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Der eingeschlossene Aufdecker

1945 1960 1980 2000 2020

seit fünf Jahren ist Julian Assange nun schon in der Botschaft Ecuadors in London. Ruhm und ansehen des Wikileaks-Gründers verblassen.

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seit fünf Jahren ist Julian Assange nun schon in der Botschaft Ecuadors in London. Ruhm und ansehen des Wikileaks-Gründers verblassen.

Er ist sichtbar älter geworden. Aus der blonden Mähne ist eine graue geworden, der wild wuchernde Bart des 45-Jährigen ist von weißen Stoppeln durchzogen. Er bräuchte dringend Sonnenlicht und einen Zahnarzt, er klagt über Halluzinationen und wirkt zunehmend paranoid. Julian Assange, der Australier, der 2006 die Enthüllungsplattform Wikileaks gründete, sitzt fünf Jahre nachdem er vor der Justiz diplomatischen Schutz gesucht hat, noch immer in einem kleinen Zimmer in der Botschaft Ecuadors in London. In Ecuador ist inzwischen ein neuer Präsident gewählt worden, im Vereinigten Königreich regiert mit Theresa May eine konservative Premierministerin, die einen unerwarteten Brexit abwickeln muss, und im Weißen Haus sitzt mit Donald Trump ein Mann, zu dessen überraschendem Wahlsieg Assange möglicherweise beigetragen hat. Noch im Wahlkampf, als WikiLeaks mit der Veröffentlichung vertraulicher Mails aus der Parteizentrale der Demokraten eine Intrige gegen Bernie Sanders, Hillary Clintons linken Rivalen, aufdeckte und kompromittierende Manuskripte der demokratischen Kandidatin für Reden vor Goldman Sachs ins Netz stellte, war Trump begeistert. "Ich liebe WikiLeaks!" twitterte er damals.

Doch nicht so geliebt

Jetzt hat sein CIA-Chef Mike Pompeo die Plattform als "nichtstaatlichen feindlichen Geheimdienst" qualifiziert. Dazwischen liegt nicht nur mehr als ein halbes Jahr, sondern auch die Enthüllung, dass an vielen Standorten, darunter das US-Generalkonsulat in Frankfurt, Hackergruppen der CIA am Werk sind, die Viren, Trojaner und andere Schadsoftware in die Systeme von Zielgruppen einschleusen, um diese illegal auszuspionieren. iPhones von Apple sind laut WikiLeaks genauso wenig sicher, wie Android-Geräte von Google, Windows-Rechner und auch Fernseher, die sogar abgeschaltet im Wohnzimmer spionieren.

Das Botschaftsasyl hat Assange aufgesucht, weil Schweden wegen "minderschwerer Vergewaltigung" sowie zweifacher sexueller Nötigung einen internationalen Haftbefehl erlassen hatte. Einem Prozess in Schweden, wo er seine Schuldlosigkeit beweisen könnte, wollte er sich nicht stellen, weil er eine Auslieferung an die USA fürchtete. Julian Assange zeigt sich in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel Mitte Mai keineswegs reuig, dass er als Wahlhelfer für Donald Trump fungiert haben könnte: "WikiLeaks hat Clintons schmutzige Wahlkampftaktiken enthüllt. Einige Wähler haben sich davon beeinflussen lassen. Es war ihre freie Entscheidung, dies zu tun." Als Vendetta will er diese Veröffentlichungen während des Wahlkampfes nicht sehen, obwohl: "Clinton war daran beteiligt, unsere angebliche Quelle Chelsea Manning ins Gefängnis zu bringen. Es scheint eine Art natürliche Gerechtigkeit zu geben." Chelsea, vor einer Geschlechtsumwandlung Bradley Manning, hat geheime Videos und Aufzeichnungen öffentlich gemacht, die Kriegsverbrechen von US-Truppen im Irak dokumentieren.

Auch eine Viertelmillion diplomatischer Depeschen, mit der WikiLeaks 2010 in den Außenministerien der Welt für Unruhe sorgte, ist Bradley Manning zu verdanken. Allerdings waren die meisten E-Mails und Kabel weniger politisch brisant, als aufschlussreich über den den flapsigen Ton, der in vermeintlich geheimen diplomatischen Kommunikationen gepflegt wurde. Wladimir Putin sah man als "Alpha-Rüde".

Und den türkischen Präsidenten Erdog an erkannten die US-Diplomaten damals schon als machtgierigen Islamisten, dessen Regierungspolitiker ungebildet und korrupt seien. Österreich wurde als außenpolitisch desinteressiert beschrieben, der damalige Außenminister Michael Spindelegger habe sich nur an Wirtschaftsinteressen im Ausland orientiert. Zudem ging es um dringende Aufforderungen des saudischen Königs Abdullah an die US-Regierung, den Iran doch endlich militärisch anzugreifen, um dessen Atomprogramm zu zerstören.

Ohne Rücksicht auf Konsequenzen

Assange sieht es als Auftrag eines Journalisten, Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen: ohne Rücksicht auf die politischen Konsequenzen. Die einzige Einschränkung: "Wenn wir am Rande eines Atomkriegs stünden und eine Publikation missverstanden werden könnte, wäre es sinnvoll, sie zu verschieben."

Mit den von russischen Hackern erbeuteten Informationen hat Assange kein Problem solange sich deren Richtigkeit überprüfen lasse. Absichtliche oder fahrlässige Verbreitung von Fake News will er sich nicht vorwerfen lassen. Aber Kritiker glauben nicht an Zufall, wenn WikiLeaks 2016 private E-Mails aus der Zentrale der Clinton-Kampagne just in dem Moment veröffentlichte, als alle Medien über Trumps "Pussy-grabbing" berichteten.

Den Vorwurf der Einseitigkeit weist Assange zurück. Immerhin hat WikiLeaks auch aufgedeckt, dass das syrische Regime mit der Vertreibung von Millionen Menschen eine gezielte Strategie verfolge. Den Ursprung des Syrien-Krieges sieht Assange aber in der Destabilisierungspolitik Washingtons: "Die USA versuchten, mit subversiven Aktivitäten die syrischen Regierung 'paranoid' zu machen und zu Überreaktionen zu reizen, durch das Anheizen von Konflikten zwischen Sunniten und Schiiten, dem Versuch, ausländische Investitionen zum Stoppen zu bringen und die geheime Finanzierung zahlreicher NGOs in Syrien", so Assange auf der Homepage von WikiLeaks.

Und weiter: "Natürlich zieht die CIA daraus Vorteile. Sie kreiert ein Problem, für das sie dann ein noch größeres Budget verlangen kann, um es dann anschließend zu lösen. Ähnlich zeigt sich die Situation bei Söldner-Firmen, Waffenherstellern und -händlern. Wenn es keine Probleme gibt, werden ihre Budgets gekürzt, also fabrizieren sie Probleme."

WikiLeaks wirft mit seiner Politik die Frage auf, was gefährlicher ist: bedingungslose Transparenz oder das subversive Wirken von Geheimdiensten, die nicht nur imstande sind, fast alle lückenlos zu überwachen, sondern auch zu manipulieren. Daniel Domscheit-Berg, der drei Jahre für WikiLeaks gearbeitet hatte, hatte schwere Auseinandersetzungen mit Assange wegen der diplomatischen Depeschen. Die ungefilterte Veröffentlichung hätte das Leben von Spionen aufs Spiel gesetzt. In seiner Aufarbeitung des Themas stellt er seinen ehemaligen Chef wenig schmeichelhaft dar.

Ein egomanischer Charakter

Assanges egomanischen Charakter hatten auch viele Freunde kritisiert, wie der IT-Experte Pablo Hörtner weiß. Er hat den Enthüllungsstar einmal beim Chaos Computer Club in Berlin live erlebt. Im Exil der ecuadorianischen Botschaft wurde Assange immer paranoider. Er verprellte den britischen Guardian und die New York Times, die für seine Recherchen hilfreich gewesen waren. Schließlich wandte sich auch die durch die Zusammenarbeit mit Edward Snowden bekannt gewordene Journalistin Laura Poitras von Assange ab.

Und Assange selbst? Zwei der Sexualdelikte sind inzwischen verjährt und Schweden hat den Haftbefehl Mitte Mai zurückgezogen. Die Botschaft will Assange trotzdem noch nicht verlassen, da noch ein Festnahmebeschluss der Londoner Polizei vorliegt. Und so kann sich der Mann im diplomatischen Asyl auch heute noch nicht sicher sein, dass es nicht die USA sind, die seiner habhaft werden wollen.

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