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Der Berg ruft wieder

Mit dem Kinostart von "Nordwand" wird nicht nur der Bergfilm wiederbelebt. Die Neuauflage des Eiger-Mythos' steht für eine Trendwende im Alpinismus: Klettern wie die Erstbegeher.

Die Eiger-Nordwand ist zum Schauen und Fürchten da, nicht zum Klettern. Hauptdarsteller Benno Fürmann beschreibt das in seiner Rolle als Toni Kurz im Film "Nordwand" völlig richtig: "Das hat nichts mit Klettern zu tun - das ist eine Lotterie!"

Der Berchtesgadner Kurz steigt im Sommer 1936 mit drei Kletterkameraden ins Eiger-Glücksspiel ein; die vier setzen ihr Leben ein und verlieren. Hätten sie gewonnen, das "letzte Problem der Alpen" gelöst, wäre ihnen im Olympia-Jahr eine Goldmedaille, ein Führer-Händedruck und eine Rolle in Leni Riefenstahls Olympia-Filmen sicher gewesen. Doch tote Helden passen nicht ins Drehbuch der NS-Starregisseurin. Von Hitler empfangen werden zwei Jahre später die vier Erstbesteiger, unter ihnen Heinrich Harrer. Und 70 Jahre dauert es, bis die Wegbereiter für Harrer und Co. ins Kino kommen.

"Sie suchten das Abenteuer und schufen einen Mythos", heißt es über Toni Kurz und Kameraden auf dem "Nordwand"-Filmplakat. Doch den Mythos Eiger-Nordwand gibt es, seit es den Alpinismus gibt. "Als ob hier der ganze Berg abgeschnitten wäre. Glatt und absolut unersteigbar …", heißt es über den Eiger und seine "grandiose Mauer" schon im Buch "The Alps in 1864". Die Eiger-Nordwand ist zu publikumsfreundlich, um nicht berühmt zu sein. Keine andere der großen Alpenwände lässt die Zuschauer so nahe an sich heran, ist so dafür geeignet, Bergzirkus, Kletterarena und Naturbühne in einem zu sein.

Unmöglich gibt es nicht

Der Erstbesteiger des Matterhorns, Edward Whymper, definiert den Bergsteiger als jemanden, der den Begriff "unmöglich" nicht akzeptiert. Max Sedelmayer und Karl Mehringer sind diese Art Bergsteiger. Die beiden Münchner glauben als erste an die Begehbarkeit der Eiger-Nordwand. Am 21. August 1935 steigen sie ein, folgen der Linie, die sie zuvor wochenlang mit ihren Ferngläsern in dem 1800 Meter hohen Abbruch verfolgt haben. Bis der Eiger seinem Namensgeber, dem Menschenfressergott Oger, gerecht wird. Bis die konkave Wand genug Unwetter angezogen und ihr eigenes böses Klima gebraut hat. Sturm und Schnee decken Sedelmayer und Mehringer zu. Die Stelle, an der sie nach einer Woche erfrieren, heißt seither "Todesbiwak". Die Presse schreibt erstmals von der "Mordwand".

Das "Nordwand-Prinzip®" wird Managern heute als karrierefördernd empfohlen: In einer feindlichen Umgebung den eigenen Weg finden, unerwartete Schwierigkeiten bewältigen, Gefahren erkennen und richtig einschätzen - wer das kann, schafft auch den beruflichen Aufstieg bis nach ganz oben.

1936 wird die Nordwand von der NS-Politik zum Krieg (v)erklärt und die Journalisten üben schon mal als Kriegsberichterstatter: "Im Kampf mit der Eigerwand" betiteln sie ihre Geschichten. Oder: "Gefechtspause am Eiger", "Die Belagerung in vollem Gange", "Der erste Angriff abgeschlagen" …

Bergsteigen ist Krieg, Kletterer sind Soldaten

Und die hohe Politik findet auch noch eine andere Entsprechung in der hohen Wand: Beim 1936er-Besteigungsversuch der Deutschen Toni Kurz und Andreas Hinterstoisser kommt es zum Zusammenschluss mit einer österreichischen Seilschaft. Kein Propagandaministerium hätte das besser planen können. Und 1938 bei der Erstbesteigung - Goebbels und Konsorten haben auch viel Glück gehabt! - wiederholt sich diese Allianz. Wieder zufällig, wieder aus der Not heraus geboren. Heinrich Harrer beschreibt in seinem Buch "Um die Eiger-Nordwand" die Ehrung der deutsch-österreichischen Erstbesteiger durch Adolf Hitler: Das Gespräch dreht sich um die vielen Opfer, die in der Eigerwand geblieben sind, "da füge ich ein, dass 1936 zwei Bergsteiger aus der Ostmark und zwei aus dem Altreich zusammen in den Tod gegangen sind. Der Führer hebt den Kopf und seine großen Augen sehen uns klar an:, Das ist symbolisch.'" Womit er nicht unrecht hat, der Herr Führer. Dauert nicht lange, und Altreich und Ostmark marschieren tatsächlich gemeinsam in den Tod.

Die Eigerwand kann aber auch später beweisen, dass sie auf der politischen Höhe der Zeit ist. Sommer 1952: Eine deutsche, eine österreichische und eine französische Seilschaft treffen aufeinander; neun Mann, unter ihnen Hermann Buhl und Gaston Rébuffat, die besten Bergsteiger ihrer Zeit. Und wieder formt das Eiger-Unwetter aus verschiedenen stolzen und nationalen Gruppen eine auf Gedeih und Verderb zusammenhängende Schicksalsgemeinschaft - passend zur neuen Zeit: eine europäische Seilschaft.

Klettern wie damals: Bergzirkus ohne Netz

"Ich kann nicht mehr", stöhnt Hermann Buhl, nachdem er in vier Stunden eine zwanzig Meter hohe überhängende, verschneite und vereiste Verschneidung in den Ausstiegsrissen überklettert und den anderen damit den Weg zum Gipfel frei macht. "Ich kann nicht mehr", seufzt auch 1936 Toni Kurz, wenige Meter über seinen Rettern hängend. Im Unterschied zu Buhl, der sich aufrappelt, ist es aber für Kurz vorbei, völlig ausgelaugt stirbt er den Erschöpfungstod.

So nah bei den Schweizer Bergrettern und doch zu weit, um zu überleben. Der Film "Nordwand" setzt den Kern der Kurz-Tragödie sehr gut nachvollziehbar in Szene. Und noch etwas gelingt mit "Nordwand": Auch Kletterlaien verstehen, wie wichtig das Seil speziell für diese Wand, speziell für diese Bergsteigergeneration ist. "Du gehst so lange es geht, und wenn es nicht mehr geht, machst einen Seilquergang und gehst weiter." Kurz und Hinterstoisser haben dieses Dülfer-Motto verinnerlicht. Das Seil hat sie hinaufgebracht, leider nicht mehr ganz hinunter.

Von Reinhold Messner, der Bergsteiger-Legende, die alle Auf und Abs überlebt hat, weiß man, dass er gerade seine 1970er-Besteigung des Nanga Parbat in einem Film verarbeitet - auch eine Tragödie. Messner hat immer eine gute Nase für neue Trends gehabt. Wenn er ins klassische Bergfilm-Genre einsteigt, ist das ein gutes Zeichen für die Branche.

Aber auch in der Bergsteiger-Realität geht die Uhr rückwärts. Klettern wie die Erstbegeher kommt in Mode: raus aus den Kletterhallen, hinein ins Abenteuer. Ohne Bohrhakensicherungen, Bergzirkus ohne Netz. Als "Traditional Climbing" und "Clean Climbing" werden diese neuen-alten alpinen Spielarten beworben, als die "schönste, erlebnisreichste und ehrlichste Art" zu klettern verkauft. Dass sie auch die gefährlichste ist, braucht niemand dazuzusagen. Aber Klettern soll heute wie damals nicht nur mit Klettern zu tun haben, sondern auch ein wenig mit Lotterie.

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