Der Denkraum der Besonnenheit

Der Kunsthistoriker Aby Warburg (1866-1929), einer der bedeutendsten Kulturwissenschafter seiner Zeit, ist ein Vordenker der Postmoderne, ein geistiger Vorfahre Umberto Ecos.

"Manchmal kommt es mir vor, als ob ich als Psychohistoriker die Schizophrenie des Abendlandes aus dem Bildhaften in selbstbiografischem Reflex abzuleiten versuche.“ In dieser Selbsteinschätzung des Kunsthistorikers Aby Warburg wird bereits das Leitmotiv seiner wissenschaftlichen Arbeit deutlich. Er interessierte sich für Kunstwerke, die die Emotionen und irrationalen Mächte wie Angst, Schmerz, Ekstase oder Gewalttätigkeit evozierten. Warburg verstand sich jedoch keineswegs als Exeget des Irrationalismus, sondern als Aufklärer, der - ähnlich wie Sigmund Freud - den zu eng gefassten Rationalitätsbegriff des kunsthistorischen Kanons um Forschungsgebiete wie Mythologie, Religionsgeschichte oder Astrologie erweiterte. Er plädierte auch für eine radikale Öffnung der Kunstgeschichte: Neben den Meisterwerken der Epochen sollten auch Münzen, Wappen, Briefmarken, Flugschriften oder Zeitungsfotos gleichberechtigte Gegenstände der wissenschaftlichen Forschungen werden. Die weit verstreuten Schriften des Gelehrten, der zu den bedeutendsten Kulturwissenschaftern des frühen 20. Jahrhunderts zählt, finden sich in einem Suhrkamp-Sammelband.

"Pathosformeln“

Geboren wurde Aby Warburg am 13. Juni 1866 als ältester Sohn einer angesehenen jüdischen Bankiersfamilie in Hamburg. Er verzichtete auf das ihm zustehende Recht, die Leitung der Bankgeschäfte zu übernehmen, allerdings mit der Bedingung, dass ihm alle Bücher, die er für seine Studien benötigte, jederzeit zur Verfügung gestellt werden sollten. 1886 begann Warburg ein Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie in Bonn und promovierte mit der Dissertation über Sandro Botticellis "Geburt der Venus“ und "Frühling“ in Straßburg. Darin findet sich bereits ein zentrales Motiv seiner Arbeit; nämlich der Nachweis, dass Motive der antiken Kunst in der Renaissance nachgewirkt haben, wobei sie jedoch eine entscheidende Modifikation erfuhren. Besonders auffällig war für Warburg die Beobachtung, dass die von antiken Vorbildern übernommenen Formen immer dann auftauchten, wenn es um die Gestaltung der Bewegung - speziell der Bewegung von flatternden Haaren und Gewändern - ging. In seiner Dissertation prägte Warburg dafür den Begriff des "bewegten Beiwerks“. Das Thema "Nachleben der Antike“ spielte auch in seinen weiteren Arbeiten über die Kunst der Renaissance eine wichtige Rolle. In dem Aufsatz "Dürer und die italienische Antike“ erweiterte Warburg das "bewegte Beiwerk“ um andere Motive einer bewegten Gebärdensprache, die die innere, psychische Erregung - das Pathos - von Menschen darstellten. Leidenschaften wie Liebe, Glück, Ekstase, Rausch oder Angst wurden in Bildmotiven festgehalten, die konstant in verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte auftauchten. Diese zu Stereotypien mutierten Motive nannte Warburg "Pathosformeln“ und löste damit eine erhebliche Irritation bei Wissenschaftern seiner Fachdisziplin aus, die ein ideales Bild der Renaissance entworfen hatten, in dem Harmonie und wohlproportionierte Formen beschworen wurden.

Apollinisch - dionysisch

Genau dieser Auffassung widersprach Warburg und bezog sich auf Friedrich Nietzsche, der in seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ auf die Kräfte des Apollinischen und Dionysischen hingewiesen hatte. In seinem Buch "Das Nachleben der Bilder“, das ebenfalls im Suhrkamp-Verlag erschien, zeigt der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman die Abgründe auf, die Warburg und Nietzsche verbinden. Die Gemeinsamkeit liegt darin, dass sie die Objektivität der Kunstgeschichte radikal in Frage stellen und Kunst als ein Phänomen betrachten, das eine "elementare Lebensenergie“ verströmt, die nicht mehr in ästhetischen Kategorien beschrieben werden kann. "Das gesamte Affekt-System ist erregt und gesteigert, so dass es alle seine Mittel des Ausdrucks mit einem Male entlädt“, notierte Nietzsche. Didi-Huberman weist darauf hin, dass dieses "gesteigerte Affekt-System“ auch "wilde Energien“ des Schmerzlichen, Hässlichen, des Pathologischen und des Dämonischen enthält. Die Aufgabe der Künstler sah Warburg nun darin, die pulsierende Energie, die von den antiken Kunstwerken ausging, zu domestizieren. Die dämonischen Mächte sollten im Kunstwerk gebannt werden, um einen"Denkraum der Besonnenheit“ zu eröffnen.

Für seine Person konnte Warburg diesen "Denkraum“ jedoch nicht aufrecht erhalten; die Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges erschütterten ihn tief. Nach dem Ende des Krieges erlitt er einen vollständigen psychischen Zusammenbruch. Nach jahrelangen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken kam er in das Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen, das von dem Psychiater Ludwig Binswanger geleitet wurde. Der Aufenthalt war von Warburgs Wahnvorstellungen, Phobien und Gewaltausbrüchen geprägt, die eindrucksvoll in dem von Chantal Marazia und Davide Stimilli im Verlag diaphanes herausgegebenen Buch "Ludwig Binswanger - Aby Warburg. Die unendliche Heilung“ dokumentiert werden. "Wieder neue Erregung. Der Untersuchungstisch wird als Schlachtbank von Dr. Ludwig benützt, um seine Tochter Detta zu schlachten“; so lautet eine Eintragung Binswangers vom 22. April 1922, die eine Wahnidee Warburgs wiedergibt. Erst ein Vortrag, den der allmählich genesende Gelehrte 1923 über das Schlangenritual der Hopi-Indianer hielt, wurde zum Wendepunkt seiner Krankengeschichte. Ein Jahr später erfolgte die Entlassung, die "Beurlaubung zur Normalität“. Für den Rest seines Lebens fühlte sich Warburg als "ein Wiedergeborener“, der aus dem Totenreich wieder aufgetaucht war. Das nach dem Klinikaufenthalt entstandene Werk charakterisierte er als "Heuernte bei Gewitter“.

Atlas der Erinnerung

Das Projekt, das Warburg bis zu seinem Tod am 26. Oktober 1929 beschäftigte, war der sogenannte Mnemosyne-Atlas, der seine weit verstreuten Forschungsgebiete bündeln sollte. Benannt ist der Atlas nach Mnemosyne, die in der griechischen Mythologie als Göttin der Erinnerung fungiert. Erinnert werden sollte an die wichtigsten Pathosformeln und ihre Wiederverwendung in der Kunstgeschichte. Zu diesem Zweck wurden Fotografien von Kunstwerken, Münzen, Briefmarken oder Zeitungsausschnitten, die verschiedene Pathosformeln wiedergaben, auf Tafeln fixiert (s. Bild l. o.). Die rund zweitausend Fotografien wurden lose geheftet, sodass sie immer wieder zu neuen Konfigurationen angeordnet werden konnten.

So entstand ein work in progress, das nicht den Anspruch hatte, eine systematisch ausgearbeitete Kunsttheorie zu produzieren. Die Offenheit von Kunsttheorien, die später Umberto Eco propagierte, nahm Warburg im Projekt des Mnemosyne-Atlas vorweg. Diese Aufgeschlossenheit für das Offene, Fragmentarische macht Warburg zu einem Vordenker der Postmoderne, der auch Didi-Huberman angehört. Sein Fazit lautet: "Das ist Warburg für uns heute: Ein Nachlebender von dringender Notwendigkeit für die Kunstgeschichte“ und gleichzeitig ein rätselhaftes "Gespenst unseres Fachgebiets“.

Aby Warburg, Werke in einem Band

Hg. v. Martin Treml, Sigrid Weigel, Perdita Ladwig Suhrkamp Verlag 2010, 988 S, geb.,€ 70,-

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau