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Feuilleton

Der alte König und die Komödie des Lebens

1945 1960 1980 2000 2020
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Manche fanden ihn ja geradezu abstoßend albern. Keine Spur von Humor. Nur dumm und oberflächlich. Um seinen Partner Dean Martin tanzend wie ein Afferl. Mit schrillen Schreien, blöden Grimassen und Gesten, die schwere motorische und psychische Entgleisungen eher wahrscheinlich erscheinen ließen als Schauspielkunst. Aber versuchen Sie einmal die komplexen, zerfahrenen Bewegungen nachzumachen oder einfach Schritte, die scheinbares Stolpern zeigen. Sie werden sehen, dass gelungenes Stolpern genauso schwierig ist wie formvollendetes Tanzen. In dieser Hinsicht war Jerry Lewis der Fred Astaire der Tollpatschigkeit. Denn er war natürlich alles andere als - tollpatschig. Und bevor man sich nun über die Auffälligkeiten und die ohnehin sattsam bekannten Filme und seine Karriere und seinen Aufstieg aus dem Varietee, seine Shows und Filme, den "verrückten Professor", seinen schleichenden Niedergang und den damit verbundenen Depressionen ergeht; während wir uns also nicht mit dem beschäftigen, was überall sonst zu lesen steht, beschäftigen wir uns mit einem nicht erschienenen Werk. Ein Film, der nie in den Kinos anlief, weil Jerry Lewis selbst es nicht wollte. Der Film heißt: "Der Tag, an dem der Clown weinte". Eigentlich ist es ein Film über das Lachen, das gegenüber jedem Horror erhaben ist und sein muss und das uns alle am Leben nicht verzweifeln lässt. Das Lachen als Aufstand gegen alles, was das Leben an Hässlichkeiten und Grausamkeiten bereit hält. Die Handlung des Films: Ein Clown wird verhaftet und in einem Konzentrationslager interniert, wo er für die Kinder auftritt und sie zum Lachen bringt. So begleitet er sie auf ihrem Weg in den organisierten Mord. Ist der Film ein Skandal? Ist er gegen jede Pietät? Und was wollen Moral und Anstand in einem Vernichtungslager? Wenn Humor das Leiden lindert, kann er auch den Genozid erträglich machen? Jerry Lewis ist an dieser Frage gescheitert. Er hat den Film gedreht und ihn vor der Premiere zurückgezogen. Wir wissen nicht, ob er die Grenzen des guten Geschmacks gesprengt hätte, ob es einen Aufschrei oder Jubelschreie gegeben hätte, die Jahrzehnte später Roberto Benigni mit "La Vita è bella" mit einem ähnlichen Plot bekommen hat. Wir wissen es nicht. Aber dem Komiker, der edel genug ist, Opfer eines Massenmordes nicht mit seinem Konzept des Lachens überzeugen zu wollen, auch wenn er recht hat, dem gebühren zehn Ehrenoscars. Einen wird Jerry Lewis wohl im kommenden Jahr posthum erhalten.

Manche fanden ihn ja geradezu abstoßend albern. Keine Spur von Humor. Nur dumm und oberflächlich. Um seinen Partner Dean Martin tanzend wie ein Afferl. Mit schrillen Schreien, blöden Grimassen und Gesten, die schwere motorische und psychische Entgleisungen eher wahrscheinlich erscheinen ließen als Schauspielkunst. Aber versuchen Sie einmal die komplexen, zerfahrenen Bewegungen nachzumachen oder einfach Schritte, die scheinbares Stolpern zeigen. Sie werden sehen, dass gelungenes Stolpern genauso schwierig ist wie formvollendetes Tanzen. In dieser Hinsicht war Jerry Lewis der Fred Astaire der Tollpatschigkeit. Denn er war natürlich alles andere als - tollpatschig. Und bevor man sich nun über die Auffälligkeiten und die ohnehin sattsam bekannten Filme und seine Karriere und seinen Aufstieg aus dem Varietee, seine Shows und Filme, den "verrückten Professor", seinen schleichenden Niedergang und den damit verbundenen Depressionen ergeht; während wir uns also nicht mit dem beschäftigen, was überall sonst zu lesen steht, beschäftigen wir uns mit einem nicht erschienenen Werk. Ein Film, der nie in den Kinos anlief, weil Jerry Lewis selbst es nicht wollte. Der Film heißt: "Der Tag, an dem der Clown weinte". Eigentlich ist es ein Film über das Lachen, das gegenüber jedem Horror erhaben ist und sein muss und das uns alle am Leben nicht verzweifeln lässt. Das Lachen als Aufstand gegen alles, was das Leben an Hässlichkeiten und Grausamkeiten bereit hält. Die Handlung des Films: Ein Clown wird verhaftet und in einem Konzentrationslager interniert, wo er für die Kinder auftritt und sie zum Lachen bringt. So begleitet er sie auf ihrem Weg in den organisierten Mord. Ist der Film ein Skandal? Ist er gegen jede Pietät? Und was wollen Moral und Anstand in einem Vernichtungslager? Wenn Humor das Leiden lindert, kann er auch den Genozid erträglich machen? Jerry Lewis ist an dieser Frage gescheitert. Er hat den Film gedreht und ihn vor der Premiere zurückgezogen. Wir wissen nicht, ob er die Grenzen des guten Geschmacks gesprengt hätte, ob es einen Aufschrei oder Jubelschreie gegeben hätte, die Jahrzehnte später Roberto Benigni mit "La Vita è bella" mit einem ähnlichen Plot bekommen hat. Wir wissen es nicht. Aber dem Komiker, der edel genug ist, Opfer eines Massenmordes nicht mit seinem Konzept des Lachens überzeugen zu wollen, auch wenn er recht hat, dem gebühren zehn Ehrenoscars. Einen wird Jerry Lewis wohl im kommenden Jahr posthum erhalten.