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Der Fluch der dreizehnten Fee

Nicht nur Dornröschen, sondern auch König, Königin und Hofstaat waren in tiefen Schlaf gefallen und wir mit ihnen. Geschnarcht wurde in unterschiedlicher Lautstärke. Allen voran von Kanzler und Minister, die sich Fragen gestellt hatten, die sie in einer Sprache beantworteten, die sie selbst nicht verstanden. In grauer Vorzeit hatten sie noch vorgegeben, Arbeiter und Bauern zu vertreten, um sich zuletzt nur noch um den eigenen Profit zu kümmern. Einige Provinzgrößen unter ihnen hatten sich mit größenwahnsinnigen Bauprojekten vermeintliche Denkmäler errichtet und ihre Länder für Generationen in Schulden gestürzt. Die anderen begnügten sich mit undurchführbaren Gesetzen und mit dem Gefühl, mehr zu sein, als die gewöhnlichen Sterblichen. Ein schickerer Schnarchton kam von den smarten Managern und Bankern, die sich in die Cyberwelt irrationaler Geldgeschäfte gebeamt hatten.

Dem Volk hatte es im Schlaf ohnehin die Rede verschlagen. Wohlstand und Kauflust hatte man ihm als Lebensziel vorgegaukelt, Handwerk und Arbeit als notwendiges Übel schlecht gemacht. Freiheit von der Zeit, grenzenlose Freizeit und staatliche Sicherheit hatten die Demagogen gepredigt, die längst über alle Berge waren.

Einer der kleinen Leute erinnerte sich im Traum an die Party, die den Dauerschlaf ausgelöst hatte: Für die dreizehn weisen Frauen gab es nur zwölf goldene Teller, den dreizehnten wollten die vom Wohlstand verblendeten reformfreudigen Gastgeber einsparen. So riskierten sie den Fluch einer Frau und luden diese aus. Wir alle haben sie davongejagt. Die Hecke, die uns umgibt, ist dicht und gefährlich. Bisher ist jeder, der uns aufwecken wollte, in ihren Dornen verblutet. Noch schlafen wir tief und fest. Unser Erwachen könnte früher eintreffen, als es sich so manche beschwichtigenden Optimisten erträumen.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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