Digital In Arbeit

Der eine und der andere Václav

Sie tragen den gleichen Vornamen und beide wurden ins Präsidentenamt auf der Prager Burg gewählt. Dann ist es aber vorbei mit Gemeinsamkeiten zwischen Václav Havel und Václav Klaus.

Der Name Václav ist eine Form von Wenzeslaus oder Wenzel, des tschechischen Namens schlechthin. Wenzeslaus war Herzog von Böhmen im ausgehenden ersten Jahrtausend. Er machte die Böhmen zu Christen und er formte sie zu Böhmen. Dafür erhob man ihn zum Nationalheiligen, er wurde mit Staatskult verehrt und zum "ewigen Herrscher" an der Moldau ernannt. Gemäß dieser Logik überträgt Wenzeslaus seine Macht an die jeweiligen Herrscher durch die Zeiten herauf. Seit der Samtenen Revolution 1989 heißen seine Statthalter im tschechoslowakischen bzw. nach 1993 im tschechischen Präsidentenamt wieder so wie er: Wenzeslaus, Václav oder "der bekränzte Berühmte".

Die Gleichsetzung zwischen dem Premysliden-Herzog Wenzeslaus und den beiden Präsidenten-Václavs Havel und Klaus mag weit hergeholt, übertrieben und gekünstelt erscheinen - sie ist es aber nicht. Das tschechische Präsidentenamt ist vom Staatsgründer und ersten Präsidenten Tomas Garrigue Masaryk her mit einem sehr hohen Ansehen behaftet. Der Präsident thront auf der Prager Burg. Auf seiner Fahne steht: "Die Wahrheit siegt" - der Wahlspruch von Jan Hus. Das heißt, mit dem Amt ist ein sehr hoher moralischer Anspruch verbunden und der erste tschechische Präsident nach 1918 wurde von vielen als moderner Nachfolger des böhmischen Königs betrachtet, der Unabhängigkeit und Freiheit garantiert.

1989 war wieder so ein Ausnahmejahr wie 1918, "eine besondere Situation, und da kommen besondere Menschen heraus", hat Barbara Coudenhove-Kalergi einmal gegenüber der FURCHE den Aufstieg Havels vom Gefängnis ins Präsidentenamt beschrieben. So wie zuvor als Schriftsteller und Dissident wurde Václav Havel seinem Vornamen auch als Präsident gerecht. 14 Jahre war er der "bekränzte Berühmte" auf der Prager Burg. Coudenhove-Kalergi: "Für mich ist Václav Havel einer der Großen des 20. Jahrhunderts. Er hat in seinem Land Standards gesetzt. In der Kommunistenzeit war es ja so, dass die miesesten Typen und Eigenschaften - die jedes Land hat: Korruption, Opportunismus, Feigheit - in der Auslage gestanden sind. Havel hingegen hat das Beste seiner Nation, die schönsten Eigenschaften und Traditionen seines Volkes verkörpert. Das hat diesem neuen Staat etwas gegeben, was es ohne ihn nie bekommen hätte."

Warum sich Havel das Präsidentenamt antut

Laut Coudenhove-Kalergi, die Havel als Dissident und als Präsidenten persönlich erlebte, hat sich dieser "die Freundlichkeit, den Humor und Witz, die schönsten tschechischen Eigenschaften immer behalten". Das Netteste über Havel hat Coudenhove aber von jemandem gehört, der mit Havel eingesperrt war. Der hat ihr gesagt: "Die Art, wie sich Havel um seine Mitgefangenen gekümmert hat, wäre schon genug für ein Lebenswerk. Und in der Zwischenzeit hat Havel ja noch einiges anderes geleistet."

Erhard Busek hat Havel zwischen Juli 2002 und Jänner 2003, in dem er nicht mehr Präsident der Tschechoslowakei und noch nicht Präsident der Tschechischen Republik war, gefragt, "warum er sich das antue". Busek versucht Havel eine Nicht-Kandidatur schmackhaft zu machen: Havel könne ja eine moralische Autorität bleiben und außerdem wieder schreiben. Havels Antwort beschämt Busek - in ihrer Ehrlichkeit und Offenheit: Er wisse nicht, so Havel, ob er wirklich ein so großer Schriftsteller sei … So ist es gut, dass er Präsident bleibt, weil dadurch die Anforderungen an Staatsoberhäupter gestiegen sind und gestandene Demokratien sich fragen müssen, ob sie mit dem Dissidenten-Dichter auf der Prager Burg Schritt halten können. Außerdem brauche Tschechien neben seiner zu einer wettbewerbsfähigen Ökonomie drängenden Regierung jemanden, der noch daran erinnert, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt.

Václav Klaus war in diesen Jahren der Regierungschef, dem es ums ökonomische Brot ging und der für den Geist-Präsidenten auf der Burg nicht viel übrig hatte: "Er begriff mich als seinen Hauptgegner und versuchte alles Mögliche gegen mich zu unternehmen", beschreibt Havel im Interview-Buch "Fassen Sie sich bitte kurz" (rowohlt, 2007) sein Verhältnis zu Klaus. Die Treffen zwischen Premier und Präsident an jedem Mittwoch Nachmittag geraten für Havel "zum Schrecken und Albtraum, sodass schon ab Dienstagabend mit mir nichts mehr los war". Klaus lehrmeistert Havel wie einen dummen Schulbuben. Aber Havel glaubt nicht, "dass sich hinter diesem Verhalten eine kaltblütig durchdachte Strategie verbarg. Er kann nicht anders. Entweder fürchtet er jemanden, oder er erniedrigt ihn."

EU-"Gemeinschaftismus" ist Klaus verhasst

Václav Klaus - Enfant terrible und Unsympathler der tschechischen Politik? Die Straf-SMS, die Klaus unlängst an Parteigänger der von ihm gegründeten Demokratischen Bürgerpartei (ODS) schickte, sollten sie nicht seinen Favoriten zum ODS-Chef wählen, zeigen den Präsidenten als nachtragenden Nörgler. Und dass er sich in seinem politischen Leben meistens durchgesetzt hat, liegt laut Beobachtern daran, "weil seine Partner ihm nur zustimmten, um ihm nicht weiter zuhören zu müssen". Wie auch immer, Klaus ist auf jeden Fall das Gegenteil seines Vorgängers im Präsidentenamt. War Havel von Unsicherheiten gequält und von Selbstzweifeln verfolgt, ist Klaus von Selbstbewusstsein getrieben und an Überheblichkeit oft nicht zu überbieten.

Erhard Busek mag trotzdem beide Václavs. Klaus hat er zum Stammgast, Agent Provocateur und Advocatus Diaboli beim Europäischen Forum Alpbach gemacht. Egal unter welcher Überschrift das Forum steht, Klaus verkündet jedes Jahr: "Vergessen wir die EU!" Jeder Supranationalismus ist ihm ein Gräuel, der neue "Gemeinschaftismus" (ein Wort, das er patentieren lassen will) führe zum Untergang der alten demokratischen Ordnung, denn "einer Sache bin ich mir sicher: Die meisten Institutionen der heutigen EU sind im Grunde nicht demokratisch und nicht demokratisierbar".

Jan Koukal, der tschechische Botschafter in Österreich (siehe Interview Seite 23), meint, auf die EU-Kritik seines Präsidenten angesprochen: "Werfen wir die Vorbehalte nicht mit der Pauschalantwort:, Das ist der Skeptiker Klaus!' über Bord." Koukal ist überzeugt, dass die Debatte über europäische Themen mit Präsident Klaus der Funktionsfähigkeit des tschechischen Vorsitzes nicht schadet, sondern eher nützt. Und Klaus' Standard-Argument stimmen ja auch Klaus-Gegner zu: "Tschechien darf sich nicht im Brüsseler Kaffee wie ein Stück Würfelzucker auflösen."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau