald nichts werden wird. Der 3. Oktober wurde wie alle Jahre wieder professionell und pflichtgemäß abgefeiert, diesmal in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel, das nach den Gesetzen des Föderalismus mit der Ausrichtung des Festakts an der Reihe war. Bleibt in Deutschland also alles beim Alten?

In der Recodierung des nationalen Geschichtsgefühls sind sich die Jüngeren einig mit ihren Eltern, die ihrerseits zu jung waren, um für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich zu sein. Sie haben den Krieg als Opfer von Luftangriffen und Vertreibung erlebt.

Mitte August veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Allensbach eine Studie über das Nationalgefühl der Deutschen. Demnach "halten es 68 Prozent der Altersgruppe bis 30 Jahre für falsch, aus den düsteren Kapiteln der Vergangenheit die Forderung nach einer dauerhaften Unterdrückung patriotischer Gefühle abzuleiten". Mit anderen Worten: Für zwei Drittel der jüngeren Generation ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus kein Hindernis mehr, ihre Vaterlandsliebe offen zu zeigen.

Schamkultur

Der ritualisierte Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Öffentlichkeit, bei dem Schuldgefühle eine große Rolle spielen, kommt vielen jüngeren Deutschen heuchlerisch und zwanghaft vor. Der Merkur, die "deutsche Zeitschrift für europäisches Denken", widmete der "Physiognomie der Berliner Republik" kürzlich ein Sonderheft. Darin fordert der 1974 geborene Sozialwissenschaftler Stephan Schlak, die "Schuldkultur" mit ihrer Fixierung auf das Gewissen durch eine "Schamkultur" zu ersetzen, in der die Vergangenheit nur mehr durch symbolische Handlungen repräsentiert wird. Schlak verabschiedet mithin das Postulat der persönlichen Betroffenheit. An deren Stelle tritt ein distanziertes Verhältnis zur Vergangenheit.

Auch Zeit-Autor Christian Schüle arbeitete sich jüngst in seiner symptomatischen Jeremiade Deutschlandvermessung. Abrechnungen eines Mittdreißigers an der deutschen Erinnerungskultur ab, die er als "Kultur erstarrter Metaphern" denunziert. Die Stunde der Wahrheit war für Schüle die Friedenspreis-Rede Martin Walsers 1998 in der Frankfurter Paulskirche. Indem sich Walser über die "Instrumentalisierung" des Holocausts beschwerte, löste er einen "scheinbaren Eklat" aus. Dabei habe aus ihm nur die "Stimme der geächteten Vernunft" gesprochen, denn die "angestrengte Tabuisierung" mache eine wirkliche affektive Aneignung der Geschichte unmöglich.

Angestrengte Tabuisierung

Wenn Schüle seiner Generation ein "entseeltes Verhältnis zum Holocaust" diagnostiziert, trifft er durchaus den Kern der Sache. Seine Altersgruppe ist durch den Geschichtsunterricht und das öffentlich-rechtliche Fernsehen gut informiert über die Verbrechen des Nationalsozialismus und sie lässt an ihrer Ablehnung dieser Verbrechen keinen Zweifel. Andererseits steht ebenfalls außer Zweifel, dass sie als Nachgeborene persönlich keine Schuld an ihnen tragen, eine Einsicht, die sich in einem unbekümmerten Umgang mit der Geschichte niederschlägt. Da kann die Mitarbeiterin einer renommierten Hamburger Werbeagentur den Nationalsozialismus im Gespräch mit dem Spiegel schon mal unwidersprochen als "Markenschwäche" der sonst so erfolgreichen Marke Deutschland verharmlosen.

Die gut ausgebildeten Mittdreißiger in Deutschland haben ihre eigene Probleme. Diese haben vor allem mit dem Arbeitsmarkt und den Schwächeanfällen der Marke Deutschland zu tun. Da wollen sie sich mit Schuldgefühlen für die Verbrechen ihrer Großeltern nicht unnötig belasten. Dass zuviel masochistisches Wühlen in den Wunden der Nationalgeschichte die Konkurrenzfähigkeit der Volkswirtschaft beeinträchtigt, ist auch die Botschaft des Verlagserben Florian Langenscheidt. Er empfiehlt stattdessen, sich auf die positiven Seiten Deutschlands zu besinnen, und vertreibt zu diesem Zweck einen Hochglanzwälzer mit "250 Reasons to Love Our Country Today", von "The Actor" (Mario Adorf) über "The Detergent" (Persil) und "The Pope" (Benedict XVI). bis "The Yacht" (Lürssen, ein Hersteller von Hochseeyachten).

Römisches statt 3. Reich

Auf der Haben-Seite der historischen Bilanz wird auch das Heilige Römische Reich deutscher Nation verbucht, dessen man sich zweihundert Jahre nach seinem Untergang in großen Ausstellungen, Tagungen und Publikationen erinnert. Ein Rezensent erkannte in den Ausstellungen zu Magdeburg und Berlin das Bedürfnis, zu harmonisieren und die düsteren Jahre des Dritten Reiches in einer größeren Erfolgsgeschichte gleichsam auszulöschen. Das schrille Pamphlet Wir Deutschen. Warum die anderen uns gern haben können, das Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek im Frühjahr auf den Markt brachte, bringt dieses Bedürfnis auf den Punkt: "Sollen wir uns den Weg zu den Schätzen der deutschen Geschichte versperren lassen, nur weil ein österreichischer Psychopath seine Wahnsinnsfeldzüge ,Unternehmen Barbarossa' genannt hat?"

Das Ideal der klassenlosen Gesellschaft, dem nicht nur die DDR, sondern auch die alte Bundesrepublik gehuldigt hatte, wird nun ad acta gelegt. Das Leben bekommt dadurch wieder Ernst und eine neue Weihe.

In der Recodierung des nationalen Geschichtsgefühls sind sich die Jüngeren einig mit ihren Eltern, die ihrerseits zu jung waren, um für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich zu sein. Sie haben den Krieg als Opfer von Luftangriffen und Vertreibung erlebt. Bereits vor Jahren hat sich ihr Geschichtsbild im Boom der Erinnerungsbücher Bahn gebrochen. Es harmonisiert durchaus mit dem aufgeklärt distanzierten Verhältnis der Thirtysomethings zur Geschichte des Dritten Reiches.

Heimweh nach Tugenden

Weiters sind sich viele Nachgeborene einig, dass bei der Vergangenheitsbewältigung mitunter zuviel des Guten getan wurde. Da wurden Werte und Tugenden über Bord geworfen, die man heute wieder für bitter nötig hält. Der pensionierte Internatsleiter Bernhard Bueb sprach dem Zeitgeist aus der Seele, als er kürzlich beklagte, der Nationalsozialismus habe die Anwendung von Disziplin und Autorität in der Erziehung zu Unrecht diskreditiert.

Dass Bueb Direktor der Privatschule Schloss Salem war, auf die das gehobene Bürgertum seine Kinder schickt, verlieh seinen Forderungen zusätzlichen Nimbus. In Deutschlands Mittelschicht west nämlich eine verbreitete Sehnsucht nach dem Bildungsbürgertum. Das zeigte sich besonders deutlich im Kult, der um die Jugenderinnerungen und den Tod des Publizisten Joachim Fest getrieben wurde. Die faszinierende Botschaft von Fests Memoiren lautete, dass eine tadellose bürgerliche Haltung den Nationalsozialismus unbeschadet, gewissermaßen eingekapselt in der Familie, überstehen konnte. Und dass Fest selbst diese Haltung verkörperte. Freilich ist die Pose des deutschen Gentleman jüngst in Schieflage geraten, als ruchbar wurde, dass Fest seine Autobiografie mit üblen Sottisen gegen seinen früheren publizistischen Gegner Jürgen Habermas garniert hat.

Dafür kommen andere Vertreter des konservativen Nachkriegsdeutschland wieder zu Ehren. Der junge Historiker Jens Hacke widmete jüngst der "Philosophie der Bürgerlichkeit" eines Hermann Lübbe und Odo Marquard eine viel gelobte Vergegenwärtigung. Die skeptischen, liberalkonservativen Positionen dieser Philosophen, die sich als Antipoden der linksliberalen Öffentlichkeit der Siebziger verstanden, rekonstruierte Hacke nicht ohne eine gewisse Sympathie.

Wende hat stattgefunden

An zahllosen weiteren Beispielen ließe sich zeigen, dass die belächelte geistig-moralische Wende, die Helmut Kohl 1982 einläuten wollte, wirklich stattgefunden hat - in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen von damals. Von dort ausgehend verändert sie, ganz ohne Barrikadenstürmerei, das politische Denken in Deutschland. Wenn Zeit-Autor Schüle ein "Ordnungsgefühl" vermisst und sich ein neues Bildungsbürgertum mit stoischen Idealen wünscht, wenn der Sozialhistoriker Manfred Hettling eine "legitimierende" Form des Totengedenkens für die deutschen Opfer militärischer Auslandseinsätze fordert, wenn die ehemalige Tagesschau-Moderatorin Eva Herman die Mutterrolle der Frau einklagt, wenn ein liberalkonservatives Magazin wie Cicero auf einem schrumpfenden Zeitschriftenmarkt seine Auflage steigern kann, wenn Benimm-Ratgeber den Buchmarkt erobern und den Sinn für soziale Distinktion schärfen, dann sind das alles Zeichen für den ideologischen Rollback, der sich in Deutschlands Mittelschicht vollzieht.

Auch die Wiederentdeckung der "Unterschicht" gehört hierher. Obwohl einige Wohlmeinende im "neuen Bürger" den Citoyen sehen wollen, den egalitären Staatsbürger, so verbirgt sich dahinter doch eher ein Klassenbegriff, mit dem sich eine gebildete Leistungselite abgrenzt. Wenn Feuilleton-Redaktionen die Rede von der Unterschicht lustvoll aufgreifen, dann liegt dem die Erkenntnis zugrunde, dass es soziale Unterschiede gibt - und immer geben wird. Das Ideal der klassenlosen Gesellschaft, dem nicht nur die DDR, sondern auch die alte Bundesrepublik gehuldigt hatte, wird nun ad acta gelegt. Das Leben bekommt dadurch wieder Ernst und eine neue Weihe. Die alte Übersichtlichkeit ist überwunden, Oben und Unten sind unterscheidbar, und man steckt sich wieder Lebensziele: zu den Oberen zu gehören und nicht zu den Unteren.

"Wellness-Patriotismus"

Die Hinwendung zur Nation ist Teil dieser neuen Ernsthaftigkeit. Während an Gedenktagen auf den großen Bühnen der Öffentlichkeit noch das alte Stück gespielt wird von der Vergangenheit, die nicht vergehen will, haben die Jüngeren den strategischen Vorteil einer positiven Nationalgeschichte längst erkannt, und sei es nur, dass sie dem Bürger, der durch die Globalisierung verschreckt ist, moralisch den Rücken stärkt und ihm das Gefühl gibt, doch nicht allein auf der Welt zu sein. "Wellness-Patriotismus" nannte das Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig treffend. Das Phänomen gilt als eher harmlos. Der aggressive Nationalismus des wilhelminischen Reiches ist den jungen Patrioten gewiss fremd. Sie knüpfen eher an die liberalen Traditionen des Vormärz an. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich derzeit in Deutschland eine schleichende konservative Revolution vollzieht.