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Feuilleton

Der exakte Blick auf das Allgemeine

1945 1960 1980 2000 2020
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Er war Physiker und Philosoph sowie ein Visionär der modernen Biologie - vor 50 Jahren verstarb der österreichische Nobelpreisträger Erwin Schrödinger (1887-1961). Was andere aus seinen Theorien gelegentlich folgerten, machte ihn nicht immer glücklich. Er revanchierte sich mit dem kaum verständlichen Experiment der Katze.

Mit dem Typus des modernen Naturwissenschaftlers hatte Erwin Schrödinger wenig gemein. Wiewohl ein Spezialist auf seinem Gebiet, der Physik, war er umfassend gebildet und interessiert. Angeblich sprach er zwölf Sprachen perfekt, verfasste Lyrik, las klassische Dichter im griechischen und lateinischen Original und beschäftigte sich intensiv mit europäischer und indischer Philosophie. Dennoch brachten Schrödingers wissenschaftliche Beiträge ihm nicht nur einen Nobelpreis ein, sondern sicherten ihm auch andauernde Berühmtheit und Bewunderung als einen der "Väter der Quantenphysik".

Über sich selbst sprach und schrieb Schrödinger ungern und selten. Zu den wenigen Ausnahmen zählen seine Antrittsrede vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 1929, ein knapp vierzig Zeilen langer Beitrag im Wochenmagazin "Reclams Universum" von 1930 sowie eine 1933 verfasste Biografie zum Anlass der Nobelpreisverleihung. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Schrödinger dann doch noch eine Art Autobiografie. In straffer Form fasste er die Eckpunkte seines Lebens zusammen. Der kurze Text liest sich, als wäre er beiläufig am Stück hingeschrieben. "Eine chronologisch geordnete Lebensbeschreibung gehört (?) zu den langweiligsten Dingen", begründet Schrödinger. "Weil doch in fast jedem Leben höchstens einzelne Erfahrungen (?) von Interesse sind, aber sehr selten die historische Aufeinanderfolge (?)."

Zuerst ein Hauslehrer, dann Klassenbester

Erwin Schrödinger wurde am 12. August 1887 in Wien geboren. Das familiäre Umfeld begünstigte seine intellektuelle Entwicklung. Sein Vater, ein Wachstuchfabrikant, hatte einige Jahre Chemie studiert und beschäftigte sich in seiner Freizeit wissenschaftlich mit Botanik. Der Großvater mütterlicherseits war Professor für chemische Technologie an der Technischen Hochschule in Wien (die heutige Technische Universität). Als Großbürgerspross erhielt Schrödinger seinen Volksschulunterricht von einem Hauslehrer. Mit elf Jahren sprach er bereits fließend Englisch. Im humanistischen Gymnasium war er der Klassenbeste. Bei Problemen wandten sich seine Mitschüler hilfesuchend an ihn. Fand er in Schulbüchern Fehler, informierte der junge Schrödinger die Verlage brieflich darüber. In den Fächern Mathematik und Deutsch musste der Musterschüler nicht zur mündlichen Matura antreten, weil seine schriftlichen Arbeiten in diesen Fächern so hervorragend waren.

Eigentlich wollte Schrödinger ein technisches Studium beginnen, doch ihm fehlte die nötige Kenntnis in Darstellender Geometrie, die er sich vergeblich im Selbststudium anzueignen versuchte. Auch eine Karriere als Dichter fasste er ins Auge, nahm aus ökonomischen Gründen aber doch davon Abstand (ein weiser Entschluss, wie sein 1949 erschienener Gedichtband belegt). 1906 inskribierte er an der Universität Wien Theoretische Physik. Das physikalische Institut war damals bereits ausstattungsmäßig auf der Höhe der Zeit. Der legendäre Ludwig Boltzmann hatte wenige Monate zuvor Selbstmord begangen, sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl wurde Friedrich Hasenöhrl. "Kein einzelner lebender Mensch hat einen stärkeren geistigen Einfluss auf mich geübt als Fritz Hasenöhrl - außer vielleicht mein Vater", schreibt Schrödinger später. Nach dem Studium arbeitet er als Assistent bei Franz Exner als Experimentalphysiker. Schrödinger erkennt jedoch bald, dass er sich nicht zum Experimentator eignet.

Ein Jugendfreund holt ihn nach Wien zurück

Im Ersten Weltkrieg diente Schrödinger erst als Offizier bei der Artillerieaufklärung, später als Meteorologe. Das Ende der Monarchie kostete ihn nicht nur eine bereits zugesagte Professur an der Universität in Czernowitz. Es konfrontierte die gut situierte Familie auch erstmals mit der Realität finanzieller Notlage. Nach dem Tod seines Vaters musste er dessen Bibliothek und Laborinstrumente verkaufen. In der Folge litt Schrödinger lange an Albträumen, in denen sein Vater noch lebte "und ich habe leichtsinnig die Grundlage seines geistigen Lebens in alle Winde verstreut". 1920 nahm er einen Lehrauftrag in Jena an, "meine Mutter etwas unrühmlich im Stich lassend". Damit beginnt Schrödingers akademische Laufbahn, die ihn an ungewöhnlich viele Orte führt. Es folgen Aufenthalte in Stuttgart, Breslau, Zürich, Berlin, Oxford, Graz, Gent und schließlich Dublin, wo er von 1939 bis 1956 eine von ihm "langes Exil" genannte Periode verbrachte. Auf Betreiben seines Jugendfreundes Hans Thirring kehrte Schrödinger 1956 nach Wien zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung zwei Jahre später lehrte. Seine Antrittsvorlesung über "Die Krise des Atombegriffs" fand im Audimax statt, das sich als viel zu klein für den Ansturm an Interessierten erwies.

Seine nachhaltigsten wissenschaftlichen Leistungen erbrachte Schrödinger in der Quantentheorie. In Aufsätzen begründete er 1926 die Wellenmechanik. Kern dieser Theorie ist eine Wellenfunktion, die es erlaubt, die Wahrscheinlichkeit anzugeben, mit der sich ein Quantenteilchen an einem bestimmten Ort aufhält. Die Wellenfunktion ist eine mögliche Lösung der sogenannten Schrödingergleichung, die das zeitliche Verhalten physikalischer Systeme beschreibt. 1933 erhielt er mit Paul Dirac dafür den Nobelpreis ("für die Entdeckung neuer produktiver Formen der Atomtheorie", wie die Begründung lautet). Mit den Konsequenzen, die andere aus seiner Theorie zogen, war der stets auf die Anschaulichkeit physikalischer Theorien bedachte Schrödinger nicht immer glücklich, was in seinem Experiment mit der Katze (siehe unten) deutlichen Ausdruck fand. So ist es einer Deutung der Wellenfunktion zufolge möglich, dass ein Teilchen sich an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig befindet. Für die Entwicklung der subatomaren Physik war die Wellenmechanik jedenfalls ungemein befruchtend.

In Dublin forschte Schrödinger an einer vereinheitlichten Feldtheorie, die Elektromagnetismus und Gravitation gleichermaßen erklären kann. Ebenso wie Einstein (und jedem anderen Physiker bis heute) blieb ihm der Erfolg versagt. Visionäre Weitsicht bewies er in dem populärwissenschaftlichen Buch "Was ist Leben?". Darin nahm er einige Konzepte der modernen Biologie vorweg, etwa den des genetischen Codes. Zunehmend beschäftigte Schrödinger sich mit der Philosophie, stets auf der Suche nach einer Wahrheit hinter Logik, Formeln und Gleichungen. Ausgehend von Schopenhauer und indischen Lehren entwickelte als Gegenposition zum vorherrschenden Materialismus eine Metaphysik des Geistigen. Sein philosophisches Vermächtnis findet sich kompakt in dem Werk "Meine Weltansicht". Schrödinger gehörte nie einer bestimmten Schule an, ließ sich stets von einer unstillbaren Neugier auf die allgemeinen Prinzipien hinter den speziellen Erscheinungen leiten. Am 5. Jänner 1961 starb Schrödinger in Wien an Tuberkulose. Fünf Tage später wurde er in Alpbach in Tirol beigesetzt.

Er war Physiker und Philosoph sowie ein Visionär der modernen Biologie - vor 50 Jahren verstarb der österreichische Nobelpreisträger Erwin Schrödinger (1887-1961). Was andere aus seinen Theorien gelegentlich folgerten, machte ihn nicht immer glücklich. Er revanchierte sich mit dem kaum verständlichen Experiment der Katze.

Mit dem Typus des modernen Naturwissenschaftlers hatte Erwin Schrödinger wenig gemein. Wiewohl ein Spezialist auf seinem Gebiet, der Physik, war er umfassend gebildet und interessiert. Angeblich sprach er zwölf Sprachen perfekt, verfasste Lyrik, las klassische Dichter im griechischen und lateinischen Original und beschäftigte sich intensiv mit europäischer und indischer Philosophie. Dennoch brachten Schrödingers wissenschaftliche Beiträge ihm nicht nur einen Nobelpreis ein, sondern sicherten ihm auch andauernde Berühmtheit und Bewunderung als einen der "Väter der Quantenphysik".

Über sich selbst sprach und schrieb Schrödinger ungern und selten. Zu den wenigen Ausnahmen zählen seine Antrittsrede vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 1929, ein knapp vierzig Zeilen langer Beitrag im Wochenmagazin "Reclams Universum" von 1930 sowie eine 1933 verfasste Biografie zum Anlass der Nobelpreisverleihung. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Schrödinger dann doch noch eine Art Autobiografie. In straffer Form fasste er die Eckpunkte seines Lebens zusammen. Der kurze Text liest sich, als wäre er beiläufig am Stück hingeschrieben. "Eine chronologisch geordnete Lebensbeschreibung gehört (?) zu den langweiligsten Dingen", begründet Schrödinger. "Weil doch in fast jedem Leben höchstens einzelne Erfahrungen (?) von Interesse sind, aber sehr selten die historische Aufeinanderfolge (?)."

Zuerst ein Hauslehrer, dann Klassenbester

Erwin Schrödinger wurde am 12. August 1887 in Wien geboren. Das familiäre Umfeld begünstigte seine intellektuelle Entwicklung. Sein Vater, ein Wachstuchfabrikant, hatte einige Jahre Chemie studiert und beschäftigte sich in seiner Freizeit wissenschaftlich mit Botanik. Der Großvater mütterlicherseits war Professor für chemische Technologie an der Technischen Hochschule in Wien (die heutige Technische Universität). Als Großbürgerspross erhielt Schrödinger seinen Volksschulunterricht von einem Hauslehrer. Mit elf Jahren sprach er bereits fließend Englisch. Im humanistischen Gymnasium war er der Klassenbeste. Bei Problemen wandten sich seine Mitschüler hilfesuchend an ihn. Fand er in Schulbüchern Fehler, informierte der junge Schrödinger die Verlage brieflich darüber. In den Fächern Mathematik und Deutsch musste der Musterschüler nicht zur mündlichen Matura antreten, weil seine schriftlichen Arbeiten in diesen Fächern so hervorragend waren.

Eigentlich wollte Schrödinger ein technisches Studium beginnen, doch ihm fehlte die nötige Kenntnis in Darstellender Geometrie, die er sich vergeblich im Selbststudium anzueignen versuchte. Auch eine Karriere als Dichter fasste er ins Auge, nahm aus ökonomischen Gründen aber doch davon Abstand (ein weiser Entschluss, wie sein 1949 erschienener Gedichtband belegt). 1906 inskribierte er an der Universität Wien Theoretische Physik. Das physikalische Institut war damals bereits ausstattungsmäßig auf der Höhe der Zeit. Der legendäre Ludwig Boltzmann hatte wenige Monate zuvor Selbstmord begangen, sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl wurde Friedrich Hasenöhrl. "Kein einzelner lebender Mensch hat einen stärkeren geistigen Einfluss auf mich geübt als Fritz Hasenöhrl - außer vielleicht mein Vater", schreibt Schrödinger später. Nach dem Studium arbeitet er als Assistent bei Franz Exner als Experimentalphysiker. Schrödinger erkennt jedoch bald, dass er sich nicht zum Experimentator eignet.

Ein Jugendfreund holt ihn nach Wien zurück

Im Ersten Weltkrieg diente Schrödinger erst als Offizier bei der Artillerieaufklärung, später als Meteorologe. Das Ende der Monarchie kostete ihn nicht nur eine bereits zugesagte Professur an der Universität in Czernowitz. Es konfrontierte die gut situierte Familie auch erstmals mit der Realität finanzieller Notlage. Nach dem Tod seines Vaters musste er dessen Bibliothek und Laborinstrumente verkaufen. In der Folge litt Schrödinger lange an Albträumen, in denen sein Vater noch lebte "und ich habe leichtsinnig die Grundlage seines geistigen Lebens in alle Winde verstreut". 1920 nahm er einen Lehrauftrag in Jena an, "meine Mutter etwas unrühmlich im Stich lassend". Damit beginnt Schrödingers akademische Laufbahn, die ihn an ungewöhnlich viele Orte führt. Es folgen Aufenthalte in Stuttgart, Breslau, Zürich, Berlin, Oxford, Graz, Gent und schließlich Dublin, wo er von 1939 bis 1956 eine von ihm "langes Exil" genannte Periode verbrachte. Auf Betreiben seines Jugendfreundes Hans Thirring kehrte Schrödinger 1956 nach Wien zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung zwei Jahre später lehrte. Seine Antrittsvorlesung über "Die Krise des Atombegriffs" fand im Audimax statt, das sich als viel zu klein für den Ansturm an Interessierten erwies.

Seine nachhaltigsten wissenschaftlichen Leistungen erbrachte Schrödinger in der Quantentheorie. In Aufsätzen begründete er 1926 die Wellenmechanik. Kern dieser Theorie ist eine Wellenfunktion, die es erlaubt, die Wahrscheinlichkeit anzugeben, mit der sich ein Quantenteilchen an einem bestimmten Ort aufhält. Die Wellenfunktion ist eine mögliche Lösung der sogenannten Schrödingergleichung, die das zeitliche Verhalten physikalischer Systeme beschreibt. 1933 erhielt er mit Paul Dirac dafür den Nobelpreis ("für die Entdeckung neuer produktiver Formen der Atomtheorie", wie die Begründung lautet). Mit den Konsequenzen, die andere aus seiner Theorie zogen, war der stets auf die Anschaulichkeit physikalischer Theorien bedachte Schrödinger nicht immer glücklich, was in seinem Experiment mit der Katze (siehe unten) deutlichen Ausdruck fand. So ist es einer Deutung der Wellenfunktion zufolge möglich, dass ein Teilchen sich an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig befindet. Für die Entwicklung der subatomaren Physik war die Wellenmechanik jedenfalls ungemein befruchtend.

In Dublin forschte Schrödinger an einer vereinheitlichten Feldtheorie, die Elektromagnetismus und Gravitation gleichermaßen erklären kann. Ebenso wie Einstein (und jedem anderen Physiker bis heute) blieb ihm der Erfolg versagt. Visionäre Weitsicht bewies er in dem populärwissenschaftlichen Buch "Was ist Leben?". Darin nahm er einige Konzepte der modernen Biologie vorweg, etwa den des genetischen Codes. Zunehmend beschäftigte Schrödinger sich mit der Philosophie, stets auf der Suche nach einer Wahrheit hinter Logik, Formeln und Gleichungen. Ausgehend von Schopenhauer und indischen Lehren entwickelte als Gegenposition zum vorherrschenden Materialismus eine Metaphysik des Geistigen. Sein philosophisches Vermächtnis findet sich kompakt in dem Werk "Meine Weltansicht". Schrödinger gehörte nie einer bestimmten Schule an, ließ sich stets von einer unstillbaren Neugier auf die allgemeinen Prinzipien hinter den speziellen Erscheinungen leiten. Am 5. Jänner 1961 starb Schrödinger in Wien an Tuberkulose. Fünf Tage später wurde er in Alpbach in Tirol beigesetzt.