Der Gemütlichkeit an den Kragen

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Der Beginn des Nestroy-Jahres: Das österreichische Theatermuseum und das Wiener Kindertheater betonen die Modernität und Aktualität des großen Dichters.

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Der Beginn des Nestroy-Jahres: Das österreichische Theatermuseum und das Wiener Kindertheater betonen die Modernität und Aktualität des großen Dichters.

Er gilt als der österreichische Shakespeare und ist zweifellos der bedeutendste Lustspieldichter, den Österreich je hervorgebracht hat. Johann Nestroy reflektierte mit seinem realistisch-satirischen Volkstheater die gesellschaftlichen Entwicklungen wie ein Seismograph und schuf dabei Werke, die weit über das Lokale und ihre Entstehungszeit hinausreichen. "Der Mann kennt uns", zog der Schriftsteller Hermann Bahr 1896 den Hut vor dem Wegbereiter des modernen österreichischen Theaters. Zu Beginn des Nestroy-Jahres, das mit des Dichters 200. Geburtstag am 7. Dezember seinen Höhepunkt erreicht, werden das Österreichische Theatermuseum und das Wiener Kindertheater der Modernität und Aktualität Nestroys auf jeweils ihre Art gerecht.

Die Ausstellung "Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab" im Theatermuseum in Wien (bis 22. April) widmet sich der Rezeptionsgeschichte Nestroys, der es sowohl als Autor als auch als Schauspieler verstand, durch Satire, Parodie und Karikatur die Welt auf den Punkt zu bringen. Ein Zeitgenosse, der Dramatiker Friedrich Kaiser, beschrieb die Wirkung von Nestroys Stücken folgendermaßen: "Es war, als ob das Publikum (...) instinktiv geahnt hätte, dass mit Nestroy die Zeit gekommen sei, in welcher die gepriesene Gemüthlichkeit und die kindlich unbefangene Lust an harmlosen Schwänken ihr Ende erreichen würde." Nach Nestroys Tod 1862 verschwanden seine Stücke zwar nicht von den Bühnen, aber die "Gemüthlichkeit", die er den Wienern zeitlebens austreiben wollte, bemächtigte sich der Aufführungen seiner Stücke.

Erst Karl Kraus leitete anlässlich des 50. Todestages Nestroys literarische Rehabilitierung ein. Der Herausgeber der "Fackel" sah in Nestroy keinen "österreichischen Dialektdichter", sondern den "ersten deutschen Satiriker, in dem sich die Sprache Gedanken macht über die Dinge" - "...weil er die Gemütlichkeit zuerst einseifte, wenn's ans Halsabschneiden ging".

Die Verniedlichung und Verharmlosung Nestroys zur biedermeierlichen Unterhaltung auf der Bühne wurde jedoch noch lange fortgesetzt: 1925 wetterte Kraus in seiner Abrechnung "Nestroy und das Burgtheater" über "nestroyvernichtendes Geblödel", "Ahnungslosigkeit" und "Stickluft routinierten Dilletantismus'". Doch auch 30 Jahre später war es der Gemütlichkeit noch nicht an den Kragen gegangen. Anhand zahlreicher Hörbeispiele, Fotos und Filmaufnahmen zeigt das Theatermuseum den Kontrast zwischen den lange vorherrschenden unterhaltenden, entpolitisierten auf der einen und den politischen, satirisch-bissigen Nestroy-Inszenierungen auf der anderen Seite.

Legendär ist Leopold Lindbergs Inszenierung von "Einen Jux will er sich machen" mit Josef Meinrad und Inge Konradi in den Hauptrollen, die W. Edgar Yates, Vizepräsident der internationalen Nestroy-Gesellschaft, für eine der unterhaltsamsten und am "geschicktesten inszenierten und gespielten" Nestroy-Inszenierungen hält, die er je gesehen hat. Aber: die für Nestroy charakteristische Schärfe und Aggression sei dabei zu kurz gekommen, diese Aufführung sei eher "auf den Jux als auf die Satire" ausgelegt gewesen. Interessanterweise wurde diese Inszenierung, die mit den Worten des Kritikers Hans Weigel "allen Anspruch darauf, als klassisch angesehen zu werden" erhob, nicht textgetreu gespielt - wie es sich angeblich für einen Klassiker geziemt.

Für die andere Nestroy-Lesart stehen die satirisch schlagkräftigen, lebensnahen Nachkriegs-Inszenierungen des Neuen Theaters in der Scala und die vielen Inszenierungen Gustav Mankers am Wiener Volkstheater. Dort wurde in der Saison 1972/73 ein "Gewürzkrämer-Kleeblatt" herausgebracht, bei der Hilde Sochor in der Rolle der Madame Cichori das die Männer belächelnde Couplet "'s is a starkes Geschlecht, aber schwach, aber schwach" mit einer Aggressivität vorbrachte, "die dem Geist der Premiere 1845 nahe gekommen sein muss" (Yates).

Damit der sprachakrobatische Virtuose Nestroy bei den nachfolgenden Generationen nicht immer mehr in Vergessenheit gerät, hat das Wiener Kindertheater das Projekt "Schüler entdecken Nestroy" ins Leben gerufen. Schüler und Jugendliche aller Altersstufen sollen für den Volksdichter begeistert werden, sollen ihn spielen und inszenieren. In so genannten Masterclasses sollen sie prominente Schauspieler wie Karl Markovics, Robert Meier oder Elfriede Ott dabei unterstützen.

Herzstück der Aktion ist der "Nestroy-Koffer", eine Materialiensammlung für Lehrer. Darin befinden sich unter anderem sechs gekürzte Stücke mit Glossar ("Der Talisman", "Der Zerrissene", "Der böse Geist Lumpazivagabundus", "Die schlimmen Buben in der Schule", "Zeitvertreib", "Häuptling Abendwind") und eine CD mit alter und neuer Musik, die sich bestens zur Vertonung von Couplets eignet. Ein Überraschung ist die vom Komponisten Michael Mautner arrangierte Originalmusik. Während bei einer Nestroyschen Posse mit Gesang ja heute meist nur eine Handvoll Musiker auf der Bühne sitzt, war als Begleitung ursprünglich ein 40-Mann-Orchester vorgesehen, eine Ouvertüre war obligatorisch. Mautner: "Das geht schon in Richtung Spieloper."

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