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Der Entmenschlichung widersprechen

Wie über den Tod sprechen, ist eine Grundfrage des Menschseins. Sie ist nicht leichtfertig zu beantworten, wie das Beispiel des Jean Améry zeigt.

Wie lässt sich über den Tod sprechen? Das ist eine der Grundfragen, die sich Menschen aufdrängt, wenn der Tod in ihrem Umkreis zuschlägt oder erlöst, je nachdem. Schon früh klagten Menschen über die kurzen Fristen, selbst wenn sie hohes Alter erreichten. So heißt es in einem Psalm Israels: Unser Leben währt 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es 80. Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin (Ps 90,10).

Später wurde auf dem Boden der Auferstehung Jesu Christi eine andere Sicht entfaltet, die mitunter euphorisch in den Tod ziehen ließ. Ignatius von Antiochien († um 107) sehnte sich nach dem Martyrium, um endlich als Weizen Christi zerrieben zu werden. Immer düsterer wurde es auf der Erde, je heller das Licht des Himmels über den Toten strahlte; man klagte übers Jammertal, aus dem der Tod einen entließ und sah vor sich den Himmel dort oben. Daran schloss sich eine Reihe von Sublimierungen des Todes: Ein Werkmann Gottes sei er, ein Durchbruch ins ewige Leben, ein Hiatus, den Christus geschlossen habe, ein Schelm, der droht, obwohl er entmachtet sei, ein Nichts, über das der Mensch schlafend hinweggetragen werde.

Von der Pein der Geschlagenen

So sprachen, die entweder im festen Glauben zu Hause waren, oder ein günstiges Leben erwischt hatten, das ihnen die furchtbare Pein der Geschlagenen erspart hatte, wie sie in Vertreibung, Terror, Folter, Mord lag. Wenn man solche Nachtgestalten des Lebens befragt, wie sich vom Tod sprechen lässt, vernimmt man etwas ganz anderes.

Eine solche Nachtgestalt war Jean Améry, der vor 100 Jahren, am 31. Oktober 1912, in Wien als Hans Chaim Mayer geboren worden war, Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter. Er konnte nicht wie Ignatius in ein ersehntes Martyrium fahren, sondern wurde am 23. Juli 1943 in Belgien als Mitglied einer Widerstandsbewegung verhaftet und der Gestapo übergeben.

Was folgte, waren Folter und Deportation in die KZs Auschwitz, wo man ihm die Nummer 172364 tätowierte, Buchenwald und Bergen-Belsen. Die Folter, dieser grässliche Auftakt des Kommenden, brannte sich ihm lebenslang ein. Denn waffenlos ist der Gefolterte dem Folterknecht und der Angst ausgeliefert: Man darf mich mit der Faust ins Gesicht schlagen, fühlt in dumpfem Staunen das Opfer und schließt in ebenso dumpfer Gewissheit: Man wird mit mir anstellen, was man will. Darüber kam er nie mehr hinaus. Denn wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. So war er zu einem Katastrophenjuden geworden, der seine Auschwitz-Nummer als Grundformel jüdischer Existenz jeden Tag vom linken Unterarm ablas.

Deshalb misstraute er ab dieser Zeit den Freiheitszusagen ebenso wie der Sublimierung von Alter, Sterben und Tod. Wenn er vom Altern sprach, dann sprach er vom unumkehrbaren Niedergang, der sich körperlich abzeichnet und den Menschen körperlich abquält. In seinem Essay Über das Altern fragt Jean Améry resigniert: Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmiger Schmerzen. Ihn widerte der Kitsch des abendbesonnten Idylls an, mit dem die Gesellschaft das Alter verklärt und sich verbirgt, was im Alter durchbricht: der Échec, wie Améry es nannte, der Schrecken vor der endgültigen Niederlage, die nicht abzuwenden ist, der Schrecken vor Sterben und Tod.

Tod ist Zwang

Das Widerfahrnis der Folter gab ihm hier die Perspektive: Alter, Sterben, Tod - all das ist Zwang, der gegen den Menschen waltet und ihn nicht eher loslässt, bis der Zwang den Menschen niedergeworfen hat. Denn auch das Altern macht mit einem Menschen, was es will. Dazu kommt noch der gesellschaftliche Zwang, den Jean Améry schmucklos analysiert hat. Dieser Zwang hat den Menschen auferlegt, jung zu sein, und verfügt über sie durch das soziale Alter. Denn eines Tages wird ein Mensch nicht mehr gefragt, was er tun wird, sondern alle stellen fest, nüchtern und unerschütterlich: Das hast du schon getan. Die anderen, so muss er erfahren, haben Bilanz gezogen und ihm einen Saldo vorgelegt, der er ist. Ernüchternd der Schluss des alternden Mannes: Zukunft ist offenbar ein Wertbegriff: Was morgen sein wird, ist mehr wert als das, was gestern war. So will es das natürliche Zeitempfinden.

Morgen aber wird er nicht mehr sein, weil er nicht mehr sein will. Jean Amérys Leben endete am 17. Oktober 1978 in einem Salzburger Hotel. Er bestritt vorweg im 1976 erschienen Essay Hand an sich legen energisch, dass einer, der in den Tod geht, ein Selbstmörder wäre, denn eine solche Handlung sei kein Mord und kein Verbrechen und von niemandem zu richten.

Jean Améry war ein Mensch, dessen Ehrlichkeit ungedämpft alles bestimmt hat, was er geschrieben hatte. Sein Vorteil: Er gehörte zu keiner Schule und zu keiner weltanschaulichen oder religiösen Gemeinschaft, die ihm Ansichten aufgenötigt hätten, die er nicht hätte abdecken können. Darum seine Abneigung gegen geistige Verrenkungen, die beschönigend und bewusst missdeuten, was geschehen war. Deshalb widerte es ihn an, sehen zu müssen, dass man nach dem Krieg eifrig die Krater aufgefüllt und die Ruinen weggeräumt hatte, in denen die Nazis ihre Verbrechen begangen hatten. Man stellte sich blind und taub und vergaß rasch - auch das ein Zwang, der gegen ihn als Überlebenden der Schoa wirkte. Die Wiedergekehrten gehörten eben auch danach nicht mehr dazu, sie, die Skelette, die man belebt hatte mit anglo-amerikanischen Cornedbeef-Konserven, kahlgeschorene, zahnlose Gespenster, gerade noch brauchbar, geschwind Zeugnis abzulegen und sich dann dorthin davonzumachen, wohin sie eigentlich gehörten.

Memento einer Befreiung

Was Jean Améry dagegenhielt, war der unendliche Durst nach echter, tatsächlicher Freiheit, die nicht mehr widerrufen werden konnte. Sein Tod war weder feig noch schwach, wie man Suizidären mitunter unterstellt. Sein Tod, der schließlich nur ihm gehörte, war schauderhaft; schauderhaft, weil Jean Améry nur durch eine solche massive Auflehnung gegen den chronischen Zwang eben diesen abwerfen konnte und dabei sich selbst vernichten musste. Er wusste um diesen Widerspruch, der in seinem Freitod liegen würde. Dieser Widerspruch war selbst noch zweifach: Er zerstörte nicht nur den Menschen, sondern widersprach auch den Bedingungen, die ihn entmenscht haben und schmetterte ihnen sein unwiderrufliches Nein entgegen.

Diese Befreiung verdient ein Memento, wenn man versucht, rund um Allerheiligen vom Tod zu sprechen. Denn immerhin blitzt auch hier ein Versprechen auf, das Jean Améry vor dem Freitod vernommen hat: das Versprechen, erlöst zu sein vom Sein, das zur Last ward, und vom ex-sistere, das nur noch Angst ist. Diese Befreiung verdient aufrichtigen Respekt.

* Der Autor ist kath. Fundamentaltheologe an der Universität Wien

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