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Feuilleton

Der Chronist als Künstler

1945 1960 1980 2000 2020

Das Museum der Moderne Salzburg widmet Leo Kandl eine stille und feinsinnige Ausstellung. Fotografien aus 40 Jahren geben einen Überblick über sein Schaffen.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Museum der Moderne Salzburg widmet Leo Kandl eine stille und feinsinnige Ausstellung. Fotografien aus 40 Jahren geben einen Überblick über sein Schaffen.

In den späten Siebziger-, frühen Achtzigerjahren war Leo Kandl abends mit seiner Kamera unterwegs in Gegenden von Wien, die der ordentliche Bürger geflissentlich zu meiden suchte. Er besuchte das Weinhaus Höller im achten Bezirk, das Café Schwarzspanierhof im neunten und den Südbahnhof, wo Gestalten unterwegs waren, die keineswegs den Sieg über ihr eigenes Leben davongetragen haben. Weit haben sie es nicht gebracht, das sieht man ihnen an, und vom Glück haben sie auch nicht zu viel abbekommen. Sie stehen zusammen, sie bieten einander Rückhalt, Geschlossenheit demonstrieren sie, wenn sie vor dem Fotografen Stellung beziehen. Die Welt mag miserabel und ganz und gar gegen diese Menschen eingestellt sein, unterkriegen lassen sie sich dennoch nicht.

Trostlos die Halle am Südbahnhof, Intimität tötend das grelle Neonlicht, etwas zu aufgeräumt die Halle, allzu blank geputzt der Boden, glänzend die Kacheln im Hintergrund - ordentlich sieht es aus in der Welt der Ausgeschlossenen. Als Verbündete im Unheil rücken sie eng zusammen, viel freier Raum tut sich um sie herum auf. Links eine Leuchtreklame wirbt für Maierhofer-Weine, ein anderes für Cola, hinten ein Fanta-Schild. Aber wer trinkt schon Cola und Fanta? Die drei am Stehtisch bleiben beim Bewährten, dem Bier. Drinnen muss es kalt sein. Sie tragen Mantel und Anorak, Hut und Mütze, so ungemütlich man es den Gästen auch immer bereitet, sie haben nicht die Absicht zu gehen. Hier haben sie sich eingerichtet, sie trinken, rauchen, wer weiß, vielleicht reden sie sogar miteinander. Solche Menschen findet man heute nicht mehr, Leo Kandl öffnet ein Zeitfenster in ein verschwundenes Wien. Für so jemanden wie den jungen Mann in der Mitte mag das Wort "spitzbübisch" erfunden worden sein, seine beiden Kumpane jedenfalls wirken abgeklärt, verdrossen, ihnen kann man nichts erzählen, sie wissen, was läuft, nur für solche wie sie läuft es nicht rund. Etwas abgesetzt von ihnen eine andere Männergruppe, von Frauen keine Spur.

Der Fotozyklus wird zur Galerie

Leo Kandl dokumentiert Szenen, klassische Sozialfotografie betreibt er dennoch nicht. Er geht als Künstler vor, der Wirklichkeit arrangiert und mit den anderen abspricht. Nicht Erschütterung will er auslösen, auch nicht mahnend Moral einfordern, er zeigt Leute, die am Rand stehen, Überlebenskünstler in Trotz und Würde. Er benutzt Menschen nicht, um an ihnen eine Weltsicht auszustellen, ein Fotozyklus wird zur Galerie von Solipsisten, Selbstdarstellern, Individuen mit einem ausgeprägten Ich.

Aufnahmen gleichsam im Vorbeigehen zeigt er auch. Dann sieht man Festspielgäste, heimlich aufgenommen, eine Parade der Eitelkeiten. Aber das sind Nebenarbeiten. Eigentlich ist ihm daran gelegen, Menschen zu porträtieren, zu denen er in Beziehung getreten ist. Sei es in London, Moskau oder New York, über Inserate sucht er Personen, die er in ihrem eigenen Umfeld aufnimmt. Aus Zufallsbekanntschaften entstehen Menschenbilder, die etwas über das Leben heute in der Großstadt aussagen. Kandl kennt diese Modelle so gut, dass sie bereit sind, sich so zu inszenieren, wie es ihren eigenen Vorstellungen vom Ich entspricht. Kandl kennt diese Modelle nicht gut genug, um ihnen so nahe zu kommen, dass er ihnen ihre Geheimnisse entreißen könnte.

Spielen, kokettieren

Auf den Aufnahmen sieht man, wie sie sich in Pose werfen, sich produzieren, den Eindruck einer souveränen Persönlichkeit zu erwecken bemüht sind. Kandl lässt sie, weil er weiß, das ist Spiel und Koketterie, hinter der vordergründigen Haltung gibt es ein anderes Ich, das unter Verschluss gehalten wird. Künstler und Modell schließen einen Pakt. Er lässt sie nach eigenem Gutdünken gewähren, und sie überlassen ihm den Blickwinkel, den Bildausschnitt, den Überraschungsmoment des Abdrückens. Beide wissen, die ganze Persönlichkeit ist nicht aufs Bild zu bekommen. Deshalb zählt das Umfeld so viel. Eine junge Londonerin in einer Allee mit geparkten Autobussen, dahinter ein ägyptisches Monument, unverzüglich stellen wir Bezüge her zwischen der Person und ihrer Umwelt. Mit Leo-Kandl-Bildern wird man nicht fertig. Sie erzählen etwas von der Vielfalt des Ichs.

Leo Kandl - Menschen und Orte

bis 28.2., Museum der Moderne Salzburg, Di-So 10-18 Uhr, Mi bis 20 Uhr www.museumdermoderne.at

In den späten Siebziger-, frühen Achtzigerjahren war Leo Kandl abends mit seiner Kamera unterwegs in Gegenden von Wien, die der ordentliche Bürger geflissentlich zu meiden suchte. Er besuchte das Weinhaus Höller im achten Bezirk, das Café Schwarzspanierhof im neunten und den Südbahnhof, wo Gestalten unterwegs waren, die keineswegs den Sieg über ihr eigenes Leben davongetragen haben. Weit haben sie es nicht gebracht, das sieht man ihnen an, und vom Glück haben sie auch nicht zu viel abbekommen. Sie stehen zusammen, sie bieten einander Rückhalt, Geschlossenheit demonstrieren sie, wenn sie vor dem Fotografen Stellung beziehen. Die Welt mag miserabel und ganz und gar gegen diese Menschen eingestellt sein, unterkriegen lassen sie sich dennoch nicht.

Trostlos die Halle am Südbahnhof, Intimität tötend das grelle Neonlicht, etwas zu aufgeräumt die Halle, allzu blank geputzt der Boden, glänzend die Kacheln im Hintergrund - ordentlich sieht es aus in der Welt der Ausgeschlossenen. Als Verbündete im Unheil rücken sie eng zusammen, viel freier Raum tut sich um sie herum auf. Links eine Leuchtreklame wirbt für Maierhofer-Weine, ein anderes für Cola, hinten ein Fanta-Schild. Aber wer trinkt schon Cola und Fanta? Die drei am Stehtisch bleiben beim Bewährten, dem Bier. Drinnen muss es kalt sein. Sie tragen Mantel und Anorak, Hut und Mütze, so ungemütlich man es den Gästen auch immer bereitet, sie haben nicht die Absicht zu gehen. Hier haben sie sich eingerichtet, sie trinken, rauchen, wer weiß, vielleicht reden sie sogar miteinander. Solche Menschen findet man heute nicht mehr, Leo Kandl öffnet ein Zeitfenster in ein verschwundenes Wien. Für so jemanden wie den jungen Mann in der Mitte mag das Wort "spitzbübisch" erfunden worden sein, seine beiden Kumpane jedenfalls wirken abgeklärt, verdrossen, ihnen kann man nichts erzählen, sie wissen, was läuft, nur für solche wie sie läuft es nicht rund. Etwas abgesetzt von ihnen eine andere Männergruppe, von Frauen keine Spur.

Der Fotozyklus wird zur Galerie

Leo Kandl dokumentiert Szenen, klassische Sozialfotografie betreibt er dennoch nicht. Er geht als Künstler vor, der Wirklichkeit arrangiert und mit den anderen abspricht. Nicht Erschütterung will er auslösen, auch nicht mahnend Moral einfordern, er zeigt Leute, die am Rand stehen, Überlebenskünstler in Trotz und Würde. Er benutzt Menschen nicht, um an ihnen eine Weltsicht auszustellen, ein Fotozyklus wird zur Galerie von Solipsisten, Selbstdarstellern, Individuen mit einem ausgeprägten Ich.

Aufnahmen gleichsam im Vorbeigehen zeigt er auch. Dann sieht man Festspielgäste, heimlich aufgenommen, eine Parade der Eitelkeiten. Aber das sind Nebenarbeiten. Eigentlich ist ihm daran gelegen, Menschen zu porträtieren, zu denen er in Beziehung getreten ist. Sei es in London, Moskau oder New York, über Inserate sucht er Personen, die er in ihrem eigenen Umfeld aufnimmt. Aus Zufallsbekanntschaften entstehen Menschenbilder, die etwas über das Leben heute in der Großstadt aussagen. Kandl kennt diese Modelle so gut, dass sie bereit sind, sich so zu inszenieren, wie es ihren eigenen Vorstellungen vom Ich entspricht. Kandl kennt diese Modelle nicht gut genug, um ihnen so nahe zu kommen, dass er ihnen ihre Geheimnisse entreißen könnte.

Spielen, kokettieren

Auf den Aufnahmen sieht man, wie sie sich in Pose werfen, sich produzieren, den Eindruck einer souveränen Persönlichkeit zu erwecken bemüht sind. Kandl lässt sie, weil er weiß, das ist Spiel und Koketterie, hinter der vordergründigen Haltung gibt es ein anderes Ich, das unter Verschluss gehalten wird. Künstler und Modell schließen einen Pakt. Er lässt sie nach eigenem Gutdünken gewähren, und sie überlassen ihm den Blickwinkel, den Bildausschnitt, den Überraschungsmoment des Abdrückens. Beide wissen, die ganze Persönlichkeit ist nicht aufs Bild zu bekommen. Deshalb zählt das Umfeld so viel. Eine junge Londonerin in einer Allee mit geparkten Autobussen, dahinter ein ägyptisches Monument, unverzüglich stellen wir Bezüge her zwischen der Person und ihrer Umwelt. Mit Leo-Kandl-Bildern wird man nicht fertig. Sie erzählen etwas von der Vielfalt des Ichs.

Leo Kandl - Menschen und Orte

bis 28.2., Museum der Moderne Salzburg, Di-So 10-18 Uhr, Mi bis 20 Uhr www.museumdermoderne.at