Österreichs Pfarrer fühlen sich enorm unter Druck. Aus Seelsorgern drohen Pastoralmanager zu werden. Doch für Reformen fehle der Kirche das Verständnis.

Es mag Zufall sein oder als ein Zeichen verstanden werden: Just als Kardinal Schönborn in Rom dem Papst seine offene Kritik an Kardinalskollegen erläuterte, wurde in Wien eine Umfrage unter Pfarrern bekannt, die Schönborn bestätigt und Rom ein vernichtendes Zeugnis ausstellen.

Eine Mehrheit der von ORF und GfK im Frühjahr befragten 500 Pfarrer ist der Ansicht, der Umgang der österreichischen Kirche mit dem sexuellen Missbrauch sei richtig und angemessen, jener des Vatikans hingegen nicht: 66 Prozent bescheinigen der hiesigen Kirche ein weit besseres Krisenmanagement als der römischen Kurie, deren Aussagen nur von 22 Prozent für völlig richtig befunden wurden. Das ist nicht der einzige herbe, für die Kirchenführung bedenkliche Befund.

Die Pfarrer fühlen sich überfordert und überlastet. Sie wünschen Entlastung in in Arbeit und Lebensführung, sind für Berufung und Weihe von Frauen sowie bewährten Personen. Diese Umfrage unter den in der Seelsorge tätigen Priestern lässt „Handlungsbedarf“ für die Kirche erkennen, schreibt Gerhard Klein, Leiter der ORF-Hauptabteilung Religion und ein Initiator der Studie, in dem vom Pastoraltheologen Paul M. Zulehner verfassten Bericht (siehe Buch-Tipp). Klein: „Die Mehrheit der Pfarrer in Österreich will Reformen.“ Und das aus zahlreichen, schwerwiegenden Gründen.

Mehrfache Belastung für Priester

Die Geistlichen fühlen sich nämlich in ihrem Selbstverständnis „weniger als Kirchendiener, sondern als Gottes Mitarbeiter zu Gunsten der Menschen.“ Wegen des Priestermangels weniger Seelsorger zu sein, sondern mehr ein Manager, wird von 85 Prozent der befragten Priester beklagt.

Aktuelle Umstände erschweren ihre Lage: Mehr als die Hälfte meint, der sexuelle Missbrauch sei für die Kirche ein größeres Problem als für andere Institutionen. Die undifferenzierte Debatte sei belastend, denn es würden Zölibat, Homosexualität, Pädophilie, pädagogische Gewalt und sexueller Missrauch in einen Topf geworfen.

Zur akuten Malaise kommen die ständigen Sorgen. Ein Merkmal des Pfarrberufes heute sei, so Zulehner, „notorische Dauerbelastung“: „Pfarrer spüren, dass sie zahlenmäßig weniger und zugleich als Berufsgruppe älter werden.“ Die Kirchenführung reagierte darauf mit der Einrichtung pastoraler Großräume, doch genau das erhöht nochmals die Arbeitsbelastung der Pfarrer.

Das Schreckensbild großer Pfarreien und ihrer Folgen: „Aus einem Seelsorger an der Seite der Menschen wird der Chef eines pastoralen Mittelunternehmens“, die Pfarrer entwickeln sich „aus Gottesmännern zu Pastoralmanagern.“ Ein schockierendes Szenario, wie es auch Pfarrer Udo Fischer in seinem FURCHE-Gastkommentar schreibt. Die Geistlichen sehen nämlich die Bedeutung all jener Aufgaben, die ihnen wichtig sind, in den nächsten zehn Jahren schwinden. Lediglich die Anforderung, größere pastorale Räume zu managen, werde zunehmen.

Schon aus Überlebensgründen und aus Sorge um die Kirche würden Priester darüber nachdenken, wie es künftig mehr Priester geben könnte. Ein Weg dazu sei, den Bestand an Personen, aus denen die Kirche Priester auswählen könne, zu erweitern.

Weihe von Frauen und bewährter Personen

An erster Stelle rangiere die Weihe von bewährten verheirateten Männer zu Priestern: 62 Prozent sind voll und ganz dafür, weitere 17 Prozent stimmen abgestuft zu, also zusammen 79 Prozent. Eine ähnlich hohe Zustimmung findet der Gedanke: „Kann die Kirche in gläubigen Gemeinschaften keinen ehelosen Priester zur Verfügung stellen, sollen bewährte Personen aus der Gemeinschaft ausgebildet und geweiht werden. Gesamte Zustimmung: 75 Prozent. Die verpflichtende Ehelosigkeit ist, entgegen landläufiger Einschätzung, nicht das zentrale Problem.

Ein Großteil der befragten Ehelosen würde selbst dann, wenn sie das Amt behalten könnten, nicht heiraten: 47 Prozent sicher nicht, 31 Prozent wahrscheinlich nicht. Der Anteil der (eher) Heiratswilligen liege, wie Zulehner schreibt, bei 19 Prozent: „Das bedeutet, dass die Pfarrer mit dem Zölibat und der von ihnen individuell verantwortlich entwickelten Lebenskultur ganz gut zurechtkommen – wobei die dunkle und bedrängende Frage offen bleiben muss, wie eventuelle Partnerinnen oder Partner und Kindern aus solchen Verbindungen damit leben (können).“ Zulehner bezieht sich auf einen bedenklich stimmenden Befund aus der Umfrage: Befragt, wie sie denn auf ihr Leben als Eheloser zurückblickten, antworteten 67 Prozent, sie hätten „einen eigenständigen Weg gefunden, den ich verantworten kann.“ Zulehner: „Das deutet darauf hin, dass es einen verantworteten Weg gibt, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mit den disziplinären Vorgaben der Kirche nicht deckungsgleich ist.“ Andersrum ausgedrückt: „Die kirchlichen Autoritäten haben bei zwei Drittel der Pfarrer die Gestaltungsmacht über die Lebensform teilweise verloren.“ Diese Daten machen die Studie bedeutsam, brisant und richtungsweisend: Einerseits wegen der Folgerungen für die Debatte um das Priesteramt, andererseits wegen des Aufzeigens der offensichtlichen Kluft zwischen der Kirche und dem Klerus sowie zwischen Kirche und Moderne.

Die Studie erweitert die Diskussion um die Lebensform der katholischen Priester. Lief diese bisher unter dem Motto „Abschaffung des Pflichtzölibats“, so könne sie künftig nur unter dem Begriff „Anreicherung des Priesteramtes“ geführt werden, und zwar durch Personen mit nicht akademischer Ausbildung, mit weiblicher Lebens- sowie mit Partnerschaftserfahrung. Die Ausweitung des Pools, aus dem Priester kommen, sei unumgänglich. Dazu gehörten die Weihe von Frauen oder von Verheirateten: „Die Frauenordination ist für viele kein theologisches Diskussionsthema mehr, sondern schlicht eine kirchenpolitische Forderung.“ Genau darin fühlen sich die Geistlichen von der Kirchenführung nicht verstanden.

Große Kluft zur Führung der Kirche

Mehr als die Hälfte der Pfarrer denke in wichtigen Fragen anders als die Kirchenleitung. Das gilt für die referierten Themen, ebenso aber für die Sakramente für wiederverheiratete Geschiedene. Nahezu drei Viertel der Pfarrer meinten, das Kirchenvolk denke in wichtigen Themen ebenfalls anders als die Kirchenführung. Zulehner zusammenfassend zur Studie: „Das markanteste und vielleicht wichtigste Ergebnis ist, dass es zwischen den hoch motivierten und sehr loyalen Pfarrern und ihrer Kirchenleitung eine tiefe Dissonanz gibt.“

Nahezu drei Viertel der Pfarrer erlebt die Kirchenleitung als „hilflos und visionslos“. Diese setze andere, falsche Signale, indem etwa die Pfarrerinitiative oder die Laienintiative kaum Gehör fänden: „Die katholische Kirche riskiert mit einer solchen Vorgangsweise, ihr loyales Reformpotenzial durch andauernde Enttäuschung zu verlieren.“ Was übrig bleibe, seien jene beharrenden Teile der Kirche, die mit der Modernisierung des Lebens nicht Schritt halten könnten oder dies gar nicht wollten.

Aufgrund der Auseinandersetzung mit der ambivalenten Moderne stecke die Kirche in einer „tiefen Umbaukrise“. Der Glaube sei nicht mehr Schicksal sondern Wahl, analysiert Zulehner. Doch die Kirchenleitung werde von den Pfarrern und dem Kirchenvolk als skeptisch gegenüber der Moderne empfunden. Sie sei zu wenig weltoffen. Das irritiere die Pfarrer, für die Weltoffenheit unverzichtbar für den Dienst sei, den sie trotz der Belastungen gerne ausüben.

Wie geht‘s, Herr Pfarrer

Ergebnisse einer „kreuz und quer“-Umfrage: Priester wollen Reformen.

Von Paul M. Zulehner, Styria 2010

176 Seiten, Gebunden, e 19,95

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau